Literaturwissenschaft und Praxis

Michael
Serrer
Düsseldorf

Der Wert von Worten

Michael Serrer aus dem Literaturbüro Düsseldorf im Interview mit der Textpraxis-Redaktion

Michael Serrer studierte Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie und Politikwissenschaft. Neben Lehraufträgen an mehreren Universitäten und Veröffentlichungen über Literatur des 18. und des 20. Jahrhunderts sowie zu literaturtheoretischen Fragen schreibt Serrer Beiträge in der Zeit, der Neuen Zürcher Zeitung und auf FAZ.net. Er war Berater der EXPO2000 und ist Herausgeber von mehr als vierzig Büchern – sowie seit 1998 Leiter des Literaturbüros NRW in Düsseldorf.

Die Textpraxis-Redaktion unterhält sich mit Serrer über Literaturvermittlung in Zeiten der Digitalisierung, über Kanonisierung  und die Rolle der Literatur in der Gesellschaft.

Textpraxis: Lieber Michael Serrer, vielleicht können Sie in wenigen Worten zusammenfassen, was die Aufgabe und Ziele des Literaturbüros sind.

Michael Serrer: Unsere Satzung ist erfreulich offen: Das Literaturbüro NRW soll die Literatur und die AutorInnen in NRW fördern. Da lässt sich natürlich eine Menge ganz unterschiedlicher Dinge betreiben – sofern sich auch die dazu notwenigen Gelder besorgen lassen. So gehören zu unseren Tätigkeiten die Organisation von Lesungsreihen, die Beratung von AutorInnen und Literaturveranstaltern, die Herausgabe von Publikationen, das Betreiben von Weiterbildungsseminaren für SchriftstellerInnen (oder solche, die es z.B. schon im Grundschulalter werden möchten) sowie Lobbyarbeit für die Belange der Literatur.

Textpraxis: Wie sieht Ihre tägliche Arbeit, ein typischer Arbeitstag aus?

Michael Serrer: Jeder Tag ist anders. Planungsgespräche mit Kooperationspartnern, Telefonate mit Ratsuchenden, Kontakte zu Sponsoren, Informationsbeschaffung, um in literarischen wie in kultur- und finanzpolitischen Belangen auf dem Laufenden zu sein, Treffen mit AutorInnen, Korrekturlesen von Werbematerial und Publikationen, Koordinierung der bürointernen Abläufe, Verfassen von Anträgen, Erstellung von Wirtschaftsplänen und Verwendungsnachweisen, logistische und inhaltliche Vorbereitung und (zumeist abendliche) Durchführung von Lesungen und Diskussionsveranstaltungen – nicht jeden Tag von allem etwas, aber eben doch von sehr vielem etwas. Nur zum Lesen komme ich während der Arbeitszeit nicht, das muss dann in der Freizeit stattfinden.

Textpraxis: Was bedeutet das Anliegen Literaturvermittlung für Sie? Wo liegen hier die Herausforderungen?

Michael Serrer: Die Dominanz der Bilder ist erdrückend; dagegen immer wieder auf den Wert von Worten, von Sprachkunst hinzuweisen, das ist schwierig, aber gesellschaftlich – und ich denke auch anthropologisch – notwendig.

Textpraxis: Was sind für Sie Formen und Methoden zeitgemäßer Literaturvermittlung?

Michael Serrer: Ein Beispiel ist unser neues Projekt TextStellen 2.0. Wir erarbeiten zur Zeit Schilder und Klebefolien, die in der Landeshauptstadt Düsseldorf an rund zwanzig literaturgeschichtlich interessanten Gebäuden angebracht werden sollen. Auf den Trägern befindet sich ein Signet mit einem QR-Code. Wer diesem mit dem Mobiltelefon folgt, landet auf Internetseiten mit Informationen zu dem jeweiligen Haus und seiner Bedeutung für die Literatur; zudem werden Audiofiles zu hören sein mit Texten der AutorInnen, die dort gelebt haben oder in dessen Dienst das Haus heute steht. Sie können auf die TextStellen 2.0 gespannt sein, denn die Hauptstadt des bevölkerungsreichsten Bundeslandes hat nicht nur Heine zu bieten.

Ein anderes Beispiel sind die an vielen Orten anzutreffenden Reihen unter dem Motto Eine Stadt liest ein Buch. Das Literaturbüro NRW war schon Anfang des Jahrtausends nach dem Hamburger Literaturhaus die zweite Einrichtung in Deutschland, die diese ursprünglich aus Chicago kommende Idee über mehrere Jahre erfolgreich umgesetzt hat.1

Textpraxis: Ist Literatur in Buchform möglicherweise ein Auslaufmodell in Zeiten, in denen online jede Menge Schrift produziert und verbreitet wird – oder lässt es sich eher mit Umberto Eco und Jean-Claude Carrière halten, die im Buch die »größte Erfindung der Menschheit« sehen?

Michael Serrer: Dass Texte nicht gedruckt werden müssen, um gelesen werden zu können, ist ein enormer Fortschritt. Ich erstelle diesen Text hier auch am Bildschirm und maile ihn Ihnen dann, von Papier und Tinte keine Spur. Längere Texte, Aufsätze und Bücher, lese ich selbst zwar lieber gedruckt, aber das ist vermutlich Gewohnheit – in Stadtbüchereien werden auch E-Books ausgeliehen, deren papierene Brüder und Schwestern hunderte von Seiten dick sind. Aufwändig gestaltete Bücher dürften erst einmal keine Existenzprobleme haben, wohl aber solche, die Informationen vermitteln wollen ohne großen grafischen Anspruch. Dass Telefonbücher vermutlich aussterben, führt  nicht zum Untergang des Abendlandes, sondern zur sinnvolleren Nutzung schwedischer Wälder.

Aber wir werden uns in vielerlei Hinsicht umorientieren müssen. Ein kleines Beispiel: Wenn ich in meiner Wohnung zu einem bestimmten Regal gehe, wird mir optisch sofort klar, in welchem Umfeld das Buch steht, das ich gerade suche; ich sehe die Nachbarn, die oft zur selben Zeit erstmals gelesen wurden. Ich habe keine Idee, wie eine Wiederbegegnung mit der eigenen Leserbiografie erfolgen soll, wenn ich alle Texte als Dateien auf einem (möglichst nicht von Amazon hergestellten und verkauften) Lesegerät habe.

Textpraxis: Wo sehen Sie die Wichtigkeit, mit Literaturproduzierenden auch zusammenzutreffen, Sie nicht nur zu lesen, sondern selbst lesen zu hören? Und worin liegt der Reiz für die AutorenInnen, auf ihr Publikum zu treffen?

Michael Serrer: Für das Publikum ist es wohl der Live-Charakter – manche von denen, die schreiben können, können auch wunderbar vortragen (– leider nicht alle).

Für die AutorInnen ist es zuallererst der schnöde Mammon: Rund 60 % der Einkünfte, die SchriftstellerInnen mit ihrer Literatur erzielen (und nicht als KellnerInnen, LehrerInnen, TaxifahrerInnen, JournalistInnen), sind Lesungshonorare, nur 40 % werden durch Buchverkäufe erzielt. Und viele der Schreibenden freuen sich auch, wenn sie das Produkt vieler einsamer Stunden anderen Menschen vorstellen können. Wobei lange Lesereisen, wie ich immer wieder bei AutorInnen bemerke, doch sehr anstrengend sind. Veranstalter sollten nicht nur gegenüber dem Publikum, sondern auch gegenüber den eigentlichen Helden des Abends aufmerksam und rücksichtsvoll sein.

Textpraxis: Wie bewerten Sie mögliche Kanonisierungsfunktionen von Literaturbüros? Sind diese nicht auch ein Filter für den gesellschaftlichen literarischen Diskurs?

Michael Serrer: Natürlich, wie LiteraturkritikerInnen in Zeitschriften oder im Radio oder im Fernsehen auch. Bei den zehntausenden deutschsprachigen Neuerscheinungen jedes Jahr braucht jeder von uns Orientierung. Zum Glück sind unsere Vorschläge ja nicht verbindlich, jede/r kann sie annehmen oder es bleiben lassen. Und zum Kanon: Dass nach der ersten Aktion Düsseldorf liest ein Buch, bei der ein Roman von Dieter Forte im Mittelpunkt unserer Aktivitäten stand, eine Schule nach diesem herausragenden zeitgenössischen Schriftsteller benannt wurde – ja, das sehe ich schon als kleinen Erfolg im Bemühen um Fortes Kanonisierung.

Textpraxis: Wie sieht das Verhältnis der Aspekte Nachfrage und Auflagenstärke zu kulturellen und politischen Dimensionen der Literatur aus?

Michael Serrer: Die Antwort ist ja jedem bekannt. Als Goethe lebte und schrieb, waren nicht seine Bücher Bestseller, sondern die seines Schwagers Vulpius (Die Abenteuer des Räuberhauptmanns Rinaldo Rinaldini). Aber Goethe hat die Literatur, zum Beispiel mit seinem West-östlichen Divan, unendlich mehr bereichert. Das ist heute ganz genauso. Peter Huchel und Johannes Bobrowski zum Beispiel waren wunderbare Lyriker, aber wenn man in der alten Bundesrepublik AutorInnen aus der damaligen DDR las, dann vor allem solche, bei denen die deutsche Teilung eingängig thematisiert wurde, wie etwa Christa Wolf.

Textpraxis: Und wie ist der Stellenwert des Regionalen der Literatur für das Literaturbüro – möglicherweise auch als eine Art Einschränkung – zu bewerten?

Michael Serrer: König Ödipus spielt in Theben, ist das gut oder schlecht? Verbrechen und Strafe ist eindeutig in Sankt Petersburg angesiedelt – Regionalliteratur oder Weltliteratur?

Textpraxis: Gibt es Kooperationen zu anderen Institutionen der Literaturvermittlung?

Michael Serrer: Mit vielen, das ist sogar ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Aber  auch mit anderen kulturellen Einrichtungen wie etwa vielen Museen in NRW. So haben wir zum Beispiel die Idee Museumsschreiber NRW entwickelt und mit Hilfe der Kunststiftung und der Museen in die Tat, in viele kleine Bücher, umgesetzt: Jeweils ein/e AutorIn schreibt über ein Museum – einen Essay, eine Erzählung, eine Kindergeschichte. Das nannte sich einst die »wechselseitige Erhellung der Künste«, heute spricht man, leider sehr wenig ambitioniert, schlicht von »Crossover«.

Textpraxis: Arbeitet das Literaturbüro mit der Literaturwissenschaft zusammen?

Michael Serrer: Nun, alle drei Angestellten des Literaturbüros NRW – neben mir noch Heike Funcke und Maren Jungclaus – sind selbst LiteraturwissenschaftlerInnen. Die Inhalte und die Verfahren unserer Fächer sind uns vertraut, und wir bemühen uns um eine Anwendung, mitunter tatsächlich ad usum delphini. Der Reflexionsgrad, das Methodenbewusstein eines durchschnittlichen Lesungspublikums unterscheiden sich nun mal von dem eines germanistischen Doktorandenkolloquiums. Tatsächlich arbeiten wir auch auf verschiedenste Weise mit LiteraturwissenschaftlerInnen zusammen – indem wir sie als ReferentInnen einladen, indem wir gemeinsam mit ihnen Veranstaltungen konzipieren, oder auch durch Mitarbeit bei der Ausbildung der jungen LiteraturwissenschaftlerInnen, etwa durch Lehraufträge an verschiedenen Universitäten.

Textpraxis: Wofür braucht unsere Gesellschaft LiteraturwissenschaftlerInnen?

Michael Serrer: Zu vielerlei Zwecken. Manche würden betonen: zur Erstellung von zuverlässigen Textausgaben, andere: zur Ausbildung von LehrerInnen; wieder andere: zur Beobachtung des Sprachwandels. Ich möchte herausstellen: zum  professionellen Nachdenken über etwas, was uns (neben anderem) von anderen Lebewesen grundlegend unterscheidet, nämlich das Nachdenken über kunstvoll geformte Sprache.

Die Reaktion bedank sich herzlich bei Michael Serrer für das Interview!

Das Interview wurde transkribiert und redaktionell bearbeitet von Janneke Schoene.