Kommentare in Recht und Theologie

Interdisziplinäre Fachtagung am Exzellenzcluster „Religion und Politik“

News Tagung Jansen

Prof. Dr. Nils Jansen

© bhe

Um Kommentierungen in Recht und Theologie geht es in einer Fachtagung des Exzellenzclusters vom 1. bis 3. März. Die Tagung nimmt insbesondere die Funktion von Kommentaren näher in den Blick. Dabei wird dieser Vergleich die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen berücksichtigen und genauer nach der jeweiligen Stellung des Kommentars im Diskurs fragen. Die Organisatoren der interdisziplinären Tagung „Kommentare in Recht und Theologie“ sind die Juristen Prof. Dr. Nils Jansen, der am Exzellenzcluster im Projekt A1 „Dogmatik als symbolische Inszenierung von Normativem in Recht und Religion“ forscht und David Julius Kästle sowie die Theologen Prof. Dr. Reinhard Achenbach, der am Exzellenzcluster Projekt C1 „Distinktion und Integration in der Gründungsurkunde Israels“ leitet und Prof. Dr. Georg Essen von der Ruhr-Universität Bochum.

Sowohl bei der Theologie als auch bei der Rechtswissenschaft handelt es sich um exegetische, also auslegende Wissenschaften, die sich durch den professionellen Umgang mit bestimmten Texten definieren, und bei denen der Bezug auf den Text eine normative Bedeutung hat. Im juristischen Diskurs bilden Kommentare zu Rechtstexten entsprechend eine zentrale Literaturgattung, auch in zahlreichen Epochen der europäischen Rechtsgeschichte. Demgegenüber sind „Kommentare“ in der Theologie schwieriger zu verorten. Zwar war auch hier die Formierung und Vermittlung normativen Wissens lange geprägt durch Kommentare zu autoritativen Texten – einerseits der Bibel, andererseits zu theologischen „Klassikern“ wie dem Werk der Kirchenväter, den Sentenzen des Petrus Lombardus oder der „Summa Theologiae“ des Thomas von Aquin. Doch hat sich die systematisch-dogmatisch arbeitende Theologie von der Kommentierungstradition abgewandt. Autoritative Texte gibt es nach wie vor, insbesondere die Bibel sowie Dogmen und Lehrentscheidungen. An die Stelle der Kommentare sind aber vielschichtige hermeneutische Rezeptionsprozesse getreten. Die Biblische Exegese hat sich hingegen als besonderes Lehrfach abgesetzt. Hier ist die Tradition der Kommentierung erhalten geblieben. Im Bereich der deutschen Rechtswissenschaft werden indessen Exegese und Dogmatik heute – zumindest vordergründig – als Einheit verstanden. Die Dogmatik versteht sich exegetisch und verkörpert sich exemplarisch in einer Kommentarliteratur, die an Gesetzestexte wie das BGB, das Grundgesetz, das Strafgesetzbuch anknüpft.

Programm

Donnerstag, 1. März
9:00–9:15 Einführung Nils Jansen und David Kästle (Münster)
1. Spätantike
9:15–10:35 Recht: Der Kommentar als Haupttext: Ulpians Kommentar zum prätorischen Edikt Ulrike Babusiaux (Zürich)
10:35–11:55 Theologie: Die Bibelkommentare der Kirchenväter Bernhard Lang (Paderborn)
12:10–13:30 Judaistik: Der Kommentar als zentrales Medium rabbinischer Rechtsfortbildung Ronen Reichman (Heidelberg)
2. Mittelalter
15:00–16:20 Theologie: Die Kommentare zu den Sentenzen des Petrus Lombardus: Eine Literaturgattung im Spannungsfeld theologischer Kontroverse und Systematik Mechthild Dreyer (Mainz)
16:30–17:50 Recht: Fließende Grenzen der juristischen Kommentierungstätigkeit im Spätmittelalter: Glosse – Kommentar – Repetitio Susanne Lepsius (München)
3. Reformation und Frühe Neuzeit
18:10–19:30 Theologie: Von der Annotatio zum Commentarius: Zur Wiedererfindung des Bibelkommentars in der Reformation Peter Opitz (Zürich)
Freitag, 2. März
9:00–10:20 Recht: Zwischen Exegesesammung und Ordnungsentwurf: Zur Kommentarliteratur des gelehrten Rechts in der Frühen Neuzeit Andreas Thier (Zürich)
10:30–11:50 Theologie und Recht: Der Summenkommentar des Francisco de Vitoria Tilman Repgen (Hamburg)
4. Neuzeit
12:10–13:30 Theologie: Schöpfung und Fall: Das Wechselspiel von historisch-kritischer Exegese und Dogmatik anhand der Genesiskommentare im 18. und frühen 19. Jh. Jan Rohls (München, ev.)
15:00–16:20 Recht: Die Entstehung des Gesetzeskommentars in Deutschland im 19. und 20. Jh. Thomas Henne (Frankfurt)
5. Moderne
16:30–17:50 Theologie: Die „armen Verwandten“: Kanonistische Kommentare in der Moderne Michael Böhnke (Wuppertal)
18:10–19:30 Theologie: Dem Ereignis verpflichtet – in Treue zum Text und dessen Pragmatik:
Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil
Roman A. Siebenrock (Innsbruck)
Samstag, 3. März
9:00–10:20 Theologie: Kommentar und Bibelwissenschaft und das Verhältnis zur systematischen Theologie Eckart Otto (München)
10:30–11:50 Recht: Kommentar und Dogmatik im Recht: Funktionswandel im Angesicht von Europäisierung und Globalisierung Gralf-Peter Calliess (Bremen)
12:10–13:30 Theologie: Kommentieren ohne Kommentar: Konzeptionen Katholischer Dogmatischer Theologie in der Moderne Georg Essen (Bochum)