Standpunkt: Religion und Musik

Prof. Dr. Detlef Pollack
Prof. Dr. Detlef Pollack

Manchmal sind die einfachsten Antworten auch die besten. Warum fühlen sich Menschen weltweit vom Fußball angezogen? Man könnte auf das Gemeinschaftserlebnis hinweisen, das beim Besuch eines Fußballspiels entsteht, auf die Identifikation mit einer bestimmten Region, einer Stadt, einer Nation, auf die Durchbrechung des Alltags, die mit der Begeisterung für den Fußball verbunden ist. Die überzeugendste Antwort aber lautet: Fußball fasziniert, weil man den Ball nur mit Kopf und Fuß berühren darf und diese Regel zur artistischen Behandlung des Balls zwingt. Warum feiern die Menschen in der ganzen Welt Karneval? Natürlich hat das erneut etwas mit der Stärkung von Gemeinschaftsgefühlen zu tun, mit der Verbundenheit mit lokalen Traditionen und mit der im Karneval vollzogenen Umkehrung der als normal erachteten Ordnung. Die beste Antwort aber lautet schlicht: Karneval begeistert, weil Menschen es lieben, sich gelegentlich zu verkleiden.

Und wie ist es mit der Musik? Auch hier gilt zunächst einmal die einfachste Antwort: Musik verzaubert uns, weil hier auf nicht-zufällige Weise Töne miteinander verbunden werden. Selbstverständlich spielen Gemeinschaftsgefühle, Vorlieben für bestimmte musikalische Traditionen oder Außeralltäglichkeitserfahrungen ebenso eine Rolle. Das soll nicht bestritten sein. Zentral aber ist, dass es offenbar etwas in der Musik gibt, das uns anzieht – eine besondere Rationalität, die in uns Gefühle auslöst, die wir ansonsten nicht hätten, eine bestimmte Logik, die wir wiederholt sehen möchten und die in Form von melodischen Motiven, Rhythmen und Harmoniefolgen auch tatsächlich immer wiederkehrt, eine eigentümliche Struktur, die sich kumulativ verstärkt und durch Variation, Modulation und Abweichung zwar herausgefordert werden kann, in der Regel letztendlich dann aber doch immer wieder befestigt wird. Gewiss tragen auch die kulturell vermittelten Dispositionen des Individuums zum musikalischen Erlebnis bei. Ja, wir können noch nicht einmal ausschließen, dass sich die ästhetische Wirkung der Musik auch ihrer oft beschworenen Übereinstimmung mit kosmischen Sphären verdankt. Und doch machen den eigentlichen Reiz der Musik nicht diese subjektiven, gemeinschaftlichen oder gar metaphysischen Zutaten aus. Der Kern des Musikalischen lässt sich nicht auf etwas Außermusikalisches zurückführen, sondern liegt in ihr selbst. Deswegen kann man der Aussage von Arvo Paert nur schwer zustimmen, dass Musik mit einem weißen Licht vergleichbar sei, in dem alle Farben enthalten sind, und dass nur ein Prisma – etwa der Geist des Zuhörers – diese Farben voneinander trennen und sichtbar machen könne. Der Kern des Musikalischen besteht nicht in einer unbenennbaren Einheit, in die nur von außen Differenz und Struktur hineingetragen werden kann. Die Autonomie der Musik begründet sich vielmehr aus der ihr eigenen Struktur.

Darin gleicht Musik anderen Künsten. Auch diese gewinnen ihre Autonomie aus ihrer Eigenlogik. Musik unterscheidet sich aber von anderen Künsten insofern, als sie so ungegenständlich ist wie keine andere. Hat Musik einen Inhalt? Überbringt sie eine Botschaft? Kann sie überhaupt eine Botschaft überbringen? Natürlich gibt es manche gegenständliche Bezüge und Zitate in der Musik. Man denke an das Krähen des Hahns in Bachs Matthäuspassion, an die Nachahmung von Vogelgezwitscher, Bachgeplätscher und Gewitter in Beethovens Pastorale oder an die Erzeugung des Eindrucks einer Dampflok in Honeggers Pacific 231. Auch wenn jede Kunstform dazu tendiert, gegenständliche Bezüge zu verflüssigen, gibt es doch kaum eine Kunst, die darin so weit geht wie die Musik. Erklärt sich daraus vielleicht ihre Verwandtschaft mit der Religion, die die intersubjektiv erreichbare Gegenständlichkeit ebenfalls überschreitet und sich auf etwas bezieht, das sie als transzendent behandelt? Die Nähe zwischen Religion und Musik wurde oft beobachtet, aber nur selten erklärt.
Eine Ähnlichkeit zwischen Religion und Musik besteht auch insofern, als beide es nicht nur mit Harmonien zu tun haben, sondern stets auch mit Dissonanzen, nicht nur mit der Bejahung des Lebens, sondern auch mit dem Tod, nicht nur mit der Steigerung von freudigen Empfindungen, sondern auch mit Trauer, Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit und Furcht. Musik – könnte man sagen – ist durch das ständige Wechselspiel zwischen Harmonie und Disharmonie definiert. Empfindungen der Harmonie lassen sich ohne Dissonanzen überhaupt nicht herstellen. Die harmonische Auflösung bedarf zwangsläufig der Dissonanz.

Dabei hängt die ästhetische Wirkung eines Musikstücks durchaus auch von der Schärfe der gebrauchten Dissonanzen ab, also von den Beziehungen zwischen Dissonanz und Harmonie, die äußerst unterschiedlich gestaltet sein können. Dissonanzen können eine kurzzeitige Unterbrechung tonaler Harmoniefolgen sein und sofort wieder in die als angenehm empfundene Konsonanz zurückkehren. Sie können von einer Dissonanz in die nächste führen, sich in Modulationen und unaufgelösten Disharmonien winden und erst nach langen Umwegen wieder zur harmonischen Auflösung finden. Sie können sich aber auch gegen jede Versuchung von Konsonanz behaupten und die Einmündung in die harmonische Beruhigung verweigern. Die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs kann in diesem Sinne gelesen werden. Sie ist gegen jede tonale Erwartung komponiert, negiert die Heraushebung eines Tones als Grundton, behandelt alle zwölf Töne als gleichwertig, vermeidet Wiederholungen und damit eine an harmonische Zusammenhänge erinnernde Logik, sperrt sich gegenüber tonalen Klangmustern, ja unterminiert diese ganz bewusst durch unerwartete Tonfolgen und atonale Reihen und kreiert so ihre eigenen Muster. Es gibt in der Musik die schnelle Befriedigung, die heitere Belanglosigkeit, die anstrengende, sehnsuchtsvolle Suche nach Erlösung und die Verweigerung des erlösenden Ausgangs. Letztere nennt Schönberg die „Emanzipation der Dissonanz“.

Ganz ebenso finden sich auch in der Religion unterschiedliche Verhältnisbestimmungen von Konsonanz und Dissonanz. Neben dem Versprechen billiger Gnade steht die Forderung nach Bußübungen, Askese und Entsagung, neben dem breiten Weg der Sakramentsfrömmigkeit der schmale Pfad der Tugend, neben den tiefen religiösen Zweifeln postmoderne Wohlfühlspiritualität. Auch müssen Erlösung und Allversöhnung nicht das letzte Wort Gottes sein. Auf manchen warten, wenn wir Gottes Wort ernstnehmen, auch Verdammnis und ewige Höllenqualen. Die Gebete und Rituale der Gläubigen drehen sich um Schuld und Sühne, um Vergebung und Versöhnung, um Verfehlung und Wiedergutmachung. Auch wenn die Geschichte am Ende gut ausgehen sollte und manch einer vielleicht sogar meint, Heilsgewissheit bereits auf Erden erlangt zu haben, Gott kann das erlösende Wort auch verweigern. Nicht nur in der Musik muss der Lauf der Dinge nicht zur Erlösung führen. Auch in der Religion müssen sich die Dissonanzen nicht in Harmonie auflösen. Und so wie es einen inflationären Gebrauch von Konsonanz und dürftigen Disharmonien in der Musik gibt, so gibt es Kitsch auch in der Religion.

Was dabei jeweils als harmonisch und was als disharmonisch empfunden wird, variiert stark sowohl historisch, kulturell als auch individuell. Im musikalischen Stilempfinden unterscheiden sich Milieus, Bildungsschichten, Regionen und Zeitepochen in hohem Maße. Der Musikgeschmack kann zuweilen geradezu als ein Marker herangezogen werden, um soziokulturelle Gruppen zu identifizieren und voneinander zu trennen. Wer Volksmusik liebt, geht in der Regel nicht in die Oper. Und wer Free Jazz bevorzugt, kann zumeist wenig mit Marschmusik anfangen. Mit dem Musikgeschmack sind Ekelgrenzen bezeichnet, die sich oft nur schwer überschreiten lassen. Deswegen sollte man auch vorsichtig sein mit der Annahme, Musik verbinde die Menschen und stelle so etwas wie ein Medium der Völkerverständigung dar. Wahrscheinlich ist eher das Gegenteil richtig, auch wenn nicht auszuschließen ist, dass im gemeinsamen Musikerlebnis Menschen unterschiedlichster Prägung zusammenfinden, sich in der Begeisterung aneinander steigern und irgendwann sogar anfangen, im Takt zu klatschen. Die hohe emotionale Bindungskraft der Musik kann auch trennend wirken.
Darin liegt ein weiterer möglicher Vergleichspunkt zwischen Musik und Religion: Religion kann zur Verständigung zwischen Menschen beitragen, Frieden zwischen verfeindeten Gruppen stiften, fremde Kulturen rezipieren und sich mit ihnen vermischen, aber sie vermag auch Konflikte zu schüren, Identitäten zu markieren, Grenzen gegen Andersgläubige aufzurichten und sogar zur Vernichtung Andersdenkender aufzurufen. Musik und Religion vermögen so gleichermaßen ambivalente Wirkungen hervorzubringen. Auch wenn wir vor allem ihre integrativen Kräfte im Auge haben, sollten wir die von ihnen ausgehende Dynamik nicht idealisieren.

Tatsächlich, Religion und Musik weisen eine Reihe überraschender Ähnlichkeiten auf. Wie Musik überschreitet auch Religion die Erfahrungen des Alltags und der tagtäglichen Lebenswelt. Beide eröffnen eine außeralltägliche Sinnprovinz, in die der einzelne eintauchen kann, aus der er auch wieder herausfinden kann, die sich aber in jedem Fall von den Normalitätsunterstellungen des Alltags unterscheidet. Darüber hinaus treffen sich beide auch darin, dass sie sich auf etwas Ungegenständliches beziehen und dieses zugleich medial erfahrbar machen. In der Religion und in der Musik lassen sich Erfahrungen der Einheit mit dem ganz Anderen machen, mystische Erfahrungen, die den einzelnen über sich hinausführen und mit etwas außerhalb seiner selbst verbinden, die ihn mitnehmen und derer er sich zuweilen kaum erwehren kann. Musik und Religion besitzen aber auch insofern eine besondere Nähe, als sie Missklang und Wohlklang sowie Gefühle der Verdammnis und Erlösungsgefühle miteinander kombinieren.

Diese Ähnlichkeiten tragen dazu bei zu erklären, warum Religion und Musik vielfach als verwandt angesehen werden. Aus Ihrer Nähe erklärt sich aber auch die zwischen ihnen oft zu beobachtende Konkurrenz. Über Jahrhunderte achteten Kleriker immer wieder argwöhnisch darauf, ob sich in der Musik nicht ein blasphemisches Potential verberge. Blasinstrumente zu spielen war in mittelalterlichen Nonnenklöstern verboten. Der Tritonus galt als Teufelsintervall. Gerade die besondere Nähe von Religion und Musik trägt in manchen Hinsichten auch zu besonderen Spannungen zwischen ihnen bei. In der Zeit, als sich Musik als eigenständiges System ausdifferenziert und von ihrem Geselligkeitsgebrauch emanzipiert hatte – im 19. Jahrhundert –, war die spannungsreiche Konkurrenz besonders deutlich spürbar. Man denke nur an die quasireligiösen Anspielungen und religionsgleichen Ansprüche in den Operndramen Richard Wagners.
Religion und Musik können sich aber auch ergänzen und füreinander wichtige Funktionen erfüllen. Musik begleitet religiöse Rituale, verbindet die Mitglieder einer religiösen Gemeinschaft, erhebt die Gefühle der Gläubigen. Gerade ihre Ungegenständlichkeit macht sie für ihren Einsatz für religiöse Zwecke besonders geeignet. Jede sinnhafte Aussage hingegen erregt unmittelbar den Gegensinn. Sie eröffnet einen weiten Horizont von Bedeutungen. Kaum ist sie ausgesprochen, laufen die unterschiedlichsten Assoziationen, Bedenken, Vermutungen und Gegenargumente an, die dazu führen können, sie zu modifizieren oder sogar aufzugeben. Anders in der Musik. Sie trifft überhaupt keine Aussagen und kann daher auch nicht widerlegt werden. Sie findet einen unmittelbaren Weg in unser Herz. Auch wenn wir nicht jede Musik gleichermaßen lieben, ist unsere Reaktion auf sie viel weniger rational vermittelt als bei gegenständlich gemeinten Aussagen. Oft findet sie uns geradezu widerstandslos. Natürlich kann unser Widerstand auch durch Wörter, durch Überredungskünste, Schmeicheleien, Einsprüche, Kritik, durch Ermahnungen und Gegenargumente, durch Buß-, Umkehr-, Mahn- und Moralpredigten gebrochen werden. Die Macht der Musik liegt hingegen darin, dass ihr dieser rational begründete Widerstand gar nicht erst entgegentritt und sie uns unmittelbar anspricht oder abstößt. Das gesprochene oder geschriebene Wort müssen wir verstehen, bevor wir uns emotional zu ihm verhalten können. Es erfordert in weitaus höherem Maße unser aktives Mittun als ein Musikstück. In der Musik sind wir im Wesentlichen Empfangende, Erlebende, Mitfühlende, in der sprachlichen Kommunikation ist die Eigenleistung des Rezipienten höher.

So ist es auch in der Religion, die nach Schleiermacher zwar Gefühl ist – Sinn und Geschmack des Unendlichen –, deren Wirkung aber ebenfalls in hohem Maße an den verstehenden Nachvollzug ihrer Sinnformen, Symbole, Praktiken und Lehren gebunden ist. Nicht zufällig spielt in der Geschichte der Religionen daher auch die Kritik an der Religion eine prominente Rolle. Die wirkmächtigen sozialistischen Bewegungen im Gefolge von Karl Marx möchten sie überhaupt abschaffen. Ob es sie geben soll oder zu bekämpfen ist, stellt bis heute einen immer wieder aufflammenden Streitpunkt dar.
Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen Religion und Musik besteht in dem unterschiedlichen Grad ihrer Funktionalisierbarkeit. Musik lässt sich als Marschmusik, als Tanzmusik, als Filmmusik, als gottesdienstliche Musik, ja zur bloßen Unterhaltung und Untermalung einsetzen, ohne dass dies ihrem Eigensinn Abbruch tun würde. Religion wird zwar individuell und sozial auch vielfach für nichtreligiöse Zwecke benutzt – zur Legitimation politischer Herrschaft, zur Begründung philosophischer Annahmen, zur Stiftung von Ehen und zum Trost in persönlichen Krisen. Ihre Wirkung ist aber nicht unwesentlich daran gebunden, dass man auf sie nicht erst dann zurückgreift, wenn man sie benötigt, dass sie ein Wert unabhängig von ihrer Nützlichkeit darstellt, dass sie in ihrem Zweck nicht aufgeht und auch unabhängig von ihrem Gebrauchswert einen intrinsischen Wert besitzt. In ihr geht es um etwas Höheres als um menschliche Interessen und Ziele, um die höhere Ehre Gottes, das ganz Andere übermenschlicher Mächte, um den letzten Sinn allen menschlichen Lebens und der Geschichte. Einen solchen Universalitäts- und Letztgültigkeitsanspruch stellt die Musik nicht. Sie ist in ihrer Form und ihrem Inhalt bescheidener und zugleich unbestimmter. Aufgrund ihres weit ausgreifenden Sinnhorizonts kann Religion an jeden Sachverhalt – und sei er auch noch so kontingent – anknüpfen und alles in ein anderes Licht tauchen. Religion ist äußerst variabel, geschmeidig, anpassungsfähig, ambivalent und plastisch. Sie kann sich alles zunutze machen, aber nicht selten sperrt sie sich gegen ihre Indienstnahme. Gewiss erreicht sie nicht jenen Grad an Unbestimmtheit, der der Musik eigen ist. Doch nähert sie sich ihr diesbezüglich in der Spätmoderne immer mehr an: Sie wird flüssiger, uneindeutiger, ungegenständlicher, auch persönlicher; sie entledigt sich mehr und mehr ihrer lehrhaften Anteile und präsentiert sich immer weniger in der Form von Dogmen, Geboten und Verboten. Wie schon Luther wusste, hat, wer sich der Musik erkiesst, ein himmlisch Gut gewonnen. Wahrscheinlich liegt das nicht nur daran, dass die lieben Engelein selber Musikanten sein, sondern auch daran, dass ihr Gebet einfach reine Musik ist und wohl gar nichts anderes sein kann als reine Musik.

Erstveröffentlichung: Band des Deutschen Musikrats (Ronald Grätz/Christian Höppner (Hg.): Musik eröffnet Welten: Zur Gestaltung internationaler Kulturbeziehungen. Steidl 2019, 209-216)