II. Deutsch-niederländische Zusammenarbeit

Müssen wir also doch umdenken und für Deutschland eine “Genesung auf Holländisch” anstreben, wie es Die Zeit vorschlug? Zunächst sei kurz das regelmäßig auflebende Gerede entkräftet, Deutsche und Niederländer könnten doch eigentlich gar nicht miteinander. Angesichts immer wieder spektakulär scheiternder Großfusionen, wie kürzlich im Fall Fokker und DASA, liegt dieser Gedanke zwar nahe, ist jedoch vor dem Hintergrund des Verflechtungsgrads beider Volkswirtschaften blanker Unfug.

Ist C&A Brenninkmeyer, gegen Ende des 19. Jahrhunderts von deutschen Emigranten in den Niederlanden gegründet, mit Hauptgeschäftssitz in Amsterdam und heute mit den meisten Filialen sowie dem Familienstammsitz in Deutschland, national noch eindeutig zuzuordnen? Das Unternehmen ist ein typisches Beispiel für die freundschaftlich-partnerschaftlich geprägte Zusammenarbeit. Unzählige grenzüberschreitende Kooperationen, Fusionen und Transaktionen, die tagtäglich zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten funktionieren, machen es völlig unmöglich, das zwischenstaatliche Wirtschaftsleben überhaupt noch auseinander zu dividieren. Hier liegt der Grund für die eher spöttisch-wohlwollende Bezeichnung von Holland als dem – ökonomisch gesehen – 17. deutschen Bundesland. Eben weil sie in Bezug auf Abstammung, Sprache und Äußeres einander so ähneln und sich zudem als Nachbarn am Rhein und seiner Mündung im Wirtschaftsverkehr ergänzen, kommen Niederländer und Deutsche trotz aller geografisch und historisch bedingten Unterschiede im Normalfall prächtig miteinander aus. Gar kein Zweifel. Das geht bis hin zu weitgehend geteilten Auffassungen über Arbeitsmoral und Wohlstand, bürgerliche Normen, Sauberkeit, Gemütlichkeit und ähnlich Wichtigem im Leben.

Parallelitäten ab Kriegsende

Nach diesen Übereinstimmungen hatte es freilich 1945 ganz und gar nicht ausgesehen – im Gegenteil. Wer kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und dem deutschen Zusammenbruch gemutmaßt hätte, dass die Niederlande und Deutschland in absehbarer Zeit ihr Wirtschaftsverhältnis wieder normalisieren würden, wäre wahrscheinlich verhöhnt worden. Die guten Nachbarn von einst fanden sich in entgegengesetzten Lagern wieder: das jahrelang mit der deutschen Kriegswirtschaft gleichgeschaltete Königreich der Niederlande im Kreise der befreiten Länder, während der Anstifter des Weltbrands, das besiegte Deutschland, ein Ausgestoßener geworden war.

Gleichwohl gab es viele Gemeinsamkeiten und durchaus vergleichbare Entwicklungslinien. Beide Länder starteten aus ähnlich schlechter Ausgangslage in die Zukunft Europas. Nicht nur, was das Leiden der Bevölkerung anging, auch sonst balancierten die Niederlande wie Deutschland am Rande des Abgrunds, wozu Kriegshandlungen einerseits und die rücksichtslose Plünderungpolitik der Nationalsozialisten andererseits ihren Teil beigetragen hatten: Komplette Industrieanlagen von Betrieben wie Shell, Philips, Unilever und Hoogovens waren demontiert worden und im deutschen Hinterland verschwunden. Der Viehbestand des Landes war erheblich dezimiert, die ganze Rheinschifffahrtsflotte verloren und die Hälfte der Handelsflotte gesunken. Die meisten Häfen und sehr viele Brücken hatten die deutschen Besatzer zum Abschied in die Luft gesprengt, für ein Land wie Holland mit seiner großen maritimen Tradition und seinen europäischen Transportfunktionen ein ungeheurer Schlag. Riesige Poldergebiete wie Walcheren und Wieringermeer hatten die Deutschen geflutet; die vielen zerstörten Häuser ließen eine einschneidende Wohnungsnot erwarten.

Autor: Joachim F.E. Bläsing
Erschienen:
Bläsing, Joachim F.E.: Partner in Verschiedenheit - Zum Wirtschaftsverhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden. In: Rösgen, Petra (Hrsg.): Deutschland-Niederlande. heiter bis wolkig, Bonn, 2000, S. 82-93.