„Der Eingang in die Unterwelt“

Ägyptologin Julia Budka über Tempel und Gräber der antiken Totenstadt Abydos

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Dr. Julia Budka

© ska

Über die Tempel und Gräber der Pharaonen in der antiken Stadt Abydos hat die Wiener Ägyptologin Dr. Julia Budka in der Ringvorlesung „Heilige Orte“ gesprochen. Die Stadt, die etwa 160 Kilometer nördlich von Luxor liegt, war Zentrum des pharaonischen Totenkultes und von zentraler Bedeutung für die ägyptische Kultur, wie die Wissenschaftlerin anhand zahlreicher Quellen und Funde darlegte. Der Ort sei von herausragender Bedeutung für die Jenseitsvorstellungen der Menschen gewesen. „Abydos war wahrscheinlich jener Ort, den die Ägypter für den Eingang in die Unterwelt hielten“, sagte die Forscherin, die seit 2008 an einem Forschungsprojekt des Deutschen Archäologischen Instituts Abteilung Kairo zum Osiriskult in Abydos beteiligt ist.

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

„In Abydos liegen sowohl der Bestattungsplatz der frühesten Herrscher Ägyptens aus dem 4. Jahrtausend vor Christus als auch Grabstätten für hohe Beamte und heilige Tiere wie Hunde und Ibisse aus verschiedenen Perioden der ägyptischen Geschichte. Gleichzeitig war die Stadt ein wichtiger Tempelstandort und zentraler Kult- und Prozessionsort sowie bedeutsamer Schauplatz für Feste und Rituale“, erläuterte Budka. Diese Verknüpfung von Totenstadt, Königsstadt und Kultstadt war dem Vortrag zufolge in der ägyptischen Geschichte beispiellos. Bis heute habe die Totenstadt nichts von ihrer Faszination verloren. „Die Gräber und Tempel werden immer noch für rituelle Handlungen der Lokalbevölkerung genutzt. Vor allem Frauen erhoffen sich durch das Berühren der Reliefs Glück und Fruchtbarkeit.“ Der Vortrag war Teil der Ringvorlesung „Heilige Orte. Ursprünge und Wandlungen – Politische Interessen – Erinnerungskulturen“, zu der der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ im Wintersemester mit dem Centrum für Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraums (GKM) der Uni Münster einlädt.

Spätestens seit dem Mittleren Reich in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausend vor Christus waren die wesentlichsten Elemente des ägyptischen Jenseitsglaubens Budka zufolge mit der Stadt verbunden. „Einer Legende zufolge, die wir allerdings nur aus später Überlieferung kennen, fand hier die Schwester und Gattin des Totengottes Osiris, Isis, dessen abgetrennten Kopf.“ Besonders die nachträgliche Umwandlung des Grabes von König Djer aus der 1. Dynastie in das Grab des Osiris machte Abydos zu einer berühmten Kultstätte. „Der Ort galt als Wegbereiter einer dauerhaften Existenz. Ein Monument für Osiris in Abydos zu bauen, versprach Glück und ewiges Leben über den Tod hinaus“, erläuterte die Archäologin. Von der großen Bedeutung dieses heiligen Ortes zeugen nach Aussage von Budka auch Weihgaben an die Götter: „Millionen von Tonscherben, die Osiris als Opfer dargebracht wurden, bedecken heute noch den Wüstenboden und erzählen von den jahrhundertlangen Pilgerfahrten nach Abydos.“

Plakat der Ringvorlesung

Plakat der Ringvorlesung

© Klearchos Kapoutsis

Ringvorlesung „Heilige Orte“

In der Ringvorlesung „Heilige Orte“ untersuchen namhafte Forscher im Wintersemester die historischen Ursprünge und Wandlungen religiöser Stätten wie Delphi, Jerusalem, Medina, Rom und Byzanz. Die Reihe geht auch den politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie den Erinnerungskulturen nach, die sich mit den antiken Orten bis heute verbinden. Heilige Stätten entstanden oft an markanten Stellen in der Natur, an Quellen, auf Bergen oder in der Wüste. Religiöse Gemeinschaften verknüpften damit mythische Erzählungen und magische Rituale. Die Vorträge, die entlegene Orten von Mönchen und Einsiedlern und die ältesten Heiligtümer der Menschheit wie das Bergheiligtum Göbekli Tepe behandeln, eröffnen verschiedene Perspektiven auf die Religionsgeschichte der Menschheit. Zu Wort kommen Vertreter unterschiedlicher Fächer wie der Altorientalistik, Ur- und Frühgeschichte, Ägyptologie, Alten Geschichte, Klassischen Archäologie und Philologie, Bibelwissenschaften und Byzantinistik sowie Religions- und Islamwissenschaften.

Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den nächsten Vortrag am 5. November hält Althistoriker Prof. Dr. Klaus Zimmermann vom Exzellenzcluster zum Thema „Zwischen Tyros und Tanger – Die Religion der Seefahrer“. (ska/vvm)

Wintersemester 2013/2014
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster