05 INSTITUTIONALISIERUNGEN DER FRIEDENSWISSENSCHAFT

05.4 Gründungsgeschichten

Die Institutionalisierung einer interdisziplinären Friedenswissenschaft seit Mitte der 50er Jahre ist ein spannendes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte insgesamt, an dem, wie gesagt, die Persistenz Einzelner ebenso wie der allmähliche Progress öffentlicher Überzeugungsarbeit und sogar ein 'Paradigmenwechsel' in den Wissenschaften studiert werden kann.(1)

Seit Beginn der 80er Jahre, beflügelt durch ökologische und friedenspolitische Massenbewegungen, kam es zu einer noch nie dagewesenen öffentlichen Reflexion der gesellschaftlichen Rolle von Wissenschaft überhaupt. Das Konzept der 'globalen Probleme' faßt die Herausforderungen an die moderne Wissenschaftsentwicklung zusammen. Die Perspektive einer friedlichen Welt wird zu einem Paradigma, das Politik und Wissenschaft und deren Verhältnis nachhaltig zu verändern beginnt.

Wie fing das an? Zunächst einmal ist die Entwicklung der institutionalisierten Friedensforschung aus der besonderen Situation in den USA der fünfziger Jahre zu verstehen. Die Stimmung jener Periode gibt der amerikanische Soziologe C. Wright Mills wieder: "Man darf nicht glauben, daß die amerikanischen Wissenschaftler...auf die Zwecke, zu denen die schreckeinjagenden Produkte des wissenschaftlichen Apparats verwendet wurden und laut wissenschaftlichen Plänen noch verwendet werden sollen, nicht reagiert hätten. In der Frage der Atombombe haben die Wissenschafttler wahrscheinlich mehr politisches Bewußtsein an den Tag gelegt als irgendeine andere Berufsgruppe. Freilich wurden ihre anfänglichen Reaktionen und ihr Einfluß, den sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg genossen, beträchtlich gebremst durch das offizielle Vorgehen gegen J. Robert Oppenheimer und durch die Auflösung des im Kriege entstandenen Office of Scientific Research and Development. Immer noch jedoch weigert sich eine bedeutsame Zahl von Wissenschaftlern in aller Stille, an der Entwicklung neuer Waffen teilzunehmen. Eine noch größere Anzahl ist eifrig dabei, die Kampagne zur Einstellung aller Kernwaffenversuche zu unterstützen, Petitionen zu unterschreiben und zu verbreiten...Die Frage lautet: Grundforschung als Teil einer kulturellen Tradition von internationalem Umfang oder ein nationalistischer, streng geheimer Wissenschaftsapparat...Kurz gesagt, innerhalb der wissenschaftlichen Welt ist eine Spaltung eingetreten, mit der die Wissenschaftler sich wohl oder übel auseinandersetzen müssen."(2)

Die Institutionalisierung, d.h. reguläre 'Inbetriebnahme' der Friedensforschung erfolgte in einer fast wellenförmigen Entwicklung. In den USA finden die ersten Instituts- und Zeitschriftengründungen um 1955 statt, um 1960 folgt Kanada, um 1965 treten holländische, englische und vor allem skandinavische Institute in den Vordergrund und seit 1970 - nachdem allerdings bereits die 'Vereinigung deutscher Wissenschaftler' und die 'Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft' (FESt) seit Ende der 50er Jahre Pionierarbeit geleistet hatten - findet die Friedensforschung in der BRD sogar eine breite öffentlich-rechtliche bzw. staatliche Unterstützung.

Die Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGFK) wurde 1969/70 auf Veranlassung des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann gegründet, getragen von den wichtigsten gesellschaftlichen Gruppen (DGB, DAG, BDI, BDA, Rat der EKD, Deutsche Bischofskonferenz, Zentralrat der Juden in Deutschland), von der Bundesregierung und von den 11 Länderregierungen unterschiedlicher Couleur. Die finanzielle Forschungsförderung war im Vergleich zum bisherigen Außenseiterdasein der Friedensforschung großzügig, sie betrug bis Anfang der 80er Jahre rund 3 Millionen DM jährlich; ein vergleichender Blick auf die Ausgaben für Rüstungsforschung jedoch würde die Alibifunktion des Unternehmens zeigen.

In jenen Jahren entstanden eine Reihe weiterer Einrichtungen, die Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) und das 'Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt' in Starnberg sowie die 'Berghof-Stiftung' in München und das 'Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg' (IFSH). Auch die Alimentierung dieser und vielfältiger anderer Einrichtungen, mit insgesamt noch einmal ca. 3 Millionen DM, blieb vergleichsweise bescheiden. Dennoch muß man von einer Blütezeit der Friedensforschung sprechen; denn seit der Aufkündigung des DGFK-Vertrags durch Bundesregierung und CDU/CSU-geführte Länderregierungen 1983 ist diese Phase der Friedensforschung in der BRD beendet.

Ein Rückblick auf die Institutionalisierungsversuche in der BRD und in anderen Ländern zeigt zweierlei:

Diese Ambivalenz gilt, um über die Bundesrepublik hinaus zu blicken, für das um 1956 entstandene 'Center for Research on Conflict Resolution' an der Universität von Michigan, Ann Arbor, mit seiner Zeitschrift 'Journal on Conflict Resolution' ebenso wie für das 'Polemologische Institut' der holländischen Universität Groningen und für die beiden renommierten skandinavischen Institute, das 'Peace Research Institute in Oslo' (PRIO) und das Stockholmer 'International Institute for Peace and Conflict Research' (SIPRI).

Gleichwohl ist die Geschichte dieser Bemühungen, mit all dem persönlichen Einsatz, den 'Karriereverzichten', auch der Unbekümmertheit und Originalität der Fragestellungen, ein faszinierendes Kapital der Wissenschaftsgeschichte. Es war vor allem kaum einem der Beteiligten möglich, 'sich aus der Politik herauszuhalten'. So kam es, daß viele dieser Pioniere nach ihrer 'Friedensforschungsphase' in wichtige Positionen des 'Establishments' gerückt sind und andere - allen voran etwa Johan Galtung - als Berater und Anleiter der 'neuen Friedensbewegung' seit Anfang der achtziger Jahre noch einmal eine Rolle gespielt haben.

Die Ausbreitung sozialer, außerparlamentarischer Bewegungen in allen westlichen Industrieländern in den 70er und 80er Jahren hat die Bedingungen und Formen der 'Institutionalisierung' insgesamt tiefgreifend verändert. Einerseits wird das 'Gründen' von Instituten, 'Zentren' usw. lockerer als früher gesehen; der Akzent liegt auf Netzwerken, auf Clearing-Stellen für Information und Kommunikation. Andererseits ist die Zahl der an Fragen des Friedens und der Abrüstung interessierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler so stark angestiegen, daß auch in 'etablierten' Institutionen zunehmend Probleme formuliert und erforscht werden, die einst nur am Rande und vielleicht sogar unter dem Spott der 'normalen' Wissenschaft stattfinden konnten.

Man kann die gegenwärtige Situation, vor allem nach den jüngsten politischen Ereignissen, unterschiedlich einschätzen. Es gibt viel Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit; es gibt aber auch das Gefühl eines Neuanfangs, oder zumindest von Neuanfängen. Wir werden auf die unterschiedlichen Ansätze des sich neu Organisierens auch im Kapitel 'Friedensstrategien und Szenarien' noch einmal zurückkommen.

(1) Krippendorf 1968; Tudyka 1983; Jahn 1984; Fischer 1984; Schmiederer 1988; Jahn 1988
(2) C.W.Mills, Politik ohne Verantwortung, München 1963, 218ff


Nächstes Kapitel

Vorheriges Kapitel

Zurück zum Inhaltsverzeichnis