Gegen den "Tod auf der Warteliste"

Ethiker Prof. Dr. Michael Quante befürwortet neue Rahmenregelungen für Organtransplantationen

Gastbeitrag-quante

Prof. Dr. Michael Quante

© Julia Holtkötter

Die rechtlichen Regeln für die Entnahme von Organen müssen dem Ethiker Prof. Dr. Michael Quante zufolge dringend geändert werden. „Jeden Tag sterben durchschnittlich drei Patienten den Tod auf der Warteliste“, schreibt er in einem Beitrag für die Website www.religion-und-politik.de des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) und den Newsletter des „Centrums für Bioethik“. Der Ethiker spricht sich darin für die sogenannte Widerspruchslösung aus: Die Organe aller Bürger sollten nach einem Hirntod automatisch zur Transplantation zur Verfügung stehen, es sei denn, der potenzielle Spender hat sich zu Lebzeiten ausdrücklich gegen eine Spende ausgesprochen.

Der Beitrag:

Anfuehrungszeichen

 

In Deutschland warten mehr als 12.000 Menschen auf ein Spendeorgan. Jeden Tag sterben durchschnittlich drei Patienten den Tod auf der Warteliste. Für die anderen bedeutet die Zeit des Wartens häufig eine Leidenszeit; auch wenn mit der Dialyse eine Ersatztherapie zur Verfügung steht, bringt das Fehlen eines Spendeorgans teilweise massive Einbußen der Lebensqualität mit sich. Dabei ist die allgemeine Akzeptanz der Organtransplantation hoch: Umfragen zufolge würden 75% der Deutschen einer Organspende zustimmen; es besitzen jedoch nur ungefähr 12% von ihnen einen Organspendeausweis. Betroffene, Angehörige und Mediziner suchen nach Möglichkeiten, die Lage zu verbessern.

Ohne Zweifel ist in der Transplantationsmedizin in Deutschland immer noch einiges zu verbessern, auch wenn einige negative Anreize (wie die Nichtentschädigung oder Nichtübernahme der medizinischen Nachsorge von Lebendspendern) mittlerweile behoben wurden. Manche aktuelle Entwicklung ist sogar kritisch zu betrachten: Die Ansprache der Hinterbliebenen nach dem Tode eines Angehörigen, der als potentieller Spender in Betracht kommt, ist bekanntlich oft entscheidend für Zustimmung oder Ablehnung. Die medizinpsychologische Schulung des medizinischen Personals, das sich dieser schwierigen Aufgabe stellen muss, wird dennoch vielerorts in den medizinischen Fakultäten eher zurückgefahren als ausgebaut. Insgesamt reichen die Optimierungsstrategien nicht aus, die Organknappheit zu beheben, und wir können uns nicht mit dem für sich genommen berechtigten Hinweis hierauf begnügen.

Diskutiert werden einige Alternativen zur Transplantation menschlicher Organe: Die Entwicklung künstlicher Organe wie etwa das Kunstherz, das längst nicht mehr nur zur kurzfristigen Überbrückung eingesetzt wird, ist die vermutlich realistischste Option. Die Nutzung von Organen, die aus gentechnisch veränderten Tieren gewonnen werden (Xenotransplantation), steht vor dem ungelösten Problem des Infektionsrisikos durch Erreger, die den Sprung von der Organquelle auf den Menschen schaffen könnten. Auch die Vision der Züchtung von Organen durch den Einsatz von Stammzellen ist in absehbarer Zeit keine verfügbare Alternative. Diesseits dieser Optionen bleiben drei weitere Möglichkeiten, die Anzahl menschlicher Spendeorgane für die Transplantationsmedizin zu erhöhen: die Kommerzialisierung der Transplantationsmedizin durch Schaffung positiver Anreize; der Ausbau der Lebendspende und die Veränderung der rechtlichen Entnahmeregelung.

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