Weichenstellung für Islam-Institute an deutschen Hochschulen

Islamische Verbände, Politiker und Hochschulvertreter beraten auf Einladung des Wissenschaftsrat über eine Zusammenarbeit

Prof Dr Christian Walter

Prof. Dr. Christian Walter

© Julia Holtkötter

Die Sache scheint entschieden: Der Wissenschaftsrat als beratendes Gremium der Bundesregierung hat sich dafür ausgesprochen, an mehreren deutschen Universitäten Institute für Islamische Studien zu etablieren - mit dem Ziel, "die Pluralität islamischen Glaubens in Deutschland adäquat zu berücksichtigen". Die islamischen Verbände begrüßen diesen Vorstoß, die Politik etwa in Person von Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) pflichtet dem bei, und auch die Universitäten wie beispielsweise die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU) Münster signalisieren ihre Bereitschaft zum Aufbau derartiger Institutionen.

So weit, so gut und einig. Und jetzt? Auf welche Weise können und sollen die Muslime dabei mitwirken? Welche Rechte und Pflichten übernehmen die vier großen islamischen Dachverbände in Deutschland? Ist mit dem Beirats-Modell die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr? Es gab spannungsreiche Fragen im Berlin-Kreuzberger Umspannwerk zu klären, in dem sich auf Einladung des Wissenschaftsrats rund 100 Hochschullehrer, Politiker, Philosophen und Rektoren gestern und heute versammelt hatten. Die Quintessenz der Tagung lautete: Der eingeschlagene Weg ist der richtige, aber es bedarf reichlich Geduld. Und: Mehrere Experten der WWU spielen eine zentrale Rolle bei der Lösung vieler Probleme.

Christian Walter beispielsweise. Der münstersche Professor für Öffentliches Recht, Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters "Religion und Politik", führte den Teilnehmern die zentrale Frage vor Augen. Vor dem verfassungsrechtlichen Hintergrund, dass eine Theologie an staatlichen Hochschulen nicht ohne Beteiligung der Religionsgemeinschaften möglich sei, stehe der Staat beziehungsweise stünden die Hochschulen in der Pflicht, islamische Ansprechpartner einzubinden. Nur wen genau? Zwar gebe es vier islamische Dachverbände in Deutschland, die aber nur rund 20 Prozent aller Muslime repräsentierten. Deshalb haben Christian Walter und sein WWU-Kollege Janbernd Oebbecke, Professor für Öffentliches Recht und Verwaltungslehre, die Installierung eines Beirats vorgeschlagen. Dieses Gremium, betont Christian Walter, habe die Aufgabe, "verbindliche Absprachen zwischen den Religionsgemeinschaften und dem Staat" zu treffen - etwa über die Lehrpläne.

Ähnlich hatte auch der Wissenschaftsrat argumentiert. So sollten die Beiräte zwar bei der Berufung von Professoren mitwirken. Aber dabei gehe es nicht um eine Beurteilung der "wissenschaftlichen Qualität" eines Bewerbers. Die Auswahl müsse allein der Universität überlassen bleiben - die muslimischen Beirats-Mitglieder dürften nur entscheiden, ob gegen den Bewerber aus "religiösen Gründen" Einwände bestünden.

Fest steht: Die Beirats-Idee findet immer mehr Anklang. In Berlin machte bereits der Begriff "Münster-Modell" die Runde. Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der den Begriff "Beirat" durchaus kritisch sah, erklärte, aus seiner Sicht handele es sich im Zusammenhang mit der Installierung islamischer Institute an deutschen Universitäten um ein "gutes Provisorium". Schließlich hänge es allein an den Menschen, die dort eingebunden seien und an den konkreten Verfahren, mit denen man gegenseitig Vertrauen schaffe und den Studierenden eine gute Lehrbasis biete.

Die Vertreter der islamischen Verbände stellte dies nur bedingt zufrieden. Sie äußerten vor allem zwei Sorgen: Dass erstens auch Personen in die Beiräte berufen würden, die nicht über ein ausreichendes theologisches Wissen verfügten und damit die Lehre "verwässern" könnten, und dass zweitens das Beirats-Modell die formelle Anerkennung der Verbände als Religionsgemeinschaften weiter hinauszögern könnte. "Wir hängen auch damit noch immer in der Luft", fasste Axel Ayyub Köhler, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, die Stimmung zusammen. Dem widersprach aber nicht nur Janbernd Oebbecke. Er plädierte dafür, die Beiräte "als Chance für Freiheit und Anerkennung" zu akzeptieren.

Hintergrund:

Die Nachfrage nach ausgebildeten Islamwissenschaftlern auf dem Arbeitsmarkt ist groß. Gleiches gilt für Absolventen der Islamischen Studien. Zumal auch in der Deutschen Islam-Konferenz Übereinstimmung besteht, dass islamischer Religionsunterricht grundsätzlich als ordentliches Unterrichtsfach in deutscher Sprache an staatlichen Schulen eingeführt werden soll. Schätzungen des Wissenschaftsrats zufolge ergibt sich dadurch ein Bedarf an bundesweit rund 2000 Islam-Lehrern. Derzeit gibt es nur an wenigen deutschen Universitäten entsprechende Lehrstühle. Die WWU ist dabei führend, zumal es in Münster auch ideale Voraussetzungen für einen interdisziplinären Austausch etwa mit den christlichen Theologien gibt. Der Wissenschaftsrat geht davon aus, dass mit der Etablierung eines Islam-Instituts mit vier bis sechs Professuren jährliche Kosten von 1 bis 1,5 Millionen Euro auf eine Universität beziehungsweise ein Land zukommen. Noch ist unklar, ob und in welcher Weise sich der Bund oder die Bundesländer finanziell engagieren werden.
Zumindest Innenminister Thomas de Maizière vermittelte den Eindruck, dass es daran nicht scheitern werde. Er appellierte an die Teilnehmer, gleich ob Wissenschaftler oder islamische Verbands-Vertreter, die Initiative des Wissenschaftsrats weiter zu verfolgen. "Ich wünsche mir eine aktive Teilhabe der Muslime an allen gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland", unterstrich der CDU-Politiker. (Norbert Robers)