„Kirchliche Einheit noch immer nicht erreicht“

Theologen diskutieren am Exzellenzcluster über den Stand der Ökumene

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Prof. Dr. Dorothea Sattler und Prof. Dr. Hans-Peter Großhans

© ska

Unter dem Titel „Eine Kirche – viele Kirchen“ haben die katholische Theologin Prof. Dr. Dorothea Sattler von der Uni Münster und der evangelische Theologe Prof. Dr. Hans-Peter Großhans vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ über den Stand der Ökumene diskutiert. Sie waren sich bei der Veranstaltung der Reihe „Streitgespräche über Gott und die Welt“ darin einig, dass Kirchen und Theologien zwar intensive Bemühungen um die Ökumene zeigten, das zentrale Ziel einer sichtbaren Einheit der Kirchen und Christen aber immer noch nicht erreicht sei. Wie eine solche Einheit gelingen und aussehen könnte, sahen die Wissenschaftler unterschiedlich.

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Ton-Mitschnitt der Diskussion

Der evangelische Theologe Prof. Großhans plädierte für eine „versöhnte Verschiedenheit“. Die ökumenische Theologie und die Dialoge zwischen den Kirchen hätten in den vergangenen Jahrzehnten dazu beigetragen, Vorurteile abzubauen. „Im geistlichen Austausch und der theologischen Diskussion realisiert sich die Einheit der Kirchen. Vielfalt kann dann positiv und nicht als Hemmnis wahrgenommen werden.“ Der ökumenische Dialog habe allerdings deutlich gezeigt, dass einige große Unterschiede bestünden, bei denen keine Annäherung möglich scheine. Gläubige der beiden Kirchen könnten nach wie vor kein gemeinsames Abendmahl feiern und Frauen im Pfarramt würden dem katholischen Amtsverständnis widersprechen.

Der Wissenschaftler sprach sich für ein „Modell der Kirchengemeinschaften“ aus, wie es evangelische Kirchen in Europa bereits praktizierten. „In einer solchen Gemeinschaft schließen sich Kirchen zusammen, ohne jeweils ihre Selbstständigkeit oder ihr konfessionelles Profil aufzugeben. Sie verstehen sich als unterschiedliche, aber gleichwertige Verwirklichungen der Kirchen Jesu Christi.“

Situation für Gläubige „unerträglich“

Mit Blick auf konfessionell getrennte Abendmahlfeiern bezeichnete die katholische Theologin Prof. Sattler die Situation für katholische und protestantische Gläubige als „unerträglich“.  Die Suche nach einer kirchlichen Einheit müsse weitergehen. Aber Einheit als „versöhnte Verschiedenheit“ dürfe nicht als Kompromiss missverstanden werden, bei dem Kirchen nebeneinander bestehen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. „Gemeinsam sollte in den kirchlichen Schriften nach Hinweisen gesucht werden, wie eine einheitliche Kirche aussehen könnte.“ Dazu gehöre auch, darüber nachzudenken, welche Rolle der Papst in einer solchen Kirche spielen könnte. „Wir müssen in der Ökumene Vereinbarungen über Handlungen und Lehre treffen und zugleich auf institutioneller Ebene die Einheit mit Gemeinsamkeiten begründen.“ Bei der Suche nach Einheit sei auch der Streit wichtig. „Es wäre ein Verlust“, so die Theologin mit Blick auf die Frauenordination, „wenn die katholische Kirche nicht immer wieder angemahnt würde, die eigene Position auf ihre biblischen und traditionsgeschichtlichen Begründungen zu überprüfen.“

Die Vielfalt im Christentum bewertete Theologe Prof. Großhans nicht als Mangel, sondern als positives Phänomen, das alle Christen respektieren sollten. Historisch betrachtet, habe es nie eine Einheit des Christentums gegeben, auch nicht ganz zu Anfang. Vielmehr handle es sich um eine dynamische Religion, die Menschen nach ihren jeweiligen historischen, geographischen und kulturellen Umständen konkret gestaltet hätten. Trotz aller Unterschiede ist es nach Aussage von Theologin Prof. Sattler wichtig, sich die verbindenden Elemente, etwa das Glaubensbekenntnis, bewusst zu machen. Katholische und protestantische Gläubige eine viel mehr, als sie trenne. „Gerade jetzt zu Ostern gibt es eine Vielzahl an Gelegenheiten, den gemeinsamen christlichen Glauben zu entdecken.“ Moderator der Veranstaltung war der katholische Theologe Prof. Dr. Jürgen Werbick vom Exzellenzcluster.

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© wikipedia, R. Wölk

Veranstaltungsreihe „Streitgespräche über Gott und die Welt“

Der Titel der nächsten Streitgespräche am Dienstag, 22. April, lautet „Christen – Juden – Muslime“. Über Fragen der religiösen Vielfalt diskutieren die Soziologin Dr. Eva Maria Hinterhuber aus Berlin, die Judaistin Prof. Dr. Susanne Talabardon aus Bamberg sowie der islamische Religionsphilosoph und Dr. Milad Karimi aus Münster. Die Moderation übernimmt Religionswissenschaftler Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel.

In der Reihe „Streitgespräche“ diskutieren im Sommersemester Theologen und Nicht-Theologen aktuelle Themen wie Hirnforschung, Kosmologie, Wirtschaftsethik, Friedenspolitik oder das Miteinander der Religionen und ihr Verhältnis zum Atheismus. Die Streitgespräche sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr in Hörsaal F1 im Fürstenberghaus am Domplatz 20-22  in Münster zu hören, am Platz der regelmäßigen Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Das neue Format trägt den Untertitel „Disputationen zwischen Theologie, Natur- und Gesellschaftswissenschaften“. Es handelt sich um eine Kooperationsveranstaltung mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät zu deren 100-jährigem Bestehen. (ska/vvm)