Papst-Proteste in Spanien „nicht verwunderlich“

Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack im dpa-Gespräch

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Prof. Dr. Detlef Pollack

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In Mexiko soll eine Blutreliquie von Papst Johannes Paul II. Millionen Menschen Hoffnung geben. Auf der anderen Seite der Welt demonstrieren beim Weltjugendtag in Spanien Tausende gegen die Finanzierung des Papstbesuchs aus Steuergeldern. Dass sich die Spanier so heftig gegen die Kirche wenden, während der Glaube in Lateinamerika eine solche Verehrung erfährt, ist nach Einschätzung eines Experten der Universität Münster „nicht verwunderlich“ – und vor allem eine Spätfolge der Nähe zwischen Kirche und Staat im autoritären Franco-Regime (1939-1975) in Spanien.

„Spanien war bis in die 70er Jahre ein hochkatholisches Land“, sagte der Religionssoziologe Detlef Pollack vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Nach dem Ende des Franco-Regimes lösten sich jedoch immer mehr Spanier vom katholischen Glauben. „Das Land hat seitdem einen starken Entkirchlichungsschub erlebt. Die aktuellen Proteste richten sich aber in erster Linie nicht gegen den Papst, sondern vor allem gegen die Vermischung von Kirche und Staat.“

Die Demonstrationen sind laut Pollack darüber hinaus aber auch Ausdruck einer zunehmenden Säkularisierung, die mit wenigen Ausnahmen wie Kroatien, Rumänien, Portugal oder Ukraine für ganz Europa gelte. Grund sei unter anderem der gestiegene Wohlstand. „Mit dem Einkommen wachsen für die Menschen die Möglichkeiten, ihre Freizeit außerhalb der Kirche zu verbringen. Das trägt zur Schwächung ihrer kirchlichen Bindung bei.“ In weiten Teilen Lateinamerikas sei das anders. „Dort hat die katholische Kirche eine traditionell starke Position. Aber auch neue evangelikale und pfingstlerische Bewegungen ziehen verstärkt Menschen an“, erklärte der Experte.

Dass die Kirche dort im Gegensatz zu vielen Ländern Europas noch fest verankert ist, liege auch an der Art des Glaubens. „Er hat dort eine ganz starke emotionale Qualität“, sagte der Religionssoziologe. „Die Frömmigkeit ist viel sinnlicher und konkreter. Die Verbindung zwischen Göttlichem und Irdischem ist enger.“ So drücken sich katholischer Glaube und Hoffnung auch in Symbolen wie der ausgestellten Blutreliquie von Papst Johannes Paul II. aus. Pollack: „Solche Objekte werden als ein Hinweis auf die Nähe Gottes erlebt.“

Die Vermischung von spirituellen und magischen Vorstellungen und Praktiken mit dem christlichen Glauben trage zudem zur Vitalität der Religion in Lateinamerika bei, sagte Soziologe Pollack weiter. „Die Beziehung vieler Kirchenmitglieder zu ihrer Kirche in Europa ist distanzierter, sachlicher, oft auch rein konventionell geprägt“, erklärte der Experte. „Auf dem Weltjugendtag in Spanien allerdings sind auf Seiten der jungen Gläubigen ebenfalls viel Emotionalität und Enthusiasmus zu sehen.“ (Julia Wäschenbach, dpa)