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28. Dezember 1999

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Pressemitteilung upm

Professor Dr. Heinz Gollwitzer gestorben
Emeritierter Lehrstuhlinhaber für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Münster


Münster (upm), 28. Dezember 1999

Professor Dr. Heinz Gollwitzer, emeritierter Lehrstuhlinhaber für Neuere und Neueste Geschichte und ehemaliger Direktor des Historischen Seminars der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, ist am 26.12.1999 in München verstorben. Mit ihm verliert die Universität einen Gelehrten von hohem Rang, der sich sowohl durch die Breite seines wissenschaftlichen Werkes als auch durch die Vielzahl seiner Freunde und Schüler auszeichnete.

Am 30.01.1917 in Nürnberg geboren und in München aufgewachsen, hatte Heinz Gollwitzer nach schwerer Kriegsverletzung das Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität München aufgenommen und 1944 mit der Promotion abgeschlossen. 1950 habilitierte er sich in München mit einer Untersuchung "Europabild und Europagedanke - Beiträge zur deutschen Geistesgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts". Neben seiner anschließenden Privatdozententätigkeit an der Universität München übernahm er seit 1951 einen Lehrauftrag an der dortigen Hochschule für Politik. 1957 folgte der Historiker dem Ruf auf einen Lehrstuhl an der Universität Münster, wo er gleichzeitig zum Direktor des Historischen Seminars ernannt wurde. Gollwitzer ist Münster trotz ehrenvoller Rufe nach Tübingen (1960), Würzburg (1965) und Zürich (1970) bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1982 treu geblieben.

Gollwitzers wissenschaftliches Tätigkeitsfeld erstreckte sich von der Landesgeschichte über die deutsche und europäische Geschichte bis hin zur Universalgeschichte. In seinem zweibändigen Hauptwerk "Geschichte des weltpolitischen Denkens" (1972, 1982), das vom Zeitalter der Entdeckungen bis zur afro-asiatischen Emanzipationsbewegung reicht, zeichnete er ein ideen- und geistesgeschichtlich orientiertes, zugleich höchst aktuelles Tableau der "Globalisierung vor der Globalisierung". Auch mit seinen Büchern über die "Standesherren" (2. Aufl. 1964) und über das Schlagwort der "Gelben Gefahr" (1962) lieferte er bis heute gültige Standardwerke zur Sozialgeschichte des deutschen Adels im 19. Jahrhundert beziehungsweise zum imperialistischen Denken am Ausgang jenes Jahrhunderts. Seine Beiträge zur regionalen - hier insbesondere zur bayerischen und westfälischen - Historie waren besonders durch übergreifende Darlegungen zum politischen Regionalismus und zum kulturgeschichtlichen Phänomen der Heimatbewegung gekennzeichnet. Seine Forschungen zur deutschen Geschichte bezogen sich weitgehend auf das 19. und 20. Jahrhundert, wobei er die Geschichte der politischen Ideen und des politischen Bewusstseins, der öffentlichen Meinung, der Interdependenz von Geschichtswissenschaft und Geschichtsbewusstsein und Politik mit einbezog.

Nach seiner Emeritierung hat Heinz Gollwitzer noch zwei umfangreiche Darstellungen in Angriff genommen. Mit der "politischen Biographie" des Bayernkönigs Ludwig I. (1986), die bereits in zweiter Auflage vorliegt, hat Gollwitzer nicht nur ein Porträt dieser bedeutenden und zugleich widersprüchlichen Herrscherpersönlichkeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfen, sondern auch ein politisches und kulturgeschichtliches Zeitgemälde der Epoche zwischen Ancien régime und aufstrebender Bürgerlichkeit gezeichnet. Eine Abrundung der Arbeiten aus dieser historischen Epoche stellt das Werk dar, das Gollwitzer nur wenige Jahre später (1993) folgen ließ: die Biographie des bedeutendsten bayerischen Staatsmannes des Vormärz, Karl von Abel. Der Verfasser hat in dieser Arbeit über die "Ära Abel" nicht nur zentrale historische Strukturprinzipien des 19. Jahrhunderts ("Beamtenaristokratie - Monarchisches Prinzip - Politischer Katholizismus", so der Untertitel) zum Ansatzpunkt seiner Darstellung gemacht, sondern er kehrte mit diesem Werk zu den Anfängen seiner Dissertation von 1944 zurück.

Das hohe wissenschaftliche Ansehen von Heinz Gollwitzer kam auch in der Mitgliedschaft in mehreren wissenschaftlichen Gesellschaften zum Ausdruck: Er gehörte der Rheinisch- Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften an. Über viele Jahre war er Mitglied der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien sowie der Historischen Kommission für Westfalen, die er als langjähriger zweiter Vorsitzender entscheidend mitprägte. Gollwitzer war überdies Herausgeber der "Neuen Münsterschen Beiträge zur Geschichtsforschung" und Mitherausgeber der "Münsterschen Forschungen" und der "Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte".

Wenn Heinz Gollwitzer auch nie eine historische Schule im strengen Sinn gebildet hat und methodische Offenheit und thematische Vielfalt sein Geschichtsverständnis formten, so sind ihm doch zahlreiche, von ihm geprägte Universitäts- und Gymnasiallehrer auf diesem Wege gefolgt.



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Hans-Joachim Peter
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Datum: 28.12.1999