Themenfeld Rechtskultur

Figuren der Legitimität

Rechtskultur und Philosophie in Osteuropa

Das Räsonnieren über Recht und Gesetz, keine Vorzugsgattung des öffentlichen Diskurses in Russland, findet unter den Bedingungen der Autokratie vielfach unterschwellig in der Belletristik und Literaturkritik statt. Die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sichtbaren Ansätze russischer „Rechtskunde“ werden seit dem publizistischen ‚Betriebsunfall‘ um Aleksandr Radiščevs «Reise von Moskau nach Petersburg» streng von allem öffentlichen Räsonnement abgeschnitten und bleiben – vollends nach dem Dekabristen-Aufstand von 1825 – ohne Wirkungsmacht gegenüber den offiziell geförderten legitimistischen Sozial-‚Philosophien‘. So beherrscht die rechtsnihilistische Polemik slavophiler Literaten das Feld, bevor mit der Justizreform 1864 allmählich ein professioneller Advokatenstand und eine argumentierende Rechtsphilosophie entstehen. Die liberalen Rechtsphilosophen sind ihrerseits bald mit Lev Tolstojs irrationalistischer Rechtskritik und anderen institutionen-feindlichen Lehren konfrontiert – den Symptomen einer bis in die 1930er Jahre erörterten „Krise des Rechtsbewusstseins“. Der Gegenwartsbezug von Forschungen zur Rechtstheorie des umrissenen Zeitraums liegt auf der Hand: Alle osteuropäischen Reformstaaten waren nicht nur mit Rechtstransfer aus westlichen Systemen konfrontiert, sondern auch mit der Frage, wie Rechtsstaatlichkeit durch den Rückgriff auf eigene Traditionen plausibel gemacht werden kann.

I. Vorarbeiten

II. «Erzählte Justiz in Russland. Narrative Übersetzungen einer Rechtsordnung, 1864-1918»

III. «Institutionen und institutioneller Wandel im Postsozialismus: Recht und Rhetorik» (gemeinsam mit Prof. Dr. Angelika Nußberger, Institut für Ostrecht der Universität zu Köln)