Mit Farbe, Stift und Arpilleras für Chiles Freiheit

Exzellenzcluster „Religion und Politik“ und Stadtmuseum Münster präsentieren Ausstellung zu den Aktivitäten der Chile Solidarität in Münster

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Prof. Dr. Silke Hensel, Dr. Barbara Rommé und Barbara Rupflin (v.l.) haben die Ausstellung „Chile Solidarität in Münster – Für die Opfer der Militärdiktatur“ im Stadtmuseum organisiert.

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Die Nachricht vom blutigen Militärputsch in Chile und dem Tod des Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973 füllte tags darauf die Titelseiten aller Zeitungen in Europa. In Münster – wie in vielen anderen Städten – reagierte man spontan. Noch am 12. September gründete sich der „Initiativkreis Solidarität mit Chile“, es gab eine erste Kundgebung. Erstmals wird nun die große Sympathiewelle für das chilenische Volk in einer Ausstellung aufgearbeitet. Das Stadtmuseum zeichnet in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der WWU Münster die breit angelegte Chile Solidarität in Münster der Jahre 1973 bis 1990 nach und bettet diese Aktivitäten ein in das weltpolitische Geschehen.

Briefe, Flugblätter, Plakate, Infoschriften – eine Fülle originaler Exponate jener Jahre haben Museumsleiterin Dr. Barbara Rommé sowie Prof. Dr. Silke Hensel und Barbara Rupflin vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ zusammengetragen. Erhalten ist eine Spendenbüchse, mit der auf Straßen, bei Volksläufen und Demos gesammelt wurde. Sandwichplakate, vor allem aber ein großes Transparent mit den Nationalfarben Chiles im Zentrum einer Friedenstaube sind besonders rare Ausstellungsfunde, überdauerten sie doch eher in Ausnahmefällen Studienjahre und Umzüge.

Wie aber funktionierte das lokale solidarische Netzwerk ohne Handy und Internet im Ringen um Aufmerksamkeit? Museumsleiterin Rommé: „Die Ausstellung wird dominiert von den Kommunikationsmedien der Zeit, die nahezu komplett von den Aktivisten von Hand gemalt, geschrieben oder gedruckt wurden.“ Aus dicken Filzstiften, Farbe, Rubbelbuchstaben und Schablonen bestand das schlichte Werkzeug für Texte, Transparente und Kopiervorlagen. Plakate wurden in hoher Auflage gedruckt, Ort und Zeit handschriftlich eingefügt und immer wieder recycelt. Das sparte Zeit und Geld. Prominente und professionelle Unterstützung erhielt der Initiativkreis von Grafikern wie Pavel Fidermak oder Klaus Staeck.

Die Schau im Stadtmuseum simuliert Szenen mit den Relikten der Demonstrationen – Transparenten, Bannern, Sandwichplakaten. In einer Sitzecke, ausgestattet mit Möbeln der 1970er Jahre, können Besucher Platz nehmen, Klängen chilenischer Musik lauschen oder in Schriften der Bewegung blättern, etwa im Begleitheft zum Kongress „Für Chiles Freiheit“ 1983 in Münster. Interviews mit Zeitzeugen werden in Ausschnitten eingeblendet: Ehemalige Aktivisten berichten Studierenden der WWU von ihren ganz persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen im Ringen „Por la libertad de Chile“. Eine sorgfältig aufgearbeitete Chronologie rahmt die Szenerie ein. An Zeittafeln lassen sich die lokalen Ereignisse in Münster und die wichtigsten Entwicklungen des südamerikanischen Staates nachvollziehen.

Vom chilenischen Widerstand gegen die Verbrechen der Militärdiktatur zeugen Objekte aus dem Kunsthandwerk. Der Verkauf von Schmuck und Handarbeit kam Opfern des Regimes zugute. Dazu zählen auch 15 so genannte Arpilleras. Frauen aus Armenvierteln Santiago de Chiles haben diese Wandteppiche aus Stoffresten genäht. Die Stoffbilder mit dreidimensionalen Applikationen zeigen Razzien und Repressionen. Themen sind auch die katastrophalen Lebensbedingungen in den Armenvierteln ohne Strom und sauberes Wasser.

Lokales Engagement in Zeiten des Kalten Krieges

Die Ausstellung erinnert an die Unterstützung für die Opfer der Militärdiktatur und untersucht den Einfluss der Bewegung in Münster auf das bundesweite Engagement. Prof. Hensel: „Sie zeigt, dass in der Epoche des Kalten Krieges Ereignisse in Chile und Münster einerseits miteinander verbunden waren und andererseits hier wie dort unterschiedliche Reaktionen hervorbrachten.“

Die Ausstellung „Chile Solidarität in Münster. Für die Opfer der Militärdiktatur (1973-1990)“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Stadtmuseums und des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Unterstützt wird sie von der Darlehnskasse Münster, vom Förderkreis der Universität, Historischen Seminar und Sonderforschungsbereich „Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme“. Zur Ausstellung ist im Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster, ein reich bebildertes Begleitheft erschienen (9,90 Euro). Filme, Vorträge, Lesungen und ein Seminar ergänzen die Ausstellung, die im Stadtmuseum Münster an der Salzstraße 28 bis zum 18. März 2012 zu sehen ist. Das Museum hat dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr sowie samstags, sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.