„Zahlreiche dunkle Kapitel“

Historiker Johannes Heil über die Judenfeindlichkeit von Christen im Mittelalter

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Prof. Dr. Johannes Heil

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Über den Umgang von Christen mit Juden im Mittelalter hat Historiker Prof. Dr. Johannes Heil in der Ringvorlesung „Verfolgung um Gottes Willen“ des Exzellenzclusters gesprochen. „Die christliche Position gegenüber den Juden war komplexer und vielschichtiger, als das historische Bild eines triumphierenden Christentums erwarten lässt“, sagte der Erste Prorektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Anhand zahlreicher Quellen legte der Historiker den theologischen Rahmen dar, den die christliche Seite im Mittelalter gegenüber den Juden definierte und der den gesellschaftlichen Umgang mit ihnen stark prägte.

So entwickelten die Kirchenväter Augustinus (354-430) und Gregor I. (540-604) im Übergang von der Antike zum Mittelalter ein theologisches Ordnungssystem, das den Juden nach den Worten des Forschers zwar einen untergeordneten Platz in der christlichen Gesellschaft zuwies. Zugleich bot es ihnen aber Schutz und Handlungsspielräume, etwa beim Bau neuer Synagogen, die durchaus Selbstbewusstsein ausgestrahlt hätten.

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

„Das augustinisch-gregorianische Prinzip der Duldung, das allerdings nichts mit Toleranz im modernen Sinne zu tun hatte, schützte Juden tatsächlich in Einzelfällen vor Gewalt“, so Prof. Heil. „Angesichts der weit größeren Zahl mittelalterlicher Judenverfolgungen kann man es aber kaum als erfolgreich bezeichnen.“ Die Schutzmechanismen hätten beim Ersten Kreuzzug 1096 versagt, gefolgt von einer Kette von Pogromen und Gewalthandlungen. Einen grundlegenden Wandel im Verhältnis von Juden und Christen habe erst das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) mit der Erklärung „nostra aetate“ gebracht.

Gründe für Gewalt

Der Wissenschaftler hob hervor, dass die Gewalt gegen Juden in einer Vielzahl von Faktoren begründet sei, nicht allein in der Religion. „In innerkirchlichen Diskursen und in der theologischen Gedankenwelt mussten Juden oft als Beispiel für die Gültigkeit der christlichen Lehren herhalten.“ Solche Diskurse über Abweichler hätten auch der Stärkung der eigenen Gruppe gedient. „Dabei ging es im Grunde nicht um Juden, aber an ihrem Beispiel wurden Fragen von Erwählung und Verwerfung oder der Willensfreiheit erschlossen. Dass die Position der Juden nicht gewinnen konnte, versteht sich von selbst.“

Zu den gruppeneigenen Gründen für die negative Wahrnehmung der Juden kamen – religiös verbrämt - wirtschaftliche und politische Faktoren. „So verbanden sich Frömmigkeit und weltliche Ambitionen zu gewaltsamem Handeln, weshalb die religiöse Gewalt nicht aus der Religion allein, sondern auch aus ihrem Umfeld heraus verstanden und nur auf diesem Feld ihr vorgebeugt werden kann. Gerade hier kann die lange christlich-jüdische Geschichte mit ihren zahlreichen dunklen Kapiteln zum Erfahrungsraum heutiger sich religiös manifestierender Konflikte werden.“

Plakat der Ringvorlesung

Plakat

Die Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ und des Centrums für Mittelalter und Frühneuzeitforschung (CMF) geht der Diskriminierung und Verfolgung Andersgläubiger anhand zahlreicher Beispiele quer durch die mittelalterliche und neuzeitliche Geschichte nach. Die Themen reichen von der christlichen Häresiebekämpfung im Frühmittelalter und den Konfessionskonflikten der Frühneuzeit über den Kirchenkampf in der DDR bis zur Buddhistenverfolgung im kommunistischen Kambodscha und zur Christenverfolgung im Nahen Osten. Zu Wort kommen Geschichts- und Religionswissenschaftler, Soziologen, Theologen, Buchwissenschaftler, Romanisten und Byzantinisten. Den nächsten Vortrag am Dienstag, 11. Juni, hält Historiker Prof. Dr. Thomas Scharff von der TU Braunschweig über „‘Rex, quem Deus ipse docet‘. Häresie und Königtum in der Karolingerzeit“. Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 zu hören. (vvm)