Forschungsschwerpunkte am Institut für Slavistik [vormals Slavisch-Baltisches Seminar]

Folgende Themen werden schwerpunktmäßig am Institut für Slavistik untersucht:

  • Ukrainistik. Forschungen und Arbeitsmittel zur Kulturgeschichte und Didaktik
  • Kultur und Geschichte des russischen Imperiums
  • Osteuropäische (speziell polnische) Roman- und Erzählliteratur vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis in die jüngste Zeit
  • Figuren der Legitimität: Rechtskultur und Philosophie in Osteuropa, bes. Russland
  • Osteuropäische Komparatistik (vergleichende Studien zu verschiedenen slavischen sowie zur litauischen Literatur)
  • Die slavische Komödie des 19. & 20. Jahrhunderts (Komparatistik I)
  • Studien zur litauischen Dichtung im europäischen Kontext (Komparatistik II)
  • Forschungen zu Mittelalter und Früher Neuzeit bei den Slaven. Renaissance und Humanismus in Polen und Böhmen
  • Slavische Philologie und Linguistik

Liste der betreuten Abschlussarbeiten (Prof. Dr. Alfred Sproede)

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Europa-Kolleg

Am Europa-Kolleg (2012-2015) nahm das Slavisch-Baltische Seminar mit dem Teilprojekt: "Die Ukraine und die Herausforderung Europa" teil.

Kompost

KomPost

Im KomPost-Verbund stehen "Institutionen und institutioneller Wandel im Postsozialismus" im Fokus.

Rechtskultur

Ein besonderer Schwerpunkt ist die Forschung zur Rechtskultur in Osteuropa.

Zur Geschichte des Instituts für Slavistik [vormals Slavisch-Baltisches Seminar]

  • 1930-1958

    Die Gründung des Slavischen Seminars an der Universität Münster im Jahr 1930 trug der wachsenden politischen Bedeutung der slavischen Staaten in Ost- und Mitteleuropa sowie dem erhöhten Interesse an Sprache und Kultur dieser Völker Rechnung. Zur Vorgeschichte dieser Entscheidung gehören die Lehraufträge für Russisch und Polnisch, die auf Erlass des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung in Berlin erstmals 1919 an der Universität Münster erteilt worden waren. Da sich die Sprachkurse der slavischen Sprachen großer Beliebtheit erfreuten, wurde 1927 im Rahmen des Instituts für Altertumskunde Karl Heinrich Meyer (1890–1945) als Privatdozent und außerordentlicher Professor mit der Vertretung des Faches „Slavische Philologie" betraut.

    Aus dem Institut für Altertumskunde ging 1930 auch das eigenständige Slavische Seminar hervor, dessen erster Direktor Meyer wurde. Meyer vertrat in Forschung und Lehre die Sprachgeschichte des Ost- und Westslavischen ausgehend vom Altkirchenslavischen, beschäftigte sich aber auch mit der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Meyer konnte für das Russisch-Lektorat den bedeutenden russischen Gelehrten Petr Bogatyrëv (1893–1971) aus der Prager Emigration gewinnen, der das Veranstaltungsangebot durch Lehrveranstaltungen zur russischen und tschechischen Literatur ergänzte und in seinen Münsteraner Forschungen sein Projekt eines Grundrisses der wissenschaftlichen Folklore-Forschung weiterführte.

    Nachdem Meyer 1935 einem Ruf nach Königsberg gefolgt war, übernahm die Vertretung des Mün-steraner Lehrstuhls der Deutsch-Ukrainer Oswald Burghardt (1891–1947), der seit den 1920er Jahren unter dem Dichternamen Jurij Klen bedeutend zur europäischen Ausstrahlung der sog. „Kiever Neo-Klassiker“ beigetragen hatte. Burghardt war in Münster seit 1934 als außerplanmäßiger Lektor für Russisch und Ukrainisch tätig. Seine Forschungen und Veranstaltungen galten im Weiteren der ost- und westslavischen, schwerpunktmäßig der polnischen Literatur. Kriegsbedingt war der slavistische Lehrbetrieb seit 1941 rückläufig, kam jedoch nach Kriegsende und bis 1947 unter der Leitung von Josefine Burghardt und mit der Unterstützung des Serbokroatisch-Lehrbeauftragten Dr. Anton Knežević (1909–) sowie des Vasmer-Schülers Dr. Heinz Wissemann (1912–2001), der Altkirchenslavisch-Kurse durchführte, wieder in Gang.

    Von 1947 an gab es Bestrebungen, einen ordentlichen Professor für Slavische Philologie nach Münster zu berufen. Die Universität nahm aus diesem Grund zunächst Verhandlungen mit dem ukrainischen Gelehrten Dmytro Čyževs’kyj (Tschizewskij; 1894–1977) auf; der Ruf erging 1948 jedoch an Dietrich Gerhardt (1911–2011), dessen großes Verdienst in der Folge der Aufbau der Bibliothek des Slavischen Seminars war.

  • 1958-1980

    Ab 1958 wurde der bislang außerordentliche Lehrstuhl zum Ordinariat. Als Gerhardt 1959 einen Ruf nach Hamburg annahm, wurde Ernst Dickenmann (1902–1985) berufen, der in Forschung und Lehre sowohl die Linguistik als auch die Literaturwissenschaft vertrat, wobei sein besonderes Interesse dem 18. Jahrhundert galt. In den 1960er Jahren erfreute sich das Studium der Slavischen Philologie so großen Zuspruchs, dass 1966 die Einrichtung einer weiteren Professur folgte, auf die Friedrich Scholz (1928–) berufen wurde. Scholz beschäftigte sich mit den Sprachen und Literaturen der slavischen Länder, aber auch des Baltikums. Seit 1968 wurde am Slavischen Seminar, das seinen Namen in Slavisch-Baltisches Seminar änderte, zeitweilig als einziger Universität in der Bundesrepublik Deutschland das Studium der Baltischen Philologie angeboten. Lettisch und Litauisch wurden im Slavisch-Baltischen Seminar seit 1967 gelehrt, seit Beginn der 70er Jahre kamen die finnougrischen Sprachen Estnisch, Finnisch und Ungarisch hinzu.

    Im Jahre 1970 kam mit Hubert Rösel (1917–2010), dem Nachfolger auf dem Lehrstuhl Dickenmann, ein Ordinarius nach Münster, der die Westslavische Philologie, insbesondere die Bohemistik, in den Mittelpunkt seiner sprach- und kulturhistorisch orientierten Arbeit stellte. Ein besonders sichtbares Ergebnis seiner Forschungen ist das 1983 im Münsteraner Aschendorff Verlag erschienene „Wörterbuch zu den tschechischen Schriften des J.A. Comenius“. Von 1978 an vertrat Gerhard Ressel (1945–) als C 3-Professor die Slavistik mit Schwerpunkten in der Serbokroatistik und der synchronen Linguistik der russischen Gegenwartssprache.

  • 1980-2006

    Zum fünfzigjährigen Bestehen des Seminars im Jahre 1980 wurde auf Initiative von Hubert Rösel, Friedrich Scholz und Gerhard Ressel die Reihe „Studia slavica et baltica" ins Leben gerufen, in der die am Seminar entstandenen Dissertationen veröffentlicht wurden; seit 1990 wird die Reihe unter dem Titel „Veröffentlichungen des Slavisch-Baltischen Seminars der Westfälischen Wilhelms-Universität: Sprache - Literatur - Kulturgeschichte" fortgeführt.

    Auf den Lehrstuhl des 1982 emeritierten Hubert Rösel wurde zum Sommer 1983 Gerhard Birkfellner (1941–2011) berufen, dessen Schwerpunkte in der sprach- und kulturhistorischen Bearbeitung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Slavia lagen. In seinen letzten Dienstjahren veröffentlichte er wichtige Editionen ukrainischer Liturgie-Sammelbände sowie eine kommentierte Ausgabe und Übersetzung des mittelrussischen Hauswirtschafts- und Erziehungsbuchs „Domostroj“ (2 Bde., Osnabrück 1998).

    Im Jahr 1993 wurde auf Initiative der damaligen Rektorin der Universität, Frau Maria Wasna, das Institut für Interdisziplinäre Baltische Studien gegründet, das die wissenschaftliche Beschäftigung mit Problemen des Baltikums fördern und auch über den Bereich der Universität hinaus überregional koordinieren soll. Im Vorfeld der Institutsgründung hatte die Münsteraner Slavistik erhebliche Sparanstrengungen zu erbringen; die periodisch zwischen 1928 und 1938 sowie durchgehend seit 1969 angebotenen Tschechisch-Kurse wurden 1994 eingestellt. Beendet wurde auch die gut 50jährige Tradition systematischer Sprachausbildung für Polonistik und Serbokroatistik; ein Lektorat für Polnisch existierte bis 1989, eines für Serbokroatisch bis 1992. Im Jahr 1993 wurde Friedrich Scholz emeritiert; sein Lehrstuhl blieb zweieinhalb Jahre lang unbesetzt. Da keine Vertretung genehmigt wurde, mussten die Professoren Birkfellner und Ressel den Lehrstuhl anteilig ersetzen, was zu einer Schwächung der kleinen Slavinen und speziell des Studienganges Südslavistik führte.

    Zum Wintersemester 1995 trat Alfred Sproede (1951–) die Nachfolge des Lehrstuhls Scholz an; seine Arbeitsbereiche sind die ost- und westslavischen Literaturen von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart; ausbauend auf seinen polonistischen Forschungs- und Lehrprojekten hat er sich seit der Übernahme des Münsteraner Lehrstuhls auch mit komparatistischen Fragestellungen befasst, u.a. mit der polnisch-litauischen vergleichenden Literaturwissenschaft. Wenige Monate nachdem mit dem Dienstantritt von Sproede nach längerer Unterbrechung wieder die Besetzung aller drei Slavistik-Professuren erreicht war, wurde Gerhard Ressel zum Sommer 1996 nach Trier berufen. Eine temporäre Ressel-Nachfolge war 1998–2004 durch eine befristete Hochschuldozentur (C2) möglich, auf die Frau Dr. Snježana Kordić (1964–) berufen wurde. Frau Kordić vertrat die Linguistik der modernen slavischen Sprachen und die Südslavische Philologie in der Sprach- und Literaturwissenschaft.

  • seit 2006

    Das Slavisch-Baltische Seminar konnte, obwohl es seit 2000 wiederholt Studiengangs-Entwürfe nach dem Bologna-Modell eingereicht hatte, erst im Jahr 2006 das Bachelor-Programm „Regionalstudien Ostmitteleuropa“ eröffnen; zwei Jahre später wurde der Master-Studiengang „Polonistik / Osteuropäische Kulturstudien“ erfolgreich evaluiert. Der Bachelor-Studiengang bündelt Anteile aus allen WWU-Fächern mit Osteuropa-Bezug (Geschichte, Kath. Theologie, Jura). Beide Studiengänge bereiten die Studierenden auf den direkten Kontakt mit osteuropäischen Institutionen vor – im Fall des B.A. durch ein obligatorisches Praktikum mit Osteuropa-Komponenten, für den M.A. durch einen ein-semestrigen Polen-Aufenthalt. Für diesen internationalen Beitrag zum M.A. konnten drei große Polonistik-Standorte gewonnen werden, mit denen das Seminar langjährige Kooperationen unterhält: die Adam-Mickiewicz-Univ. Posen/Poznań, die Univ. Łódź und die Jagiellonen-Univ. Krakau.

    Die positive Evaluation des Bachelor-Studiengangs hatte auch für den Fortgang der slavistischen Forschung in Münster wichtige Weiterungen: Das Gutachter-Gremium hatte empfohlen, die beantragten Schwerpunktfächer Polnisch und Litauisch/Lettisch durch das Ukrainische zu ergänzen. Gerade aus dem zusätzlichen Ukraine-Schwerpunkt hat sich eine weitreichende Forschungslinie ergeben. Seit 2009 beteiligt sich das Slavisch-Baltische Seminar an deutschen und internationalen Verbundprojekten. Für die Ukrainistik relevant sind: (1.) das BMBF-Kompetenznetzwerk «Institutionen und institutioneller Wandel im Postsozialismus: Zwischen Geschichtlichkeit und globalem Anpassungsdruck/KOMPOST» (Laufzeit i.2010–xii.2013; im Sept. 2013 verlängert: i.2014–xii.2016); (2.) das DFG-Projekt «Die Ukraine und die Herausforderung Europa» im Rahmen des Kollegs „Europa: Literarische Figurationen“ unter Beteiligung der WWU-Institute für Anglistik und Germanistik (ix.2012–viii.2015); (3.) das von der DFG, dem Schweizer Nationalfonds und dem österreichischen FWF (D-A-CH Lead Agency) finanzierte Dreiländerprojekt «Region, Nation, and Beyond. An Interdisciplinary and Transcultural Reconceptualization of Ukraine» (i.2012–v.2015).
    Auftakt zu dieser Projektserie waren erfolgreich abgeschlossene russistische Arbeiten zum Thema «Erzählte Justiz in Russland. Narrative Übersetzungen einer Rechtsordnung, 1864-1918» im BMBF-Forschungsverbund «Kulturen der Gerechtigkeit. Normative Diskurse im Transfer zwischen Westeuropa und Russland» (vii.2009–viii.2012). Im Rahmen der vier genannten Vorhaben konnten insgesamt fünf Mitarbeiter- bzw. Doktoranden-Stellen (TV-L 13 / 50%) besetzt werden.

    Als Schwerpunkt des Slavisch-Baltischen Seminars hat sich neben der Forschung konsequent die Graduiertenförderung entwickelt. Neben einem knappen Dutzend slavistischer Dissertationen betreut der Lehrstuhlinhaber Promovenden in der Graduiertenschule «Practices of Literature» sowie im DFG-geförderten Graduiertenkolleg «Literarische Form. Geschichte und Kultur ästhetischer Modellbildung» (x.2013–ix.2019). Das Slavisch-Baltische Seminar arbeitet an weiteren Anträgen für neue Drittmittelförderung, und zwar sowohl für literaturwissenschaftlich-interdisziplinären Verbundforschung als auch im Bereich der osteuropäischen Area Studies.

    Osteuropa tritt gegenwärtig politisch und kulturell erneut in eine dramatische, auf den Westen folgenreich ausstrahlende Übergangsphase ein. Der etwa seit der Jahrtausendwende vorherrschende Eindruck, der Nachbarkontinent werde sich entlang einer Grenze zwischen den EU-Beitrittsländern in Ostmitteleuropa und dem Putinschen Autoritarismus stabilisieren, führte zumindest in Deutschland zu einem Rückgang der Aufmerksamkeit für unsere osteuropäischen Nachbarn; einigen Anteil daran hatte auch die öffentlich-intellektuelle Stagnation in der auch von Slavisten oft irrtümlich noch als ‚Leitkultur’ wahrgenommenen Russischen Föderation. Die sich seit Langem anbahnende Ungeduld und der gegen alle Widerstände anhaltende Europa-Appetit der Ukrainer bringen neuerdings jene wissenschaftlichen Disziplinen in Erinnerung, die seit der EU-Erweiterung nach Ostmitteleuropa für manche Betrachter und Entscheider als erledigt galten. Diese ‚Rückkehr des Verdrängten’ lässt sich angesichts der Vorgänge um die ukrainische Halbinsel Krim nicht mehr abweisen.

    Das Slavisch-Baltische Seminar ist durch Forschungsprojekte, durch seine Infrastruktur und durch interdisziplinär flankierte Studien- bzw. Promotionsangebote für die neue Wende in Osteuropa gut gerüstet. Das Institut wird zu Beginn des Wintersemesters 2015/16 den Wiederzuweisungsantrag für die Nachfolge von Professor Sproede stellen und möchte mit der Besetzung des Lehrstuhls für das Wintersemester 2016/17 rechnen.

    Das Rektorat hat in seiner Sitzung am 7. 9. 2017 die Umbenennung des "Slavisch-Baltischen Seminars" in "Institut für Slavistik" und die Auflösung des "Instituts für Interdisziplinäre Baltische Studien" beschlossen.