„Protestanten knieten vor der Monstranz nieder“

Historikerin Kristina Thies über eine überraschende Begebenheit bei einer Fronleichnamsprozession im Bayern des 18. Jahrhunderts

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Kristina Thies

© Tim Karis

Szenen wie aus einer verkehrten Welt: Bei der Augsburger Fronleichnamsprozession des Jahres 1796 gingen ausgerechnet evangelische Mitglieder des Bürgermilitärs vor der Monstranz, die die katholischen Christen ehrfurchtsvoll durch die Stadt trugen, auf die Knie. Bislang hatten Protestanten die Kniebeuge stets verweigert, wie Frühneuzeit-Historikerin Kristina Thies vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster weiß. „Diese Weigerung gehörte wesentlich zum evangelischen Selbstverständnis. Die Augsburger Katholiken dürfte der Kniefall daher überrascht haben.“ Ihre Reaktionen auf die ungewöhnliche Ehrerbietung der protestantischen Bürgermilitärs, die polizeiliche Aufgaben in der Stadt übernahmen, sei aber nicht überliefert, erläutert die junge Forscherin, die am Exzellenzcluster frühneuzeitliche Fronleichnamsprozessionen wie die in Augsburg untersucht. Fest steht nur: Innerhalb der protestantischen Gemeinde hatte das Niederknien ein Nachspiel.

Die oberste evangelische Instanz in Augsburg, das sogenannte Evangelische Ministerium, verfasste eine lange Denkschrift, in der sie das Verhalten der evangelischen Mitglieder des Bürgermilitärs verurteilte. Danach hatte die Kniebeuge der Protestanten auch eine politische Dimension: Das Ministerium forderte den Stadtrat zur öffentlichen Stellungnahme auf, wie Thies herausfand. Der offenbar besonnene evangelische Bürgermeister, Paul von Stetten (1731-1808), hielt jedoch jede Verfügung für überflüssig und schlug vor, über das Geschehene stillschweigend hinwegzugehen. Thies: „Das glättete die Wogen.“

Über die Gründe, die die evangelischen Mitglieder des Bürgermilitärs dazu veranlasst hatten, vor der Monstranz in die Knie zu gehen, bestanden schon damals verschiedene Auffassungen: Das Evangelische Ministerium sah darin keinesfalls den Beweis von Toleranz gegenüber der anderen Konfession. Die Evangelischen hätten „lediglich unüberlegt gehandelt“ und seien „nicht genügend informiert gewesen über die Verhaltensregeln im echten Luthertum“. Bürgermeister von Stetten hingegen vermutete, sie hätten „aus Leichtsinn und Paradelust“ so gehandelt.

Die Lösung des historischen Rätsels, meint Forscherin Kristina Thies, könnte auch in der nachbarschaftlichen Organisation des Bürgermilitärs liegen: Katholiken und Protestanten wohnten Haus an Haus und dienten daher auch gemeinsam im Augsburger Bürgermilitär. Wer gemeinsam Wachdienste an den Stadttoren, auf den Wällen und in den Straßen schob und gemeinsam Spalier bei wichtigen Stadtereignissen stand, der beugte womöglich auch bei der Prozession des Jahres 1796 gemeinsam die Knie: „Wenn die evangelischen Mitglieder des Bürgermilitärs niederknieten, taten sie es aus Kameradschaft ihren katholischen Nachbarn nach.“ Die Regeln des Bürgermilitärs wogen demnach schwerer als die Konfessionszugehörigkeit, sagt die Historikerin. „Das Verbindende war stärker als das Trennende.“