Historische Vorbilder des Norwegen-Attentäters?

Historiker Althoff im ZDF-„heute-journal“ über Tempelritter

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Prof. Dr. Gerd Althoff beim Drehtermin für die ZDF-Sendung heute journal in der Petrikirche.

© bhe

Mit der Abbildung eines Templerkreuzes eröffnete der Attentäter von Oslo und Utoya, Anders Behring Breivik, sein Manifest „2083 – A European Declaration of Independence“. Auf über 1.500 Seiten gewährt der Massenmörder einen Einblick in seine krude Welt. Auch in dem Text selbst kommt der Templerorden vor. Mittelalter-Historiker Prof. Dr. Gerd Althoff vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster erläuterte in Fernseh- und Agentur-Interviews für die ZDF-Sendung „heute journal“ und die Katholische Nachrichten-Agentur KNA, was es mit dem Ritterorden auf sich hat.

Herr Professor Althoff, wer waren die Tempelritter?

Die Tempelritter waren Angehörige des Templerordens, eines geistlichen Ritterordens. Dieser wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts gegründet, also zur Zeit der Kreuzzüge. Aufgabe der Templer war es, Jerusalem-Pilger zu schützen, aber auch den christlichen Glauben mit Gewalt im Heiligen Land durchzusetzen. Darin waren sie ähnlich wie die Deutschordensritter und die Johanniter.

Wie begründeten die Templer die Ausübung von Gewalt?

Im gesamten Hochmittelalter gab es kirchlicherseits einen Argumentationsstrang, wonach Gewalt gegen Andersgläubige, Häretiker und Ungehorsame als gottgewollt dargestellt wurde. Man berief sich auf das Bild des zürnenden Gottes im Alten Testament, der all jene straft, die ihn nicht kennen und verehren oder die heiligen Stätten mit ihren Riten verunreinigen. Gerade deshalb war Jerusalem so umstritten, weil die den Christen heilige Stadt damals von Muslimen beherrscht wurde. Man hat für die Krieger sogar die Bergpredigt verändert und formulierte „Selig sind die, die Verfolgung ausüben um der Gerechtigkeit willen“.

Dabei hätten sich gerade im Neuen Testament eine Menge Belege gegen eine solche Haltung finden lassen.

Entsprechende Stellen haben schon zeitgenössische Kritiker aufgegriffen. Aber sie hatten Schwierigkeiten, Gehör zu finden. Den Kämpfern für den Glauben und die Belange der Kirche wurden vielmehr geistliche Belohnungen in Aussicht gestellt, etwa das ewige Seelenheil nach dem Tod auf dem Schlachtfeld.

Und daran knüpfte auch der Attentäter von Norwegen an?

Über dessen Gedankenwelt bin ich noch nicht genügend informiert. Für mich ist das zunächst einmal eine völlig unerklärbare Tat. Es gibt jedoch einen Wurzelgrund, der auch heute noch funktioniert, wenn vom Mittelalter die Rede ist. Übrigens in den verschiedensten Zusammenhängen. Denken Sie nur an die beliebten Mittelaltermärkte. Oder die ganzen positiv besetzten Begriffe wie „Ritterlichkeit“ oder ähnliches. Gefährlich wird es aber gerade beim Kreuzzugsgedanken.

Zum Beispiel?

Man nennt heute immer noch bestimmte Kriege gerne Kreuzzüge. Bei US-amerikanischen Soldaten im Irak soll beispielsweise ein Aufnäher mit der Aufschrift „Pork eating Crusaders“, also „Schweinefleisch essende Kreuzfahrer“, verbreitet gewesen sein. Die Kirche tut auf jeden Fall gut daran, sich von diesem Abschnitt ihrer Geschichte deutlich zu distanzieren.

Was ist aus den historischen Tempelrittern geworden?

Nach ihrem Rückzug aus dem Orient wurden sie in einem Prozess durch den französischen König Philipp IV. entmachtet, Papst Clemens V. löste den Orden zu Beginn des 14. Jahrhunderts auf. Ein Großteil der damals noch führenden Templer endete auf dem Scheiterhaufen.
(KNA, Interview Joachim Heinz)