„Wachsende Religionsvielfalt fordert Christen heraus“

EKD stellt fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung vor – Religionssoziologe Detlef Pollack beteiligt

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Prof. Dr. Detlef Pollack

© bhe

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat erste Ergebnisse der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V. KMU) veröffentlicht. Daran war auch Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ beteiligt, der mit Vertretern der EKD eine erste Analyse der Ergebnisse vor Medienvertretern in Berlin vornahm. Der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, sagte bei der Vorstellung der zusammenfassenden Publikation „Engagement und Indifferenz – Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis“, Kernanliegen der Untersuchung sei es, „ein möglichst realistisches und differenziertes Bild der sozialen Praxis von Kirchenmitgliedern zu gewinnen“. Zum einen sei „nüchtern zu konstatieren, dass eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern in vielen Hinsichten zu Abschmelzungsprozessen führt. Zum anderen aber zeigen die Ergebnisse der Studie das vielfältige Engagement von Kirchenmitgliedern und damit eine Reihe von Potenzialen, die für zukünftige Entwicklungen der Kirche fruchtbar sein können.“

In diesem Zusammenhang hob der Ratsvorsitzende hervor, dass der Anteil evangelischer Kirchenmitglieder, die sich ihrer Kirche stark verbunden fühlen, steige. Schneider: „Drei von vier Evangelischen schließen laut unserer Untersuchung einen Austritt kategorisch aus.“ Damit sei die Bereitschaft zum Kirchenaustritt im Vergleich zu den Werten von 1992 und 2002 in allen Altersgruppen abermals deutlich gesunken.

Prof. Pollack, unterstrich in seiner Analyse, dass die „wachsende religiös-kulturelle Pluralisierung“ die evangelischen Christen herausfordere, ihre eigene religiöse Identität zu stärken, aber gleichzeitig anderen religiösen Gemeinschaften gegenüber tolerant zu sein. Dies sei durchaus der Fall, denn die V. KMU zeige, so Prof. Pollack: „Die Offenheit gegenüber nichtchristlichen Religionen und das Vertrauen in Menschen mit einer nichtchristlichen religiösen Zugehörigkeit sind unter Evangelischen höher als unter Konfessionslosen“.

Broschüre zur Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU)

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Broschüre der EKD

© EKD

Der erste zusammenfassende Band über die V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft Engagement und Indifferenz – Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis hat 132 Seiten inklusive zahlreicher Abbildungen. Der Band kann im Internet heruntergeladen und als Broschüre bestellt werden unter versand@ekd.de. Darin schreibt Prof. Pollack zu den Themen Religiöse Vielfalt und Intensive Mitgliedschaftspraxis. Die Gesamtstudie wird voraussichtlich im Sommer 2015 über den Buchhandel beziehbar sein.

Die KMU

Einstellungen zur Kirche, religiöse Prägungen und Tendenzen der Mitgliederentwicklung – alle 10 Jahre bittet die evangelische Kirche seit 1972 im Rahmen großer repräsentativer Studien Experten aus Sozialwissenschaft und Theologie zum Blick von außen auf die Institution und ihre Mitglieder. Der besondere Fokus der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V.KMU) liegt auf folgenden Themen: Religiöse und kirchliche Praktiken als interaktives Beziehungsgeschehen. Mit wem tauschen sich Menschen aktuell über religiöse Themen aus? Welche kommunikativen Netzwerke gibt es in diesem Feld in oder neben der Institution Kirche? Welche Faktoren und Themen sind prägend, wenn es um die Kirche geht?

Bei der Pressekonferenz sagte Birgit Weyel, Professorin für praktische Theologie in Tübingen, dass die V. MU stärker erforscht habe, wie sich Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis gestalte. Dabei zeige sich, dass die Beziehung zur Kirche nicht primär als ein „mehr“ oder „weniger“ an Verbundenheit, Beteiligung und Überzeugung verstanden werde, sondern als gelebte Praxis der Menschen, die diese als ihre je eigene Form von Mitgliedschaft gestalten. Weyel: „Viele unserer Fragen in der KMU zielen daher auf konkrete Anlässe und Gelegenheiten, in denen Menschen religiös und kirchlich handeln. Zum Beispiel: Wer geht mit wem gemeinsam in den Gottesdienst? Welche Gelegenheiten zum Austausch über religiöse Themen werden wahrgenommen? Durch welche biographischen Anlässe sind diese motiviert?“ Dabei habe sich gezeigt, dass der private Bereich zentral sei. „Ehepartner und Lebenspartnerin, aber auch Freunde sind die wichtigsten Gesprächspartner über religiöse Themen. Der Austausch erfolgt vor allem unter 'Wahlverwandten', also Menschen, die sich einander sehr verbunden fühlen und sich wechselseitig ausgewählt haben“, so die Theologin.

Kirchenpräsident Volker Jung von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, hob bei der Vorstellung der Studie hervor, dass die V.KMU eine „Tendenz zur Polarisierung der Mitglieder“ im Blick auf ihre Kirchenverbundenheit“ zeige. Jung: „Während die Gruppe derer mit mittlerer Verbundenheit eher abnimmt, wachsen die Gruppe der engagierten Hochverbundenen und (quantitativ deutlicher) die Gruppe der religiös Indifferenten.“ Auf der einen Seite werde Kirchenmitgliedschaft bei den Hochverbundenen inhaltlich klar begründet. Traditionelle theologische Verortungen werden erwartet und geteilt und mit einer hohen Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement verbunden.

Auf der anderen Seite aber, so der Kirchenpräsident weiter, sei „Kirchenferne“ weniger von kontroverser Auseinandersetzung oder Abgrenzung geprägt, sondern von nahezu vollständiger Gleichgültigkeit. Jung: „Mitglied der Kirche zu sein - das wird über alle Altersgruppen hinweg zunehmend zur Frage eines klaren Ja oder Nein.“ (EKD/han)