1.1.1.4. Das System der Arbeitsmittel als widersprüchliche Handlungs- und Verhaltensweisen
in bezug auf die Verhältnisse zwischen Naturgegenständen und Rohmaterialien
Verhältnisse
WS/WS WS:WS-ÜB/ÜB
ÜB/ÜB
GF:GF-ÜB:ÜB-PV/PV
ÜB:ÜB-PV/PV
PV/PV
GF:GF-PW:PW-PV:PV-AK/AK
PW:PW-PV:PV-AK/AK
PV:PV-AK/AK
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PK:PK-AK:AK-AM/AM
AK:AK-AM/AM
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PM:PM-AM:AM-NG/NG
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NG/NG
Handlungssysteme
WS:WS GF:GF-ÜB:ÜB
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PW:PW-PV:PV
PV:PV
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PW:PW-PK:PK-AK:AK
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PM:PM--AM:AM
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RM:RM
Systeme des Zusammenhangs
WS:GF GF:GF-ÜB:PW
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PW:PW-PV:PK
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Struktursysteme
GF:GF GF:GF-PW:PW
PW:PW
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PW:PW-PK:PK
PK:PK
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PW:PW-PK:PK-PM:PM
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PM:PM
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PK:PK-PM:PM-AG:AG
PM:PM-AG:AG
AG:AG
PK:PK-PM:PM-AG:AG-NG:NG
PM:PM-AG:AG-NG:NG
AG:AG-NG:NG
NG:NG
Erläuterungen

Aus: H. J. Krysmanski, Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik. Soziologische Skizzen zum Zusammenhang von Produktionsweisen, Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1982, S. 49-76

1.1.1.4. Technologische Entwicklungslinien
(Das System der Arbeitsmittel als widersprüchliche Handlungs-und Verhaltensweisen in bezug auf die Verhältnisse zwischen Naturgegenständen und Materialien)
(gekürzt)

Es bedarf sicherlich der Gewöhnung und auch der Überredung, den analytischen Wert der Betrachtung des Systems der Arbeitsmittel als eines Systems widersprüchlicher Handlungs- und Verhaltensweisen in bezug auf unterschiedliche Verhältnisse im System der Arbeitsgegenstände anzuerkennen. Noch schwieriger ist es, in eine Darstellung mit Hilfe dieser analytischen Differenzierung dann auch noch etablierte Klassifikationen der Arbeitsmittel- oder Technikentwicklung miteinzubeziehen; denn man gerät so leicht in Gefahr, weder der technologietheoretischen Absicht noch der gesellschaftlichen Bedeutung der realen Technikentwicklung gerecht zu werden. Und doch muß dieser Versuch gemacht werden, schon allein, weil eine genauere Betrachtung der »herrschenden« Klassifikationen immer wieder zeigt, daß hier eben auch herrschende Interessen klassifikatorisch am Werke waren.

Wichtig für einen soziologischen Begriff des Arbeitsmittelsystems ist also die Betonung der Tatsache, daß Arbeitsmittel ein »Aspekt« menschlichen Handelns und Verhaltens sind, dessen Besonderheit in der Vermenschlichung (Vergesellschaftung) nichtmenschlicher Dinge und Prozesse und in der unabdingbaren Beziehung zu Stoffkreisläufen (Verhältnissen) zwischen der unbearbeiteten und der bearbeiteten Natur besteht. Es wäre ein Mißverständnis, das System der Arbeitsmittel lediglich als eine funktional strukturierte Ansammlung von Dingen wie Werkzeugen, Maschinen, Fließbändern oder Computern zu betrachten. Wenn Marx die moderne Werkzeugmaschine als »mechanische Wiedergeburt eines komplizierteren Handwerkszeuges« und zugleich als »Kombination verschiedenartiger, manufakturmäßig partikularisierter Instrumente« innerhalb eines Systems maschinenmäßiger Produktion charakterisiert, so meint er nicht nur ihre physische Erscheinung, sondern er sieht in ihr auch die Spezialisierung und Arbeitsteilung sowie die Kooperation und Konzentration des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses vergegenständlicht. Das System der Arbeitsmittel ist wesentlich ein System von dinglich vermittelten menschlichen Handlungs- und Verhaltensweisen, welche sich im Umgang mit Arbeitsgegenständen und in bezug auf den Prozeß des Eindringens in deren Eigenschaften herausgebildet haben.

Nur wenn dieser gesellschaftliche Charakter des Systems der Arbeitsmittel nicht begriffen wird, kann es zu Fehlinterpretationen der Marxschen »Maschinentheorie« kommen, die beispielsweise im Zusammenhang mit Fragen der Bürotechnikentwicklung verneinen, daß »Schreibmaschine, Additionsmaschine, Buchverarbeitungsmaschine, Hollerithmaschine und elektronsiche Datenverarbeitungsmaschinen« unter die Marxsche Definition der Maschinerie gebracht werden können, weil »von einem Wiedererscheinen der Apparate und Werkzeuge, womit der Büroangestellte des nicht mechanisierten Büros arbeitet, in der Büromaschine selbst, ... in keinem Fall die Rede sein« könne. Nur wenn man in mechanistischer Weise.erwartet, daß etwa in der Schreibmaschine die Schreibfeder, nunmehr mechanisch geführt, »wiedererscheinen« müsse , erschließt sich der Sinn des Marxschen Begriffs der maschinenmäßigen Produktion nicht. Geht es aber letztlich um die Entwicklung eines - dinglich flexibel abgestützten - Systems zweckvoller gesellschaftlicher Handlungsmuster, in welchem auch die funktionale Substitution von Technologien den Prozeß der Naturbearbeitung auf naturgesetzliche Weise nicht grundsätzlich verändern kann, so verschwinden diese Verständnisschwierigkeiten.

Im System der Arbeitsmittel als einem zugleich vergegenständlichten und »lebendigen« arbeitsgegenstandsbezogenen System der Handlungs- und Verhaltensweisen ist außerdem eine Gesetzmäßigkeit der Minimierung des gesellschaftlichen Aufwands zur Erreichung eines bestimmten Zwecks wirksam. Es geht also nicht nur um die Erweiterung und Vertiefung von Handlungsmöglichkeiten (und Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung), sondern auch um »Ersparung«, Einsparung von Arbeitszeit, von Material und Energie, um eine »Reduktion zum Minimum der Produktionskosten«, die »identisch mit der Entwicklung der Produktivkraft« ist. In dieser Eigenschaft des Arbeitsmittelsy stems, einerseits den gesellschaftlich notwendigen Aufwand reduzieren zu helfen und andererseits die Möglichkeiten des Arbeitshandelns (und damit auch des »Aufwandes«) enorm zu erweitern, in dieser widersprüchlichen Entfaltung des menschlichen Handlungspotentials gegenüber der Natur läßt sich die Entwicklung des Systems der Arbeitsmittel als Kern des allgemeinen Rationalisierungsprozesses begreifen.

Der allgemeine Begriff der Rationalisierung in den Sozialwissenschaften ist zwar schillernd, immer aber auf eine Verbindung von technischen und gesellschaftlichen Prozessen und auch auf eine bestimmte Entwicklungsrichtung bezogen. Innerhalb der sozialistischen Produktionsweise wird Rationalisierung als die Gesamtheit der Maßnahmen verstanden, die darauf gerichtet ist, »mit den vorhandenen Arbeitskräften, Produktionsausrüstungen und Rohstoffen den Reproduktionsprozeß als Ganzes intensiver zu gestalten und dadurch den Nutzeffekt gesellschaftlicher Arbeit wesentlich zu erhöhen«. Innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise kommt der »Konkurrenzeffekt« des technischen Fortschritts hinzu; im 6. Forschungsbericht der Bundesregierung z.B. gilt Rationalisierung als »Voraussetzung für die Anpassungsfähigkeit einer Volkswirtschaft an Veränderungen der internationalen Wettbe­werbssituation, die Deckung wichtiger, bisher zu kurz gekommener Bedürfnisse sowie für die Überwindung von Engpässen und Verknappungstendenzen z. B. bei Rohstoffen und Energie«. Und in der allgemeinen soziologischen Theorie, in Anlehnung an Max Weber, ist Rationalisierung »Teilprozeß oder ein Moment der Herausbildung der kapitalistischen Gesellschaft bzw. (sic!) der industriellen Gesellschaft: Rationalisierung als Einrichtung der Lebensführung auf geplante Zweck-Mittel-Beziehungen, als Durchsetzung rationaler Rechnungsführung und Betriebsführung, als Aufkommen einer rationalistischen ökonomischen Gesinnung und als Verbreitung rationaler Verwaltung«.

Diese Rationalisierungsbegriffe zeigen, daß die Widersprüche der gegenwärtigen Diskussion um die gesellschaftsstrukturellen Folgen der neuen Technologien zwar einerseits auf der Widersprüchlichkeit der Entfaltung des Systems der Arbeitsmittel beruhen - daß also beispielsweise die Beherrschung der Natur auch ihre Zerstörung bedeuten kann (ökologische Frage). Andererseits aber müssen diese Fragen zunächst auf den Gegensatz der Produktionsweisen hingeführt werden, auf Fragen also, inwieweit die kapitalistische Produktionsweise die »wachstumsbezogenen« und die »einsparungsbezogenen« Tendenzen des technischen Fortschritts in bestimmte, gesellschaftlich abgesicherte "Formen der Mehrwertproduktion (monopolistische Rationalisierung, staatliche Forschungs- und Entwicklungspolitik) eingefangen hat- und wie weit in der sozialistischen Produktionsweise technischer Fortschritt sich als die Möglichkeit realisiert, »Produktion und Produktivkräfte in einer Form zu entwickeln, die die Lösung der durch ihre Entwicklung aufgeworfenen Probleme auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens von vornherein einschließt.«

Ganz ohne Frage hat der Prozeß der kapitalistischen Rationalisierung durch den Einsatz von Wissenschaft und Technik historisch und aktuell enorme Steigerungen der Produktivitätsraten mit sich gebracht. In den anstehenden Automatisierungsprogrammen scheinen die. Systeme der Arbeitsmittel sogar endgültig von ihrem »sozialen« Bezug abgekoppelt zu werden. Abbau von Arbeitsplätzen, Freisetzung von Arbeitskräften - objektiv ja Fortschritte in der Einsparung von Arbeitszeit - werden dabei jedoch offensichtlich innerhalb einer zunehmend disproportionalen Produktionsstruktur erzeugt. Die größten Produktivitätszuwächse werden in der Rüstungsindustrie, Automobilindustrie und für private und staatliche Verwaltungs- und Überwachungsapparate projektiert. So steht bei der Diskussion der verschiedenen Dimensionen der Arbeitsmittelentwicklung in der Bundesrepublik - die sich analytisch aus dem Stand der Einarbeitung »nichtmenschlicher Komponenten« und aus dem Bezug zu verschiedenen Stoffkreislaufsystemen ergeben - die Frage nach menschen- und gesellschaftsgerechten Proportionierungen im Produktivkraftsystem und damit auch in der Gesellschaftsstruktur im Mittelpunkt.

Werkzeuge und Stoffumwandlungsverfahren
(Widersprüchliche Handltmgs-und Verhaltensweisen in bezug auf das Verhältnis zwischen Naturgegenständen)

Historisch und prototypisch handelt es sich bei Arbeitsinstrumenten - Werkzeuge und Stoffumwandlungsverfahren - um jene Klasse von Arbeitsmitteln, die am Anfang der und in der größten Nähe zur produktiven Naturbeherrschung steht. Auch heute noch können sie unter analytischen Gesichtspunkten weitgehend unabhängig von nichtmenschlicher Energie, von komplex integrierten Transport-, Montage- und Organisationssystemen, von nichtmenschlicher Schalt- und Speicherintelligenz betrachtet werden. So laufen beispielsweise die in der chemischen Produktion angewendeten Stoffumwandlungsverfahren zwar in einem hochtechnisierten, raumzeitlich vertakteten, automatisierten Milieu und mit einem hohen Aufwand an nichtmenschlicher Energie ab; der chemische Prozeß selbst aber (wie die alten Verfahren des Garens, Gerbens usw.) vollzieht sich »naturgesetzlich«, durch »Hereinheben« eines Naturgesetzes in das Produktionsverfahren. Diese Art der Produktion, in welcher zunächst nur »nichtmenschliche Hände« zwischen Arbeiter und Arbeitsgegenstand geschoben werden, finden wir im Handwerk, der Landwirtschaft, dem Bergbau, dem Hoch- und Tiefbau, der Energiewirtschaft, in der Chemie und in der Eisen- und Stahlerzeugung.

An diese instrumentellen Produktionstechniken und Rationalisierungsverhältnisse ist eine Reihe von funktionalen - für das technologische Niveau eines Produktivkraftsystems nicht unwichtigen - Handlungsmustern gebunden. So steckt z.B. in handwerklichen Produktionstechniken ein hohes Maß an »rationaler Einfühlung« in die Naturgegebenheiten der Rohstoffe und an Standards der Produktionsqualität. Auch Standards des Verhältnisses von menschengerechter und naturgerechter Stoffbearbeitung, ja des ökologischen Gleichgewichts, der Wertschätzung von Naturstoffen usw. gehören dazu. Nicht umsonst haben in der ökologischen Alternativbewegung handwerkliche Formen der Gebrauchswertproduktion Modellcharakter. Es ist keine Frage, daß viele dieser aus vorindustrieller Zeit stammenden naturgegenstandsbezogenen Handlungs- und Verhaltensweisen sich auch in der Phase der Industrialisierung weiterentwickelt haben und daß sie als ein Moment der Produktionsrealität gerade auch in der automatisierten Produktion Überlebenschancen haben: z.B. bietet die numerisch gesteuerte, frei programmierbare Werkzeugmaschine schöpferische Gestaltungsmöglichkeiten, die funktional auf dem gleichen Niveau wie das Kunsthandwerk liegen.

Im Kontext des Systems der Produktionsweisen und des intersystemaren Vergesellschaftungsprozesses (»Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft«) sind unter den instrumentellen Produktionstechniken vor allem bestimmte Extraktionstechnologien, Technologien der Energiegewinnung sowie metallurgische und chemische Produktionsverfahren von Belang. Bei fast allen diesen Technologien handelt es sich um komplex-integrierte Produktionstechniken, bei denen jedoch der mehr oder minder »einfache« Umgang mit Rohstoffen (im Zusammenhang des Problems der Rohstoff-, Grundstoff- und Energieversorgung) die Entwicklungsrichtung und ihren stofflichen Inhalt bestimmt. Die Industrialisierung dieser Arbeitsinstrumente-Technologien besteht dabei im wesentlichen in der Vergrößerung, Beschleunigung und Kombination von bereits aus vorindustriellen Perioden bekannten naturgegenstandsbezogenen Handlungsabläufen.

Kraft- und Arbeitsmaschinen
(Widersprüchliche Handlungs-und Verhaltensweisen in bezug auf das Verhältnis der Naturgegenstände zu den Materialien)

Die Entwicklung von Arbeitsmaschinentechnologien, die dem Menschen das Werkzeug aus der Hand nehmen und in einen Mechanismus eingeben (vorindustriell z. B. die Strickmaschinen oder die gig-mill zum Aufrauhen von Tuch), hat sich durch Koppelung an zentrale und dezentrale Kraftmaschinen beschleunigt und schließlich als technische und organisatorische Umwelt die moderne Fabrik verlangt.

Mit der Entwicklung schneller und spezialisierter Arbeitsmaschinen wurde aber nicht nur die Ankoppelung nichtmenschlicher Antriebsenergie zur rationalen und adäquaten Form der Betreibung; auch an die Eigenschaften der Naturstoffe und Materialien wurden Anforderungen gestellt, die präzise Vorbereitung und Vorfertigung notwendig machten (z. B. wachsende Bedeutung von Halbfertigfabrikaten). Umgekehrt haben Fortschritte in der Materialentwicklung (Metallurgie) und in der Zurichtung der Rohstoffe (z.B. des Energierohstoffs Koks) erst industrielle Energietechnologie ermöglicht. Es handelt sich hier also um Produktionstechnologien, die erst dadurch in Gang kommen (historisch und prototypisch), daß im Verhältnis der Rohstoff- und Materialkreisläufe eine komplexe Hierarchie der Bearbeitungs- und Wiederbearbeitungsstufen entsteht, die allein spezialisierte und zusammengesetzte Bearbeitungsformen und -geschwindigkeiten weit jenseits der Reichweite der menschlichen Hand erlaubt und verlangt.

Wenn heute Rationalisierung im Sinne der Steigerung der Arbeitsproduktivität auf technologischer Seite oft ausschließlich mit dem Automatisierungsprozeß (Einsatz nichtmenschlicher Regelungs-, Steuerungs- und Informationssysteme) identifiziert wird, vergißt man leicht, daß Produktivitätssteigerungen im Kern Verbesserungen oder auch Revolutionierungen im Bereich der stofflichen Funktionen der Arbeits- bzw. Werkzeugmaschinen beinhalten. Diese Feststellung gilt gerade für die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik.

Nach den ersten Jahren einer mehr quantitativen Wiederherstellung und Erweiterung der Produktionsmittelbasis begann in den sechziger Jahren eine qualitative Verbesserung, in der trotz Entwicklung der Regelungs- und Steuerungstechnik und trotz Rationalisierungsmaßnahmen in der Arbeitsorganisation die Verbesserung von »Werkzeugtechniken« wie der spanenden Bearbeitung, des Trennens, Schweißens, Lötens, Gießens, Umformern, Glättens, Härtens, des Verbindens und Zusammenfügens usw. im Vordergrund standen. In einer Untersuchung der Förderungswürdigkeit verschiedener Produktions- und Fertigungstechniken wurden auch jüngst neben elektronischen Technologien (Meß- und Prüfautomaten, Mikroprozessoren, numerisch gesteuerte Fertigungssysteme usw.) vor allem die Laserstrahltechnik, das Plasmaspritzen, thermisches Entgraten und das Kleben von Metallen und elektrostatische Pulverbeschichtung - also werkstoffabhängige und -bezogene - genannt. Jene Linie der Rationalisierung, in der gewissermaßen durch den tatsächlichen Vollzug des Stoffwechselprozesses die Verwandlung von Rohstoffen zu Materialien zu Produkten realisiert wird, bleibt also im Zentrum.

In diesen Vollzug geht im übrigen auch die meiste Produktionsenergie ein. Neben Konzentrationsprozessen und der elektronisch unterstützten Optimierung von Funktions- und Produktionsketten hat hier die Effektivierung der Arbeitsmaschinen/Werkzeugmaschinen dazu beigetragen, daß seit Mitte der fünfziger Jahre der relative Anteil des Energieverbrauchs der Industrie im Vergleich zu den Bereichen Haushalt, Kleinverbrauch und Verkehr absinkt. Auch wenn die Haupteinsparungen im Industriebereich wegen des hohen Energieverbrauchs noch immer in der Grundstoffindustrie möglich sind (z. B. wurden 1960 im Hochofenprozeß noch je t Roheisen 826 SKE, 1972 nur noch 607 SKE verbraucht), geht von der Entwicklung der Arbeits- und Kraftmaschinen (unter Einschluß der Elektronik) der eigentliche Impuls der technologischen Energieeinsparung aus: Durch elektronische Steuerungen in Explosionsmotoren und präzise Kontrollmöglichkeiten energieverbrauchender Systeme wie Heizung, Beleuchtung, Kühlung und in der Nahrungsmittel- und Materialbearbeitung sowie durch die Verbesserung von Bearbeitungsgeschwindigkeit und -flexibilität. Allerdings liegt das Schwergewicht der Energietechnologie, neben der Erschließung neuer Energiequellen, heute auf der Reduzierung der Verlustenergie - immerhin werden zur Zeit in der Industrie rund 50% und in den Haushalten rund 46% der verbrauchten Energie nicht genutzt.

Für das technologische Niveau und für den Rationalisierungsprozeß in der Bundesrepublik ist das im Maschinenbau (und das sind eben zu einem großen Teil Arbeits-/Werkzeugmaschinen) verkörperte Know-how weitgehend bestimmend. Der »deutsche Maschinenbau hat Weltniveau«, ist die größte Investitionsgüterindustrie, exportiert rund 50% des Produktionswerts und steht »im Dienste der Produktionssteigerungen aller Industriezweige«, so daß technologische Entwicklungen in dieser Branche „Bedeutung für die gesamte Industrie und für den sozialen Wandel“ haben.

Fließband und Büro
(Widersprüchliche Handlungs- und Verhaltensweisen in hezug auf das Verhältnis der Materialien zu den Naturgegenständen)

Die Fließbandfertigung integriert die wesentlichen Funktionen des Gefäß- und Transportsystems in den Produktionsprozeß und schafft durch komplexe Produktionsketten und durch die Auseinanderlegung des Produktionsablaufs in taktweise nacheinander ausführbare Operationen mit hohen Graden der Arbeitsteilung die Voraussetzungen für einen außerordentlichen Vergesellschaftungsschub der Produktion. Die Einführung der als Fordismus oder Taylorismus deklarierten neuen Fließband- und Massenmontage-Techniken wurde außerdem nur durch einen gleichzeitigen Entwicklungsschub in den Bürotechniken, also durch die Mechanisierung des Büros möglich. Zugleich fand eine bewußtseinsmäßige Abkoppelung der Fließbandfertigung von der Mechanisierung des Büros statt, die zweifellos etwas mit der »herrschaftstechnischen« Behandlung des »neuen Mittelstandes« der Angestellten zu tun hatte, denen trotz Vertaktung der Büroarbeiten die Illusion erhalten werden mußte, ihnen sei nunmehr die Leitung der Werkstattproduktion - gar die »wissenschaftliche Betriebsführung« (Taylor) - übertragen worden. Analytisch aber ist es völlig klar, daß die Mechanisierung der Büroarbeit sich komplementär zur Mechanisierung der Transport- und Montagestrecken verhält und die technologische Grundlage für eine Rationalisierung der Produktion und Produktionsorganisation, ja für eine Ökonomisierung der Produktion bietet, in denen die Arbeiter- und Angestelltenfunktionen immer mehr ineinander übergehen.

Besser vielleicht als für die bis jetzt besprochenen Entwicklungslinien des Arbeitsmittelsystems (Arbeitsinstrumente, Kraft- und Arbeitsmaschinen) kann für den Zusammenhang Fließband - mechanisiertes Büro plausibel gemacht werden, daß in ihm ein System vergegenständlichter und lebendiger (und widersprüchlicher) Handlungs- und Verhaltensweisen sichtbar wird, dessen dingliche Erscheinungsformen eigentlich weniger materiellen Charakter haben als der in ihnen zutagetretende funktionale Fortschritt der raumzeitlichen Vertaktung vielfältiger, komplizierter, spezialisierter usw. Vollzüge an Materialien und Rohstoffen. Dabei setzen die (mechanisierten) Bürotätigkeiten der Produktionsvorbereitung usw. in der Hierarchie der Bearbeitungsstufen gewissermaßen ganz »oben« an, dort nämlich, wo Produktionsschritte, organisatorische Verknüpfungen usw. selbst als Arbeitsgegenstände (verkörpert in »Materialien« wie Anweisungstexten, Konstruktionszeichnungen u.a.) auftreten. In der Fließband- und Montagetätigkeit werden dann die »handfesteren« (aber keineswegs »stofflicheren«) Elemente des Systems der Materialien und Rohstoffe bewegt. Oder aus einer anderen Perspektive: Sowohl mechanisierte Bürotätigkeit als auch Fließband- und Montagefertigung gehen weitgehend mit Arbeitsgegenständen am oberen Rande der Bearbeitungsstufen-Hierarchie um, reichen aber in der Regel noch bis in die Bereiche der Rohstoffbearbeitung hinein - und können deshalb nur auf den ganzen System Zusammenhang der Arbeitsgegenstände (allerdings »von den Materialien her«) bezogen werden.

Versucht man sich einen Überblick über den Stand der Technologien der Fließbandfertigung, Massenmontage und der (mechanischen) Büroarbeit in der Bundesrepublik zu verschaffen, so stehen verschiedene, aber kaum schlüssige Indikatoren zur Verfügung. So kann angenommen werden, daß mit den Rubriken »Fördertechnik«, »Antriebstechnik«, »Armaturen«, »Pumpen und Verdicher« usw. innerhalb des Maschinenbaus der Bundesrepublik - mit ihrem hohen Exportanteil (s.o.) - ebenso wie mit der Rubrik »Büro- und Informationstechniken« der größte Teil dieser Technologien erfaßt und ihre proportionale Bedeutung ausgedrückt sind.

Auf der personellen Seite ergibt sich bei enger Auslegung des Begriffs der Fließbandfertigung, daß Mitte der siebziger Jahre nur rund 5% der gewerblichen Arbeiter (also ca. 300 000) an Fließbändern eingesetzt waren und nur in der Autoindustrie etwa 30% der Arbeitsplätze auf Tätigkeiten entfielen, die »ortsgebunden im Rhythmus vor- und nachgeschalteter Maschinen zu leisten sind«. Geht man allerdings - im Sinne eines umfassenden Rationalisierungsverhältnisses raumzeitlich vertakteter Produktion - von einem weiter gefaßten Begriff der Fließbandproduktion unter Einschluß taylorisierter Montagefertigung aus, so ist ein großer Teil der industriellen Produktion in dieser Weise »vergesellschaftet«: »Die Zahl der Unternehmensmitglieder der Deutschen MTM-Vereinigung, die ein bestimmtes System vorbestimmter Zeiten vertreibt, hat sich seit 1961 mehr als verzehnfacht (1961:27; 1974:289 Unternehmensmitglieder). Zu diesen Unternehmen gehört eine Gesamtbelegschaft von ca. 2,2 Millionen; davon war 1974 etwa eine Mil lion von MTM-Verfahren betroffen, hauptsächlich in der Fertigung und Instandhaltung. In den letzten Jahren werden solche Verfahren der Arbeitsverdichtung, -normierung und -Vereinfachung zunehmend auch im Angestelltenbereich angewandt.«

»Der Leistungslohn nimmt im Durchschnitt der Wirtschaftszweige an Bedeutung zu. Wie die Gehalts-und Lohnstrukturerhebung 1972 ergeben hat, werden 43v.H. der Arbeiterinnen und 33v. H. der Arbeiter im Leistungslohn (Akkord, Prämie) entlohnt«. -»Über die Fließarbeit und taktgebundene Arbeit, insbesondere über die Verbreitung und die Strukturen der Taktzeiten liegen keine amtlichen Statistiken vor. Die wenigen Umfragedaten zur Fließarbeit sind für eine analytische Aussage zu dieser Thematik zu wenig tragfähig.«

Die Diskussion um Technologien der raumzeitlichen Vertaktung der Produktion und der Produktionsvor-und -nachbereitung konzentriert sich heute jedoch längst auf die elektronische Veredelung der Mechanik. Vor allem im Bürobereich wird mit der Elektronisierung gewissermaßen das alte Geheimnis, daß auch das mechanisierte Büro schon taylorisiert war, aufgedeckt. Dabei war die computerunterstützte Planung, Kontrolle und Konstruktion sehr viel schwieriger zu realisieren als etwa die Einführung der Computertechnik in das kaufmännische oder sonstige Rechnungswesen. Mit der Entwicklung von CAD-, CAP-und CAM-Systemen (Computer Aided Design, Computer Aided Planning, Computer Aided Manufacturing) wird diese Lücke gegenwärtig beschleunigt geschlossen. Und so beginnen diese Rationalisierungsprozesse im Büro - die Automatisierung derText- und Datenverarbeitung, der Kommunikations-und Informationssysteme, schließlich der Konstruktions-undFertigungsplanung – den gesamten Arbeitsprozeß qualifikationsverändernd und arbeitssparend zu beeinflussen - wiederum »von oben nach unten«.

Festzuhalten ist jedoch, daß mit der Automatisierung der produktionsbezogenen Bürotechniken die Errungenschaften der Mechanisierung nicht einfach über Bord geworfen werden, sondern nach wie vor den stofflichen Kern dieser Rationalisierungsverhältnisse und ihre Verbindung zu den »Naturgegenständen« darstellen. Auch wenn ab Mitte der 80er Jahre »integrierte Bürosysteme« entstehen, mehr und mehr traditionelle Funktionen des Büros auf die Datenverarbeitung übergehen, die Benutzung von Papier stark reduziert wird und zum Büroarbeitsplatz künftig die Kommunikationsmöglichkeit mit Datenbanken, Informationssystemen, Auskunftssystemen usw. gehört – die mechanischen Unterbauten aus der Phase der Entwicklung der Diktiersysteme, Kopier- und Vervielfältigungssysteme, der Textverarbeitungs-, Postbearbeitungs-, Transport-, Fernübertragungs-, Textarchivierungs- und Reproduktionsgeräte usw. werden, wenn auch in gewandelter Form, bleiben.

Schon mit der Mechanisierungsstufe - und das gilt vor allem für die Fließbandtechnologie – war ein Rationalisierungsfortschritt materialisiert, den man, wie gesagt, als das Hereinholen »nicht-menschlicher Raum-Zeit-Takte« in die Produktion bezeichnen kann. Damit wurden die Handlungs- und Verhaltensmöglichkeiten in bezug auf die Systeme der Materialien und Naturgegenstände enorm erweitert. Eine nach naturwissenschaftlichen und technischen Gesetzmäßigkeiten erfolgende Vertaktung des Produktionsprozesses stellt objektiv betrachtet für die gesellschaftliche Produktion einen gewaltigen Fortschritt dar. Die prinzipielle Differenz in der zeitlichen Verfügbarkeit von Maschinen und Arbeitern, die im Zusammenhangmit der Auweitung der Fließbandproduktion (und Fließproduktion) zu unmenschlichen Formen der Schichtarbeit führte, eröffnet beispielsweise durch Verbesserung der Qualitätskontrollen heute die Möglichkeit von »Geisterschichten« ohne menschliche Überwachung. Die Steigerung von Produktionsgeschwindigkeiten über »menschlichesMaß« hinaus und dieVerlagerung von Produktionsvorgängen an »unmenschliche Orte« sind grundsätzlich humanisierende - und nur durch menschlichen Erkenntnisfortschritt mögliche - Vorgänge, wenn sie im Rahmen einer gesellschaftlich en Produktionsplanung erfolgen, also den Ausgleich zwischen Gesellschaftshaushalt und Naturhaushalt, zwischen Arbeitern und Arbeitsgegenständen, und nicht den Profit, suchen (vgl. Schaubild 9 ).

Computer und Roboter
(Widersprüchliche Handlung!-und Verhaltensweisen in bezug auf das Verhältnis zwischen den Materialien)

Es gehört zu den Gesetzmäßigkeiten der Arbeitsmittel-oder Technikentwicklung, daß neu hinzukommende Technologien (nichtmenschliche Energie, nichtmenschlicher Raumzeittakt usw.) sich mit den voraufgehenden Technologiesträngen verbinden und so erst ihre neue Produktivkraft ausspielen: Aus der Verbindung der »nichtmenschlichen Hände« mit den »nichtmenschlichen« Energien entstehen die auf Arbeits-und Kraftmaschinensystemen basierenden modernen Produktions-und Fertigungstechniken, die »nichtmenschliche Vertaktung« greift auf die »übermenschlichen Eigenschaften« der Maschinen (z.B. Verfügungszeit) zurück usw. Die Computer-Technologie stellt in dieser Entwicklung die am stärksten auf Rückbezüge, auf Verknüpfungen und Vernetzungen bekannter Techniken angewieseneTechnologie dar. Es gibt numerisch gesteuerte Werkzeugmaschinen, in denen die Funktionen handwerklichen Geräts auf die neue technologische Ebene gehoben werden; Stoffumwandlungsverfahren (imPrinzip ebenfalls einfache »nichtmenschliche Hände«) sind ohne Automatisierung kaum noch denkbar. Aus Werkzeug-und Arbeitsmaschinen werden Industrieroboter; Fließband-, Montage-und Büroketten werden ohne Datenverarbeitung bald nicht mehr denkbar sein. Und schließlich kommt als vorläufig höchste Stufe die Computerisierung komplex integrierter Produktionssysteme und schließlich die Selbststeuerung von Produktivkraftsystemen im Kontext des Systems der Produktionsweisen hin zu.

Die in der Arbeitsmittelentwicklung gegenständlich gewordene Handlungs-und Verhaltenswidersprüchlichkeit besteht darin, daß sich uns im technologisch vermittelten Umgang mit Naturgegenständen und Materialien eine »unmenschliche« Gegenwelt »materieller Bewegungsmöglichkeiten« auftut, die zugleich ein Moment der menschlichen Entwicklung wird. Mit dem Hinzutreten »nichtmenschlicher Bewegungsformen der Logik« wird im gesellschaftlichen Produktions prozeß zunächst einmal die letzte derzeit denkbare Ebene der Arbeitsmittelentwicklung erreicht. Noch weitaus eindeutiger als die raumzeitlichen Vertaktungstechnologien können sich die Logik-Technologien (Computertechnologien) nicht mehr direkt auf Rohstoffe oder Rohmaterialien richten. Gleichwohl haben auch sie - wie jede Technologie - ihren materiellen Gegenstand: »Verhältnisse zwischen Materialien oder Materialsystemen«.

Es ist wahrscheinlich eine unzulässige Verengung, wenn man die Entwicklung und Einbeziehung von Computertechnologien in die Produktion allein mit dem Begriff der Automatisierung belegt. Automatisierung ist ein Teilprozeß, der sich auf die elektronische Veredelungdes Gesamts der Produktions-und Fertigungstechniken – auf dieAutomatisierung der chemischen Stoffumwandlung, auf den Einsatz roboterisierter Werkzeugmaschinen, auf deren Einbindung in komplexe, integrierte Produktionssysteme usw. bezieht. Das ist selbstverständlich revolutionär genug und beinhaltet im Grunde auch bereits die Bearbeitung der Verbindungen zwischen vielen Einzelprozessen (der Bearbeitung von Materialien), so daß auch Automatisierung als eine Bearbeitung von Verbindungen, Beziehungen, Verhältnissen (der Produktion) aufgefaßt werden kann.

Aber die Computerisierung geht dort, wo Automatisierung auftritt, schon längst über die Bearbeitung der Verbindungen zwischen einzelnen (noch so komplizierten) Produktionsprozessen hinaus und zieht gesellschaftliche Prozesse der Verteilung, des Bedarfs, der Kontrolle usw. in die Produktion hinein bzw. trägt zur Vergesellschaftung der Produktion in einem Maße bei, daß die Grenzen zwischen Gesellschaftsstruktur und Produktionsstruktur verschwinden.

So ist es auch falsch, vom Automatisierungs-(oder eben besser: Computerisierungs-)prozeß zu behaupten, damit entziehe die Produktion sich »vollständig den Schranken, die ihr bis jetzt durch die physische und psychische Leistungsfähigkeit des Menschen gesetzt sind« : sie geht vielmehr von der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit des vereinzelt gehaltenen Arbeiters zur umfassenden Leistungsfähigkeit menschlicher Gesellschaft über, die im Computerisierungsprozeß die ihr gemäße Form der Selbstkontrolle und Selbststeuerung zu finden beginnt. »Von den meisten Marxisten wird gegenwärtig dieser Prozeß als eigentlicher Kern der wissenschaftlich-technischen Revolution im Sinne einer Umwälzung des Produktivkraftsystems verstanden.«

Aber gerade dieser potentiell gewaltige Schub im Vergesellschaftungsprozeß der Produktion bzw. der Freisetzung der produktiven („schöpferischen“) Kräfte der Gesellschaft wird in den konkurrenzängstlichen, legitimierungsschwachen kapitalistischen Industriegesellschaften derzeit auf ganz andere Weise umgebogen und genutzt. Stärker als Funktionen im Produktionsbereich (und dort nicht zuletzt vor allem in rüstungsrelevanten Teilbereichen) sind heute in der Bundesrepublik und vergleichhbaren Ländern bereits wesentliche Funktionen im Versicherungs- und Bankwesen, in der betrieblichen und staatlichen Personalüberwachung und generell in den Kontroll- und Herrschaftsapparaten computerisiert (vgl. Schaubild 10 ).

 

K.. Marx, Das Kapital, Bd. l, MEW 23, S. 399
Th. Pirker, Bürotechnik, Stuttgart 1963, S. 44
vgl. G. Backmann, R. Vahrenkamp, B. Wingert, Mechanisierung geistiger Arbeit, Frankfurt/M.-New York 1979, S. 60
K. Marx, Grundrisse, S. 592ff.
Wörterbuch der Ökonomie des Sozialismus, S. 685
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Lexikon zur Soziologie, Opladen 1973, S. 543
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