Rom – eine heilige Stadt?

Altphilologe Wolfgang Hübner über die Stadt Rom in vorchristlicher Zeit

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Prof. Dr. Wolfgang Hübner

© ska

Über die Bedeutung der Stadt Rom in vorchristlicher Zeit hat Altphilologe Prof. Dr. Wolfgang Hübner in der öffentlichen Ringvorlesung „Heilige Orte“ gesprochen. „Heute gilt Rom als heilige Stadt. Für katholische Christen ist sie das Zentrum ihres Glaubens – als Stadt der Päpste, der Apostelfürsten Petrus und Paulus und der Märtyrer“, sagte der Forscher. In der Antike hingegen, zur Zeit der römischen Republik und der frühen Kaiserzeit, sei Rom wenig „heilig“ gewesen. Lateinische Beschreibungen wie „sacra Roma“ und „sancta Roma“ (heiliges Rom) oder ihre griechischen Entsprechungen ließen sich für diese Zeit nicht in historischen Quellen nachweisen.

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

Im Gegensatz zu anderen antiken Orten wie dem griechischen Delphi war Rom nach den Worten des Wissenschaftlers „kein geologisch inspirierender Ort“. Die Stadt sei ursprünglich weder eine Orakel- noch eine Pilgerstätte gewesen. „In Rom gab es keine Dämpfe, die für Weissagungen benutzt werden konnten, und keine Aufeinanderfolge uralter Kulte“, sagte Prof. Hübner. Vielmehr sei Rom bereits in früher Zeit eine Weltstadt gewesen, in der Menschen aller Nationen zusammenkamen. „Auch fehlte der Stadt eine mythische Gründungslegende. Die Geschichte von der Entstehung Roms mit dem Brudermord des Romulus an Remus ist geradezu ,unheilig‘“.

Im antiken Rom gab den Ausführungen des Altphilologen zufolge zudem zunächst kein sakrales Zentrum, sondern viele Heiligtümer. Der Kult einer Göttin „Roma“ sei erst spät vom Osten in die Hauptstadt gebracht worden. „Unter Kaiser Augustus (63 v.Chr. bis 14 n. Chr.) verband sich der Kultus nach orientalischem Muster mit dem Kaiserkult. Macht und Expansion des Reiches standen im Vordergrund.“ Den ersten römischen Tempel für die Göttin ließ erst Kaiser Hadrian (76-117 n. Chr.) bauen, wie Prof. Hübner erläuterte. Zu dieser Zeit hätten die Zeitgenossen bereits von „Roma aeterna“ (der ewigen Stadt Rom) gesprochen.

Macht und Expansion standen im Vordergrund

Die Idee der Unvergänglichkeit (aeternitas) Roms sei unphilosophisch, emotional gefärbt und aus politischem Machtstreben und Wunschdenken geboren, so der Wissenschaftler. „Sie manifestierte sich allenfalls in dem unauslöschlichen heiligen Feuer des Vesta-Tempels, in dem sich die zentrifugalen Kräfte von Familie, Staat und Kosmos bündelten, verbunden mit dem Gedanken der Mitte, in der die Extreme nach delphisch-aristoteischer Maßethik auf gerechte Weise ausgeglichen werden.“

Der Vortrag „Roma Aeterna – Eine heilige Stadt in vorchristlicher Zeit?“ war Teil der Ringvorlesung „Heilige Orte“, zu der der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ im Wintersemester mit dem Centrum für Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraums (GKM) der Uni Münster einlädt. Prof. Hübner ist Mitglied des GKM und war bis 2004 Inhaber eines Lehrstuhls für Klassische Philologie an der Universität Münster.

Plakat der Ringvorlesung

Plakat der Ringvorlesung

© Klearchos Kapoutsis

Ringvorlesung „Heilige Orte“

In der Ringvorlesung „Heilige Orte“ untersuchen namhafte Forscher im Wintersemester die historischen Ursprünge und Wandlungen religiöser Stätten wie Delphi, Jerusalem, Medina, Rom und Byzanz. Die Reihe geht auch den politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie den Erinnerungskulturen nach, die sich mit den antiken Orten bis heute verbinden. Heilige Stätten entstanden oft an markanten Stellen in der Natur, an Quellen, auf Bergen oder in der Wüste. Religiöse Gemeinschaften verknüpften damit mythische Erzählungen und magische Rituale. Zu Wort kommen Vertreter unterschiedlicher Fächer wie der Altorientalistik, Ur- und Frühgeschichte, Ägyptologie, Alten Geschichte, Klassischen Archäologie und Philologie, Bibelwissenschaften und Byzantinistik sowie Religions- und Islamwissenschaften.

Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F1 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den nächsten Vortrag am 17. Dezember hält Althistoriker Prof. Dr. Johannes Hahn vom Exzellenzcluster zum Thema „Wie können Orte Christen heilig sein? – Konstantins ,Entdeckung‘ des Heiligen Landes und die Anfänge einer christlichen Sakraltopographie in der Spätantike“. (ska/vvm)


Heilige Orte. Ursprünge und Wandlungen - Politische Interessen - Erinnerungskulturen

Wintersemester 2013/2014
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F1 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster