„Eine Zerstörung der Erinnerung“

Theologe Max Küchler über die Geschichte Jerusalems im Wandel der Kulturen

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Prof. Dr. Max Küchler

© han

Über die Geschichte Jerusalems im Wandel der Kulturen hat der Schweizer Theologe Prof. Dr. Max Küchler in der öffentlichen Ringvorlesung „Heilige Orte“ gesprochen. Sein Vortrag beleuchtete den Werdegang der Stadt von ihren Anfängen im 2. Jahrtausend vor Christus bis in die Neuzeit. Er ging besonders auf die kulturübergreifende Rolle des Jerusalemer Tempels und die Bedeutung einer Erinnerungskultur ein. „Jerusalem ist ein heiliger Ort, dessen Geschichte sich wie bei keinem anderen als kultureller Prozess von Zerstörung, Verdrängung und Verlust von Erinnerungen, aber auch von Neubelebung, Schaffung und Überhöhung von Traditionen beschreiben lässt“, sagte der katholische Theologe von der Universität Freiburg in der Schweiz.

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des Vortrags

„Die verschiedenen Kulturen, die sich im Laufe der Geschichte in Jerusalem ablösten, sind nicht vergangene Sachverhalte, sondern unvermindert gegenwärtig“, so Prof. Küchler. „Dies gilt insbesondere für die jüdische, christliche und muslimische Kultur.“ Die Erstbewohner der Stadt, die im 2. Jahrtausend vor Christus „Uruschalim“ genannt wurde, die Kanaanäer, seien hingegen als Ethnie völlig aus der Geschichte verschwunden. „Sie bildeten einen fundamentalen Sockel für die weitere Geschichte der Stadt, wurden jedoch verdrängt.“ Erst die moderne Archäologie zeige, wie stark die kanaanäische Religion und ihr administratives und militärische Know-how die Geschichte und Theologie Israels geprägt hätten.

„Charakter der Heiligkeit“

Den weiteren kulturellen Wandel und die besondere Erinnerungskultur der Stadt legte Prof. Küchler anhand der Geschichte des Jerusalemer Tempels dar. „Unter König Salomo entstand im 10. Jahrhundert vor Christus jener grandios beschriebene Tempel, dem als Archetypen seither in Neubauten, Beschreibungen, Visionen und Utopien nachgeeifert wird.“ Seine Zerstörung durch die Babylonier im 6. Jahrhundert vor Christus habe der Stadt aus Sicht der Juden im Exil den „Charakter der Heiligkeit“ verliehen.

Mit der Vernichtung des zweiten Tempels, den Herodes im 1. Jahrhundert nach Christus bewusst nach Salomos Archetyp umbaute und dessen Pracht noch übertraf, hätten Römer und Christen hingegen als Teil einer Vernichtungspolitik die vollständige Zerstörung der Erinnerung zum Ziel gehabt, so Prof. Küchler. So ließen die Römer und Christen den verwüsteten Bereich des Tempels zur Demonstration ihrer Macht und ihrer religiösen Überlegenheit fast 700 Jahre lang brachliegen. Dennoch seien weiterhin jüdische Traditionen ins Christentum eingeflossen. „Bei den Christen lassen sich etwa eine Überhöhung und eine Übertragung der Jerusalemer Tempeltraditionen auf die eigenen Heiligtümer beobachten.“

„Eine erstaunliche Renaissance“

Zahlreiche Versuche, einen dritten Tempel unter römischer, christlicher und muslimischer Herrschaft zu errichten, scheiterten, wie der Wissenschaftler darlegte. Erst im 7. Jahrhundert habe der Tempelberg unter den omaijadischen Kalifen Omar und Abd al-Malik mit dem Bau der al-Aqsa-Moschee und insbesondere des Felsendoms zunächst eine „erstaunliche Renaissance“, dann aber auch eine fundamentale Neuorientierung erfahren. In diesem „neuen Tempel Salomos“ seien sowohl jüdische als auch christliche Traditionselemente aufgenommen worden. „Von diesen Elementen wurden nicht alle, aber viele nach und nach durch die neue muslimische Tradition abgelöst, und auch den Juden wurde schließlich der Zugang zu Moschee und Felsendom verwehrt, die bis heute Bestand haben.“

Gegenwärtig bestehen nach den Worten von Prof. Küchler immer noch Bestrebungen, den Jerusalemer Tempel auf unterschiedliche Art und Weise erneut zu errichten: „In jüdischen Geschäften Jerusalems und im Internet werden unterschiedliche Projekte vorgestellt. Sie reichen vom Bau eines virtuellen Tempels mit virtuellen Opfern über einen Kubus oberhalb des Tempelberges bis zu einem neuen Tempelgebäude nördlich, südlich oder gar anstelle des Felsendomes.“ Der Wissenschaftler  warnte bei derartigen Absichten vor Gefahren, die die schwierige politische Situation in Israel und Palästina mit sich bringe. Er warb für eine Position, welche „in einer Art vertikaler Ökumene“ jeder Schicht des Tempels ihre Eigenbedeutung belasse und deren Traditionen in der nächsten bewahrend aufhebe.

Ringvorlesung „Heilige Orte“

Plakat der Ringvorlesung

Plakat der Ringvorlesung

© Klearchos Kapoutsis

Prof. Max Küchler ist emeritierter Professor für Neues Testament und Biblische Umwelt an der Universität Freiburg in der Schweiz sowie Autor des Buchs „Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt“ (Vandenhoeck & Ruprecht). In der Ringvorlesung „Heilige Orte“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ und des Centrums für Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraums (GKM) untersuchen namhafte Forscher im Wintersemester die historischen Ursprünge und Wandlungen religiöser Stätten wie Delphi, Jerusalem, Medina, Rom und Byzanz. Zu Wort kommen Vertreter unterschiedlicher Fächer wie der Altorientalistik, Ur- und Frühgeschichte, Ägyptologie, Alten Geschichte, Klassischen Archäologie und Philologie, Bibelwissenschaften und Byzantinistik sowie Religions- und Islamwissenschaften.

Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F1 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den letzten Vortrag der Reihe am 4. Februar hält der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Werner Ende von der Universität Freiburg im Breisgau zum Thema „Medina – Stadt des Propheten und Camposanto des Islams“. (han)

Wintersemester 2013/2014
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F1 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster