Forschungsinteressen

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  • 1. Grundlagenforschung - Gesundheit in Familiensystemen

    Wissenschaftlich ist unbestritten, dass chronischer Alltagsstress negativ mit dem Funktionsniveau und der Gesundheit von Paaren und Familien zusammenhängt. Es bleiben jedoch viele offene Fragen bezüglich

    • der Mechanismen, wie Alltagsstress das Familiensystem beeinflusst,
    • ob die Mechanismen in allen Paarbeziehungen ähnlich sind (z.B. auch bei jugendlichen Paaren) oder sich in wichtigen Lebensumbruchsphasen (z.B. beim Übergang zur Elternschaft, Eintritt ins Rentenalter) verändern, und
    • was Paare tun können, um erfolgreich mit Alltagsstress umzugehen.

    Wie wirkt sich Alltagsstress auf das familiäre Umfeld aus?

    Chronischer Alltagsstress entsteht außerhalb des Familien- oder Paarsystems (externer Stress) schwappt jedoch in die Partnerschaft über und führt dann schnell zu Meinungsverschiedenheiten und Streit (interner Stress). Wir haben einen wichtigen Mechanismus untersucht, der in der Stressforschung bisher wenig Beachtung gefunden hat, nämlich wie Stress die gemeinsame Paarzeit kontaminiert. Wir konnten dabei unter anderem zeigen, dass externe Stressoren in die Paarbeziehung eindringen, indem sie sowohl die Qualität als auch die Quantität der gemeinsamen Zeit beeinträchtigen.

    Sind die Mechanismen in allen Lebensphasen ähnlich?

    Erste Forschungsergebnisse unseres Arbeitsbereichs legen nahe, dass Stress-Spillover-Prozesse in der späten Adoleszenz anders funktionieren als im Erwachsenenalter. Im Gegensatz zu Befunden aus der Erwachsenenliteratur hängt externer Stress nicht mit internem Stress zusammen. Zudem sagt die gemeinsame Stressbewältigung jugendlicher Paare weder die Zufriedenheit mit der Beziehung noch die Stabilität der Beziehung nach einem Jahr vorher, wohin gegen man bei erwachsenen Paaren mit 80% Treffsicherheit auf Grund ihrer Stressbewältigungskompetenzen vorhersagen kann, ob sie sich trennen werden oder nicht.

    Was können Paare tun, um mit externem Stress erfolgreich umzugehen?

    Erfolgreiche gemeinsame Stressbewältigung – oder „dyadisches Coping“, wie es im Fachjargon genannt wird – ist ein wichtiger Indikator für eine gut funktionierende, stabile Partnerschaft. Dyadisches Coping beschreibt, wie sich Paare bei erlebtem Stress gegenseitig unterstützen: ob sie Probleme gemeinsam analysieren, sich gegenseitig beruhigen, sich helfen, die Situation in einem anderen Licht zu sehen oder einander Mut machen. Studien haben gezeigt, dass Paare, denen das gelingt eine höhere Beziehungsqualität haben, persönlich weniger Stress empfinden und über ein besseres psychologisches und physisches Wohlbefinden berichten. Beispiele aus unserer eigenen Forschung verdeutlichten die Vorteile der dyadischen Stressbewältigung bei Paaren, die in die Elternschaft übergehen oder Unterstützung bei der Kindererziehung suchen.

    Dyadisches Coping ist eine Kompetenz die sich trainieren lässt; sowohl der „gestresste Partner“ als auch der „Zuhörer“ können dazu ihren Beitrag leisten. Wir konnten in einem Gespräch nach experimentell induziertem Stress beispielsweise zeigen, dass Partner die Art der Unterstützung die sie bieten, entsprechend den Stresssignalen ihres Partners anpassen (d.h. Stress also am besten explizit ansprechen) und besonders das Zuhören eine ganz zentrale Rolle bei der gemeinsamen Stressbewältigung spielt.

  • 2. Forschungsmethoden

    Familienprozesse zu verstehen ist ein komplexes Unterfangen. Es ist daher wenig überraschend, dass diese Komplexität sich auch in den Daten widerspiegelt. Beispielsweise haben wir in verschiedenen Studien gezeigt, dass eine dyadische Auswertung und die konzeptionelle ebenso wie statistisch modellierte Differenzierung zwischen verschiedenen Analyseebenen (intra- und interpersonelle Ebene) zentral ist, um Fehlschlüsse zu vermeiden.

    In unserer Forschung kommen daher vielfältige quantitative und qualitative Forschungsmethoden zum Einsatz um die komplexe, dynamische und oft abhängige Struktur systemischer Daten adäquat abzubilden. Die vielfältigen Datenquellen (physiologische Maße, Fragebogendaten aus der Perspektive von verschiedenen Familienmitgliedern, Experimente, Labor- und intensive longitudinale reallife-Verhaltensbeobachtungsdaten, Performanzmaße bspw. mittels Testverfahren) und Studiendesigns (Tagebuchstudien, Längsschnittstudien, Interventionsstudien) unseres Arbeitsbereichs erlauben es zudem innovative Forschungsfragen zu erarbeiten und sie mit validen und kreativen Zugängen zu operationalisieren. Beispielsweise konnten wir Dank des „EAR“, einem elektronisch aktivierten digitalen Audiogerät, welches intermittierend Ausschnitte von Umgebungsgeräuschen von Studienteilnehmern aufzeichnet, das Vorurteil wiederlegen, dass achtsame Menschen moralischer handeln.

  • 3. Praktische Anwendung: Systemische Interventionsstudien zu Programmen der Gesundheitsförderung und Prävention

    Die Befundlage der letzten Jahre ist eindeutig und sieht den Einfluss von sozialen Beziehungen auf die Gesundheit (z.B. Mortalität) als ähnlich hoch an wie den von anderen etablierten Risikofaktoren (z.B. Rauchen). Trotz steigender Evidenz, dass Familie und Partnerschaft einerseits eine große Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen nicht nur im Kindes- sondern auch im Erwachsenenalter spielen und anderseits eine vielversprechende, positive Ressource darstellen, beziehen nur wenige Interventionen den Partner explizit mit ein. Umso wichtiger ist es, Interventionen zu entwerfen und auf ihre Wirksamkeit zu testen, die, anstatt ausschließlich die Gesundheit der Indexperson zu adressieren, das Paar- oder Familiensystem in den Fokus rücken. Denn um chronisch belastete Paare und Familien gezielt unterstützen zu können, benötigen wir nähere Erkenntnisse über die Wirkmechanismen, wie Interventions- und Präventionsprogramme auf die Targetperson und deren Familienangehörige wirken.

    In einer RCT-Interventionsstudie mit 150 Paaren zeigten wir beispielsweise mittels Pfadanalysen, dass in der Wahrnehmung der Mütter die Teilnahme an einem paarfokussierten Stresspräventionsprogramm Verhaltensprobleme von Kindern durch Verbesserung der Beziehungsqualität reduzierte, während in der Wahrnehmung der Väter das Programm dysfunktionale Erziehungspraktiken verbesserte und sich so positiv auf die Kinder auswirkte.