Die Bedeutung der Zehn Gebote für Juden und Christen

Bibelwissenschaftler J. Cornelis de Vos legt erste Studie zur frühen Geschichte des Dekalogs vor

Buchcover
© 2016, Koninklijke Brill NV, Leiden, The Netherlands

Die Rezeption und Bedeutung der Zehn Gebote im frühen Judentum und Christentum stehen im Mittelpunkt einer neuen Monografie des evangelischen Bibelwissenschaftlers und Judaisten PD Dr. J. Cornelis de Vos vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“. Es handelt sich um die weltweit erste Studie zur frühen Geschichte des Dekalogs in der Antike. „Meine Untersuchungen zeigen, dass der Dekalog in der Antike eine identitätsstiftende Rolle für Juden und Christen hatte“, erläutert der Wissenschaftler, der sich mit dem Verhältnis von Religion, Identität und Normativität in der Antike befasst. Leitfragen der Studie sind, wie die Zehn Gebote in jüdischen und christlichen Schriften der Antike aufgenommen wurden und wie die Zehn Gebote die sozioreligiöse Identität der jeweiligen Gruppen prägten. Die Monographie „Rezeption und Wirkung des Dekalogs in jüdischen und christlichen Schriften bis 200 n.Chr.“ ist jüngst im Verlag Brill in Leiden und Boston erschienen.

Der Dekalog wurde nach den Erkenntnissen von de Vos genutzt, um die sozialen und religiösen Grundnormen der eigenen Gruppe festzulegen. „Das lässt sich durch viele antike Texte belegen. Der Dekalog konnte dafür angepasst, aktualisiert oder sogar um neue Grundnormen erweitert werden.“ So hätten die Samaritaner kurzerhand ein neues zehntes Gebot eingefügt, das sie zum Bau eines samaritanischen Heiligtums verpflichtete. „Einige frühe Kirchenschriftsteller fügten auch Gebote gegen sexuelle Praktiken ein, die sie für abnormal hielten.“

Jüdische und christliche Quellen

Der Autor des Buches analysiert sämtliche überlieferten jüdischen und christlichen Quellen von etwa 300 vor Christus bis 200 nach Christus, die auf den Dekalog zurückgreifen. Methodisch werden dabei immer zunächst die Quellen präzise analysiert, damit die Unterschiede zu den beiden biblischen Dekalog-Fassungen (Exodus 20, 2-17 und Deuteronomium 5, 6-21) aufgewiesen werden können, danach werden die Quellen historisch und sozioreligiös verortet.

Der Theologe beginnt in der Studie mit der Analyse der ältesten Übersetzung der Hebräischen Bibel, der sogenannten Septuaginta. Bereits diese Übertragung ins Griechische greift durch die Art der Übersetzung in das Verständnis des Dekalogs ein, wie de Vos darlegt. Dann untersucht er frühe Textzeugen, darunter den Samaritanischen Pentateuch, Qumranschriften und die syrische Übersetzung, sowie frühjüdische Schriften, das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Ferner richtet de Vos den Blick auf die Funktion des Dekalogs in der Begegnung mit dem nichtjüdischen oder nichtchristlichen Umfeld, insbesondere mit dessen Ethik, Politik und Philosophie. Die Juden Aristobulus und Philo von Alexandrien, um nur zwei Beispiele zu nennen, stellen den Dekalog als eine universale, und zwar die allerbeste Philosophie dar. Aristobulus leitet aus dem Sabbatgebot ab, dass die Juden die besten Philosophen seien. Laut Philo entspricht der Dekalog dem universalen Naturgesetz. „Dabei lautet seine implizite Botschaft, dass die weltlichen Herrscher und ihre Untertanen die Glückseligkeit erreichen könnten, wenn sie sich diese Philosophie zu Herzen nähmen.“

Die Monografie stellt Forschungsergebnisse des Projektes A9 „Der Dekalog als religiöser, ethischer und politischer Basis-Text“ des Exzellenzclusters vor, in dem der Autor bis 2012 mit dem evangelischen Theologen Prof. Dr. Hermut Löhr gearbeitet hat. In der zweiten Förderphase leiten sie das Projekt A2-10 „Der jüdische Nomos zwischen Normativität und Identität am Beispiel Alexandrias im 1.-3. Jh. n.Chr.“. De Vos ist derzeit Vertretungsprofessor für Altes Testament und Antikes Judentum am Institut für Evangelische Theologie der Universität Osnabrück. (exc/ill/vvm)

Hinweis: Vos, J. Cornelis de: Rezeption und Wirkung des Dekalogs in jüdischen und christlichen Schriften bis 200 n. Chr. (Ancient Judaism and Early Christianity, Bd. 95), Leiden/Boston: Brill 2016, ISBN 978-90-04-32438-1, X + 510 Seiten, 185,00 Euro.

Das Buch steht auch als E-Book zur Verfügung.

Aus dem Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
2 Der Dekalog in den frühen Textzeugen
3 Der Dekalog bei Philo, Josephus und Pseudo-Philo
4 Der Dekalog in sonstigen frühjüdischen Schriften
5 Der Dekalog im Neuen Testament
6 Der Dekalog in den frühchristlichen Schriften
7 Fazit
Anhänge
Literatur
Register antiker Quellen
Register moderner Autoren