Die „Entdeckung“ des Heiligen Landes

Althistoriker Prof. Hahn über Konstantin I. und die frühe christliche Frömmigkeit

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Prof. Dr. Johannes Hahn

© bhe

Über Kaiser Konstantin den Großen (um 280-337) und seine Bedeutung für die frühe christliche Frömmigkeit hat Althistoriker Prof. Dr. Johannes Hahn vom Exzellenzcluster in der öffentlichen Ringvorlesung „Heilige Orte“ gesprochen. Unter dem Titel „Wie können Orte Christen heilig sein? – Konstantins ‚Entdeckung‘ des Heiligen Landes“ legte er die Anfänge einer christlichen Sakraltopographie in der Spätantike dar. „Konstantin I. wird in diesem Zusammenhang häufig unterschätzt“, so der Forscher. Er zeigte anhand des Kirchenbauprogramms des römischen Kaisers, wie prägend dieser für die Kultur der christlichen Frömmigkeit war.

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Ton-Mitschnitt
des Vortrags

Im 4. Jahrhundert nach Christus bestanden den Ausführungen zufolge verschiedene Vorstellungen von Heiligkeit, jüdische, frühchristliche und heidnisch-römische. „Das Christentum war gefordert, sich stärker den konkurrierenden Traditionen zu öffnen, auch der Vorstellung von heiligen Stätten, an denen sich nach religiösem Verständnis Gottespräsenz zeigt.“ Konstantin habe diese „Entdeckung“ der Heiligkeit von Orten angestoßen und gefördert, etwa durch den Bau der Grabeskirche in Jerusalem, für die er einen Aphrodite geweihten Vorgängertempel abreißen ließ. „Das Grab Jesu Christi in Jerusalem und die Geburtsstätte in Bethlehem, die der Kaiser entdeckte, bildeten zunächst Keimzellen, später aber die Schlagader des christlichen Heiligen Landes.“

„Viele von Konstantin gestiftete Kirchen waren von heidnischen Traditionen mitgeprägt“, sagte der Althistoriker. So zeuge die in zeitgenössischen Quellen belegte prächtige Ausstattung der Lateranbasilika in Rom von römisch-imperialen Gepflogenheiten. „Unter Konstantin wandelte sich auch die Weise, wie Christen über ihre Kirchen sprachen. Der Glaube war spirituell nicht länger nur in Gemeinden verortet, sondern auch in ihren Gebäuden.“

Prof. Hahn ist Hauptantragsteller des Exzellenzclusters. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Kultur-, Religions- und Sozialgeschichte der römischen Kaiserzeit und der Spätantike sowie die Kulturgeschichte des frühen Hellenismus. Am Exzellenzcluster leitet er das Forschungsprojekt D2-4 Martyrium und Martyriumsdiskurse im 4. Jahrhundert nach Christus.

Plakat der Ringvorlesung

Plakat der Ringvorlesung

© Klearchos Kapoutsis

Ringvorlesung „Heilige Orte“

In der Ringvorlesung „Heilige Orte“ untersuchen namhafte Forscher im Wintersemester die historischen Ursprünge und Wandlungen religiöser Stätten wie Delphi, Jerusalem, Medina, Rom und Byzanz. Die Reihe geht auch den politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie den Erinnerungskulturen nach, die sich mit den antiken Orten bis heute verbinden. Heilige Stätten entstanden oft an markanten Stellen in der Natur, an Quellen, auf Bergen oder in der Wüste. Religiöse Gemeinschaften verknüpften damit mythische Erzählungen und magische Rituale. Zu Wort kommen Vertreter unterschiedlicher Fächer wie der Altorientalistik, Ur- und Frühgeschichte, Ägyptologie, Alten Geschichte, Klassischen Archäologie und Philologie, Bibelwissenschaften und Byzantinistik sowie Religions- und Islamwissenschaften.

Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F1 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den nächsten Vortrag am 7. Januar hält Byzantinist Prof. Dr. Michael Grünbart vom Exzellenzcluster zum Thema „Entlegene Orte: Mönche, Einsiedler, Heilige und ihr Publikum“. (bhe/vvm)