„Der ‚eine Gott‘ ist christlich, umgeben von Götzen“

Religionswissenschaftler Perry Schmidt-Leukel sieht Widersprüche im neuen EKD-Papier zur Religionsvielfalt – „Gegenüber Judentum und Islam mit zweierlei Maß gemessen“

Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel
© ska

Theologische Widersprüche sieht der Theologe und Religionswissenschaftler Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ im neuen EKD-Dokument zur Religionsvielfalt. Das Papier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zeige mit Blick auf die wachsende Pluralität zwar gesellschaftspolitisch Stärken, theologisch jedoch weise es Mängel auf, schreibt der Professor für interreligiöse Theologie der Uni Münster in einer Ansichtssache auf www.religion-und-politik.de. Das EKD-Papier beantworte die zentrale Frage, ob Christen, Juden und Muslime an denselben Gott glauben, widersprüchlich. Einerseits heiße es darin, Gott sei „der Gott aller Menschen“. Andererseits werde die Vorstellung abgelehnt, dass es die monotheistischen Religionen mit demselben Gott zu tun hätten. „Dieser innere Widerspruch macht es dem Dokument unmöglich, der religiösen Realität nicht nur Deutschlands, sondern weltweit theologisch gerecht zu werden.“ (vvm/ska)

Der Beitrag

„Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive“. Unter diesem Titel hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am 12. Juni 2015 einen neuen „Grundlagentext“ vorgestellt. Das knapp 80 Seiten umfassende Dokument soll Antworten auf Fragen geben, die durch die zunehmende religiöse Pluralisierung in Deutschland aufgeworfen werden: Fragen, die sowohl den praktischen Umgang mit Menschen anderer Religionen als auch die theologische Deutung religiöser Vielfalt betreffen. Um es gleich vorweg zu sagen: Die Stärken des Textes liegen in seinen Aussagen zur gesellschaftspolitischen Ebene, das heißt, in dem völlig unzweideutigen Bekenntnis zur Religionsfreiheit und dem ebenso klaren Bekenntnis zum Gleichheitsgrundsatz, in diesem Fall zur vollen rechtlichen Gleichstellung der Religionsgemeinschaften. Deutlich problematischer hingegen, ja unausgewogen und widersprüchlich sind die Aussagen zur theologischen Auseinandersetzung mit religiöser Vielfalt. In dieser Hinsicht ist es der Mühe wert, den Text einer genaueren Lektüre und Analyse zu unterziehen. Denn der hierin zutage tretende innere Widerspruch macht es dem Dokument unmöglich, der religiösen Realität nicht nur Deutschlands, sondern auf der ganzen Welt theologisch gerecht zu werden. Die folgenden kritischen Bemerkungen verstehen sich daher auch als konstruktive Anregung zum Weiterdenken. Denn im intellektuellen Sinn befriedigt die theologischen Hände in den Schoß zu legen, dazu gibt der Text wahrlich keinen Anlass.

Unbestreitbar ist, was auch das Dokument unermüdlich betont: Religionen sind verschieden. Sie unterscheiden sich allerdings nicht nur voneinander, sondern auch intern, also in ihren innerreligiösen Ausprägungen und Konfessionen. Aufgrund der innerchristlichen Vielfalt zu meinen, dass die unterschiedlichen Christentümer nicht an denselben Gott glauben, würde wohl heute kaum noch jemand vertreten (obwohl dies in der Geschichte durchaus teilweise so gesehen wurde). Aber trifft dies auch auf die Vielfalt der Religionen zu? Die Unterschiede zwischen den Religionen macht das Dokument vornehmlich an ihren Unterschieden im Gottesbegriff beziehungsweise an ihren divergierenden Vorstellungen von letzter Wirklichkeit fest. Doch wie sind diese Unterschiede theologisch zu deuten? Für den Atheismus sind sie ein Anzeichen dafür, dass es sich hierbei um eine Vielfalt von Irrtümern und Projektionen handelt. Wie aber deutet der auf die Existenz Gottes vertrauende Christ dieselbe Situation? Diese Frage ist alles andere als esoterisch. Denn in ihr geht es um die mögliche Wahrheit oder Falschheit des Glaubens von Christen und Nicht-Christen. Und sie beeinflusst auch den konkreten Umgang zwischen ihnen. Im Rahmen des Dokuments wird dies besonders deutlich anhand der Diskussion über die Möglichkeit interreligiöser Gottesdienste beziehungsweise Gebete. Das Dokument weiß, dass diese in der Praxis längst nicht mehr wegzudenken sind und erinnert an „Schulgottesdienste, an öffentliche Buß- und Gebetsfeiern nach gemeinsam erlittenen Katastrophen, aber auch an liturgische Formen bei interreligiösen Begegnungen“ (53). Aber beten die Menschen hierbei zum selben Gott? Das Dokument gibt eine vieldeutige Antwort, indem es auf die biblische Erzählung von jener Seenot verweist, als deren Folge der Prophet Jona bekanntlich von einem Wal verschluckt wurde. Denn in diesem Zusammenhang heißt es über die Schiffsleute, dass „‘ein jeder zu seinem Gott‘ schrie (vgl. Jona 1,5f)“ (53). Das Dokument macht sich diese Redeweise zu Eigen (nicht nur hier) und spricht davon dass die Teilnehmer an interreligiösen Veranstaltungen jeweils die „Zuwendung zu ihrem Gott“ artikulieren (53). Doch wie soll man das verstehen?

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