Nachruf auf Prof. Dr. Karin Priester

Karin Priester (29. Dezember 1941 - 25. April 2020) zählte zu jener kleiner werdenden Gruppe von historisch orientierten Gesellschaftswissenschaftler*Innen, deren abwägender Blick auf die Verhältnisse der Gegenwart geschärft war durch die Auseinandersetzung mit konservativ-autoritären und patriarchalen Strukturen in Gesellschaft und Politik.

Ihr herrschafts- und ideologiekritischer Blick hat in ihrer Arbeit als Forscherin, Schriftstellerin und akademischer Lehrerin modische Zeitströmungen und „Ismen“ gemieden, die die soziologische Profession periodisch heimzusuchen pflegen.

Karin Priester studierte Romanistik, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Köln, Aix-en-Provence, Berlin und Florenz. Nach einer Dissertation über den italienischen Faschismus (Köln 1972) schloss sie das Studium mit einer Habilitationsschrift über die Staatstheorie des italienischen Marxismus (Marburg 1981) ab. Ihre vielen Publikationen seither demonstrieren eine kritische Optik, nicht zuletzt mit Blick auf postdemokratische Entwicklungen bis hin zu den Erscheinungsformen des rechten Populismus samt Tendenzen eines wieder erstarkenden Rassismus. Wegweisend in dieser Hinsicht ist eine Studie über die jungen europäischen Jihadisten.

Den Studierenden am ‚Institut für Soziologie‘, an dem sie seit 1981 forschte und lehrte, eröffnete sie europäische Perspektiven. Ihre Lehre zeichnete sich aus durch den Reichtum an fachlichen Facetten. Immer anregend hatte sie großen Zulauf, was dadurch unterstützt wurde, dass sie sich um studentische Belange kümmerte.

Die Verbundenheit mit Italien zeigte sich nicht nur in Reisen und Lehrtätigkeiten (Università di Bologna), sondern lässt sich auch an ihrer eingehenden Beschäftigung mit der Geschichte und Kultur der Langobarden ablesen. Ihre weitgespannten Studien und Interessen belegen zudem einfühlsame Biografien von Mary Shelly oder Mary Wollstonecraft, die die weiblichen Emanzipationsbemühungen des frühen 19. Jahrhunderts belegen.

Auch im Ruhestand war Karin Priester weiter publizistisch tätig; sie hielt dem Institut für Soziologie bis zuletzt eine arbeitsame Treue.

Wir trauern um den Verlust einer lieben, engagierten und stets diskussionsfreudigen Kollegin.

Im Namen des Instituts für Soziologie

Hanns Wienold, Sven Papcke, Marko Heyse & Joachim Renn