Vom Tempelkult zur Schriftreligion

Alttestamentler Achenbach zum Einfluss Jerusalems auf den jüdischen Glauben

Prof. Dr. Reinhard Achenbach

Prof. Dr. Reinhard Achenbach

© bhe

Über Jerusalem in vorchristlicher Zeit hat Alttestamentler Prof. Dr. Reinhard Achenbach am Dienstag in der Ringvorlesung „Heilige Orte“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ und des Centrums für Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraums (GKM) gesprochen. In seinem Vortrag mit dem Titel „Gottesstadt im Völkerkampf“ zeichnete der evangelische Theologe nach, wie die Geschichte der Stadt die Entwicklung des Judentums zu einer Schriftreligion beeinflusste.

Anhand von Inschriften, archäologischen Funden und Rückschlüssen aus Texten des Alten Testaments skizzierte der Wissenschaftler die Entwicklung über einen Zeitraum von rund 3.500 Jahren: von den ersten Besiedlungsspuren im 4. Jahrtausend vor Christus bis zur Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 nach Christus. „Jerusalem war in seiner vorchristlichen Geschichte immer Machtkämpfen ausgesetzt“, so Prof. Achenbach. Letztlich hätten die Angriffe wechselnder Eroberer – Assyrer, Babylonier, Perser, Römer – dazu geführt, dass sich das Judentum von der antiken Vorstellung eines Heiligen Ortes gelöst habe. Der Tempel wurde dann nicht mehr als solcher als „heiliger Ort“ angesehen, sondern er wurde dadurch geweiht, „dass die Gottheit in großer Unabhängigkeit ihn als Ort ihrer Präsenz erwählt.“ Daraus sei theologisch eine Kasuistik des Sakralen entstanden, um die Reinheit des Ortes und der Kultgemeinschaft zu schützen.

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

„Der Schriftprophet Jesaja hat als Erster erkannt, dass ein Tempelgebäude die Gottheit ohnehin nicht fassen kann“, sagte der Forscher. Ein weiterer Grund für den Wandel von einem Tempelkult zu einer Schriftreligion seien die Erfahrungen des jüdischen Volkes im babylonischen Exil. Ein äußerer Ort, den man verlassen müsse, stelle lediglich den Haftpunkt des religiösen Bewusstseins dar. Seit der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 diene als solcher die alte Tempelmauer. „Gottes Gegenwart ruht auf der Stadt, dem Zionsberg, dem Heiligtum, wenn die Tora gelehrt wird, und in seinem heiligen Namen“, sagte der Wissenschaftler. „Die große kulturhistorische Leistung der Theologie des zweiten Tempels von Jerusaelm besteht in der vollkommenen Spiritualisierung des Gottesbildes, wodurch die vollkommene Spiritualisierung des Heiligen Ortes ermöglicht wurde.“

Prof. Achenbach ist Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters und leitet am Forschungsverbund die Projekte C2-1 Religionspolitik im antiken Perserreich. Kulturvergleichende und rechtsgeschichtliche Studien zur Situation der Juden in der multireligiösen Gesellschaft der Achämenidenzeit und D2-12 Altorientalische und Biblische Geschichts-Mythen und ihre Rezeptionsgeschichte. Zudem ist er Koordinator des Forschungsfelds D Gewalt.

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Plakat der Ringvorlesung

© Klearchos Kapoutsis

Ringvorlesung „Heilige Orte“

In der Ringvorlesung „Heilige Orte“ untersuchen namhafte Forscher im Wintersemester die historischen Ursprünge und Wandlungen religiöser Stätten wie Delphi, Jerusalem, Medina, Rom und Byzanz. Die Reihe geht auch den politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie den Erinnerungskulturen nach, die sich mit den antiken Orten bis heute verbinden. Heilige Stätten entstanden oft an markanten Stellen in der Natur, an Quellen, auf Bergen oder in der Wüste. Religiöse Gemeinschaften verknüpften damit mythische Erzählungen und magische Rituale. Die Vorträge, die entlegene Orte von Mönchen und Einsiedlern und die ältesten Heiligtümer der Menschheit wie das Bergheiligtum Göbekli Tepe behandeln, eröffnen verschiedene Perspektiven auf die Religionsgeschichte der Menschheit. Zu Wort kommen Vertreter unterschiedlicher Fächer wie der Altorientalistik, Ur- und Frühgeschichte, Ägyptologie, Alten Geschichte, Klassischen Archäologie und Philologie, Bibelwissenschaften und Byzantinistik sowie Religions- und Islamwissenschaften.

Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den nächsten Vortrag am 19. November hält Altertumswissenschaftler Prof. Dr. Engelbert Winter vom Exzellenzcluster zum Thema „Das Heiligtum des Iuppiter Dolichenus auf dem Dülük Baba Tepesi (Südosttürkei) – Ein „Heiliger Ort“ zwischen Transformation und Kontinuität“. (bhe/vvm)


Heilige Orte. Ursprünge und Wandlungen - Politische Interessen - Erinnerungskulturen

Wintersemester 2013/2014
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster