Heilsverheißung und neuer Konflikt

Religionswissenschaftler Hans G. Kippenberg über die Stadt Hebron

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Prof. Dr. Hans G. Kippenberg

© bhe

Über den Umgang mit heiligen Orten der Antike in der Gegenwart hat der Bremer Religionswissenschaftler Prof. Dr. Hans G. Kippenberg am Dienstag in der Ringvorlesung „Heilige Orte“ gesprochen. Der Vortrag behandelte die Frage nach der Sakralität eines Ortes am Beispiel von Hebron auf dem heutigen Gebiet des Westjordanlands. Es sei die Stadt des biblischen Stammvaters Abraham, der aus dem Gottesglauben heraus die Heimat in Mesopotamien aufgab und nach Palästina wanderte, wie Prof. Kippenberg erläuterte. „Dort erwarb Abraham die Höhle von Machpela, die seine Grabstätte sowie die der meisten jüdischen Patriarchen wurde. Juden, Muslime und Christen erbauten in Hebron ihre Andachtsorte für Abraham beziehungsweise Ibrahim.“ Dieses gemeinsame Erbe habe das 20. Jahrhundert neu gedeutet.

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Ton-Mitschnitt
des Vortrags

In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts hätten viele Menschen im Westen das gemeinsame Erbe von Juden, Muslimen und Christen in Hebron als Grundlage dafür angesehen, dass Gläubige der drei monotheistischen Religionen sich gemeinsam gegen einen ausbreitenden Materialismus und Säkularismus zur Wehr setzten, so Prof. Kippenberg. In dieser Zeit sei die Kategorie der „Abrahamitischen Religionen“ konstruiert worden, die sich bis heute halte und etwa nach den Anschlägen vom 11. September 2011 mit der Erwartung friedlicher Beziehungen zwischen den drei Religionen verbunden worden sei.

„Doch erwuchs aus der Aktualisierung der Heilsverheißung der Antike in der Moderne ein neuer Konflikt. Hebron stand im Zentrum von Spannungen, als es um die Zugehörigkeit zu Israel oder einem palästinensischen Staat ging“, sagte der Religionswissenschaftler. Die überlieferte Sakralität des Ortes sei einer exklusiven Sakralität der Religionsgemeinschaft gewichen. Zionismus und Judentum, Palästinensischer Nationalismus und Islam seien neue Verbindungen eingegangen. „Hebron wurde in Sektoren politischer Kontrolle aufgespalten. Ein Ort, der lange Zeit Gemeinsamkeiten und auch Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften vereinte, ist zu einem unlösbaren Problem geworden.“

Der Konflikt, der 1967 als Territorialkonflikt begonnen habe, habe sich bald an einem ganz anderen Modell orientiert, an dem der Gemeinschaftsreligiosität, sagte der Forscher. Dieses Konzept verlange von ihren Mitgliedern Solidarität in Zeiten der Not, den Kampf für den Glauben bis hin zum Märtyrertod, und sie beanspruche öffentliche und rechtliche Anerkennung. „Die Geschichte des Heiligtums in Hebron zeigt, dass die Sakralität eines Ortes auf die religiöse Gemeinschaft übergehen kann und damit Konflikte verschärft. “

Prof. Kippenberg ist seit seiner Emeritierung Professor für Vergleichende Religionswissenschaften an der Jacobs University Bremen. Zu seinen Forschungsinteressen zählen die Geschichte und Soziologie antiker Religionen in Europa. Der Vortrag trug den Titel „Heilige Orte der Antike in der Gegenwart“.

Ringvorlesung „Heilige Orte“

Plakat der Ringvorlesung

Plakat der Ringvorlesung

© Klearchos Kapoutsis

In der Ringvorlesung „Heilige Orte“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ und des Centrums für Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraums (GKM) untersuchen namhafte Forscher im Wintersemester die historischen Ursprünge und Wandlungen religiöser Stätten wie Delphi, Jerusalem, Medina, Rom und Byzanz. Die Reihe geht auch den politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie den Erinnerungskulturen nach, die sich mit den antiken Orten bis heute verbinden. Zu Wort kommen Vertreter unterschiedlicher Fächer wie der Altorientalistik, Ur- und Frühgeschichte, Ägyptologie, Alten Geschichte, Klassischen Archäologie und Philologie, Bibelwissenschaften und Byzantinistik sowie Religions- und Islamwissenschaften.

Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F1 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den nächsten Vortrag am 28. Januar hält der katholische Theologe Prof. Dr. Max Küchler von der Universität Freiburg in der Schweiz zum Thema „Jerusalem – Al Quds“. (bhe/vvm)

Wintersemester 2013/2014
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F1 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster