„Wie sich rätselhafte religiöse Entscheidungen erklären lassen“

Religionssoziologe Stolz über Religion und Entscheiden aus spieltheoretischer Sicht

Prof. Dr. Jörg Stolz
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Über Religion und Entscheiden aus der Sicht der Theorie sozialer Spiele hat der Religionssoziologe Prof. Dr. Jörg Stolz von der Schweizer Universität Lausanne in der Ringvorlesung „Religion und Entscheiden“ des Exzellenzclusters und des Sonderforschungsbereichs „Kulturen des Entscheidens“ gesprochen. „Verschiedene rätselhafte religiöse Handlungen und Entscheidungen werden erklärbar, wenn sie mit Hilfe einer Theorie sozialer Spiele rekonstruiert werden“, sagte der Soziologe. Eine solche Theorie weise gegenüber anderen soziologischen Ansätzen verschiedene Vorteile auf. „Mit ihrer Hilfe lässt sich zum Beispiel erklären, warum Menschen Kirchensteuern bezahlen, obwohl ihnen die Kirche nichts mehr bedeutet, oder warum Personen Heilungszeugnisse ablegen, obwohl sie biomedizinisch gesehen nicht geheilt sind.“ Der Vortrag trug den Titel „Religion und Entscheiden aus der Sicht der Theorie sozialer Spiele“.

Der Wissenschaftler legte dar, warum sich religiöse Handlungen und Entscheidungen, die zunächst unverständlich wirken könnten, besser mit der Spieltheorie rekonstruieren und erklären ließen, als mit anderen Ansätzen wie der Rational-Choice-Theorie, der Habitus-Theorie und der Handlungstheorie. Zur allgemeinen Theorie sozialer Spiele sagte er: „Vielleicht kann man das Konzept ‚Spiel‘ nicht nur metaphorisch verwenden, sondern als vollwertigen Grundbaustein einer soziologischen Metatheorie verwenden, wodurch es auch für die Religionssoziologie nutzbar wird.“

„Kirchensteuer-Spiel“

Prof. Stolz wendete die Spieltheorie auf Fragen wie diese an: Warum entscheiden sich Scientologen trotz Misserfolgen dafür, in der Gruppe zu bleiben? Wie kann man spektakuläre Heilungszeugnisse an charismatischen Gottesdiensten erklären? Und wie kann man die Entscheidung zum Selbstmord der Sonnentempler plausibel machen? Zur Frage, warum Katholiken Kirchensteuern zahlten, obwohl ihnen die Kirche nichts mehr bedeute, führte der Soziologe etwa aus: Am „Kirchensteuer-Spiel“ seien die Kirche, die Steuerbehörde und die Mitglieder der Kirche als Spieler beteiligt. „Wie ist es zu erklären, dass Kirchenmitglieder erhebliche Summen an Steuern zahlen, obwohl sie nie in die Kirche gehen und der Glaube schwach ausgeprägt ist?“ Das lasse sich aus den „Spielregeln“ ableiten: So sei die Kirchensteuer obligatorisch, ein Austritt erfordere ein offizielles Austrittsschreiben und nur Nicht-Mitglieder zahlten keine Steuern. Dabei hätten die Kirchenmitglieder zwei konkurrierende Ziele vor Augen, einerseits, Geld zu sparen, andererseits, einen Verlust der Identität zu vermeiden, die sowohl vom Selbstbild als auch vom Image der Kirche abhänge. Im Ergebnis blieben die Menschen und zahlten. „Wenn aber eine Regel verändert wird und die Zahlungen fakultativ werden, bezahlen die Mitglieder nicht mehr oder nur noch sehr wenig“.

Zur theoretischen Grundlage erläuterte der Wissenschaftler: „Ein soziales Spiel ist eine Organisationsform des Sozialen, welche ein oder mehrere Spielziele, Regeln, Repräsentationen, Ressourcen, und einen Kontext in einer Interaktion unter verschiedenen Spielern verbindet.“ Einerseits reproduzierten die Spieler die sozial geteilten Elemente in der Interaktion, andererseits könnten die Spieler nur spielen, indem sie sich in jedem Moment ein Bild dieser sozialen Elemente machten und aufgrund dieser Situationen handelten.

Diagnose „Besessenheit“

Die öffentliche Ringvorlesung „Religion und Entscheiden“ befasst sich im Wintersemester mit der Frage, wie von der Antike bis heute in Judentum, Christentum und Islam über Religiöses entschieden wird und wer dies in welcher Weise tun darf. Sie untersucht auch philosophische, theologische oder literarische Diskurse, in denen religiöse Entscheidungen reflektiert werden. Zum Abschluss der Reihe spricht am Dienstag, 7. Februar, der Kulturanthropologe Prof. Dr. Tom Csordas von der US-amerikanischen Universität San Diego über die die Diagnose „Besessenheit“ durch zeitgenössische Exorzisten. Der Titel des englischsprachigen Vortrags lautet „Diagnosing possession in contemporary Catholic exorcism“. Er ist um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 zu hören. (maz/vvm)