IV. Normalisierung des Wirtschaftsverhältnisses

Ebenso wie für das niederländische “Poldermirakel” lassen sich für das vorangegangene Wirtschaftswunder eine Reihe von Ursachen und begünstigenden Umständen anführen, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit grosso modo auch für Deutschland galten: etwa die erfolgreiche Währungsreform und Einführung einer von liberalen wie planwirtschaftlichen Elementen geprägten Marktwirtschaft, die Marshall-Plan-Hilfe, die riesige Verbraucher-Nachfrage nach Konsum- und Kapitalgütern sowie die wieder anziehende günstige Weltkonjunktur. Im Falle der Niederlande kam eine unabdingbare Vorbedingung hinzu, die Normalisierung des Wirtschaftsverhältnisses zum deutschen Nachbarn.

Reiner Pragmatismus

Die in der Regel eher sachlich als emotionell eingestellten Holländer erkannten früher als andere, dass es ohne die Absatzmärkte im großen deutschen Hinterland und niederländische Importe deutscher Industrieprodukte auf Dauer nicht gehen würde. Gewiss, es gab einflußreiche Kreise im Lande, die laut über deutsche Wiedergutmachung in Form von umfangreichen Landabtretungen nachdachten. Dies war noch eine milde Perspektive im Vergleich zu alliierten De-Industrialisierungsplänen, die vorsahen, Deutschland zu einem Agrarstaat zu machen. Vor dem Hintergrund des ausbrechenden Kalten Krieges zerplatzten diese absurden Seifenblasen dann ebenso, wie sich das Deutsche Reich in seinen alten Grenzen auflöste. Ein Machtvakuum im Zentrum des Kontinents hätte den Westalliierten im Ost-West-Konflikt nicht genützt und den Wiederaufbau Westeuropas von vornherein ernstlich gefährdet.

Bereits Anfang 1947 plädierten in einer repräsentativen Volksbefragung 72 Prozent der Niederländer dafür, die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland wieder aufzunehmen. Das entsprang allerdings reinem Pragmatismus. Von den 53 Prozent, die in derselben Befragung eine negative Haltung gegenüber den Deutschen einnahmen, sprachen sich immerhin 66 Prozent für eine rasche Normalisierung der Handelsbeziehungen aus. Wie schon in den Jahrhunderten davor ließ sich eine klare Mehrheit der Bevölkerung von der Überzeugung leiten, dass Handel und Freundschaft nicht unbedingt zusammengehen müssen. “Geschäft ist Geschäft”, so können Holländer sich entwaffnend nüchtern äußern, “auch wenn der Partner der Teufel ist.”

So kam es, dass zur gleichen Zeit die einen im Lande noch “Deutsche raus” riefen, die anderen schon wieder Schilder mit “Zimmer frei” und ”frische Eier” ins Fenster hängten. Bereits kurz nach seiner Befreiung wies Holland wiederholt in eindringlichen Memoranden die alliierten Westmächte auf sein überragend großes Interesse an gutnachbarlichen Wirtschaftsbeziehungen hin. In diesem Sinne setzte es sich früh mit Nachdruck und erfolgreich dafür ein, Deutschland Marshall-Plan-Hilfe zu gewähren und wieder die Teilnahme an der internationalen Schifffahrt zu gestatten. Altwirtschaftsminister Gelissen sprach sich schon 1950 dafür aus, die niederländische Volkswirtschaft so eng wie möglich mit der deutschen zu verflechten, weil es nun einmal Deutschlands historische Aufgabe sei, die Führungsrolle in Europa zu übernehmen. Diese Meinung war bemerkenswert visionär und ging vielen Niederländern fünf Jahre nach Kriegsende viel zu weit. Aber immerhin konnten bereits im September desselben Jahres die zwischenstaatlichen Handelskontakte durch den Abschluss des ersten Nachkriegshandelsvertrags stark erleichtert werden.

Expansion des Handelsverkehrs

Natürlich gab und gibt es in den Niederlanden bis heute Gegenkräfte bis hin zu eindeutig antideutschen Emotionen. Man muss diese in Deutschland akzeptieren wie schlechtes Wetter und im übrigen dafür auf Grund der nationalsozialistischen Barbarei uneingeschränkt Verständnis aufbringen. Mehrheitlich sympathisch sind sich die Nachbarn einander trotz einer fortbestehenden Bandbreite negativer Gefühle im übrigen dennoch geblieben, und an den rapide wachsenden Zahlen im deutsch-niederländischen Handelsverkehr haben diese ohnehin nichts zu ändern vermocht. Meinungsumfragen und Statistiken belegen das zur Genüge.

Die anderen zwischenstaatlichen Exporte und Importe reichten während der ersten Nachkriegsjahre noch nicht einmal an das Niveau der späten zwanziger Jahre heran. Die monatlichen Exporte nach Deutschland hingegen überschritten bereits im Dezember 1949 zum ersten Mal in der Geschichte beider Länder 100.000 Gulden. Anfang der fünfziger Jahre war die Bundesrepublik wieder der wichtigste Handels- und Wirtschaftspartner des Königreichs, der riesige deutsch-niederländische Warenstrom expandierte. Mitte der neunziger Jahre erreichte der jährliche deutsch-niederländische Güteraustausch weit über 100 Milliarden DM – mit steigender Tendenz.

Besondere Relation zum “zweiten deutschen Staat”

Ein vergleichbar dynamischer Wirtschaftserfolg war dem “Flirt” der Niederländer mit dem zweiten deutschen Staat, der DDR, nicht beschieden. Nicht zuletzt weil hier antideutsche Emotionen keine Rolle spielten, beabsichtigten die Niederlande von Anfang an, mit Ostdeutschland eine vom Ost-West-Konflikt unbeeinträchtigte Handelsbeziehung aufzubauen. Die deutschen Kommunisten galten als unverdächtige Antifaschisten, es gab keine offenen Grenzfragen mit ihnen und Abtretungsansprüche schon gar nicht. Wiedergutmachung zu zahlen weigerte sich die DDR prinzipiell. Als eines der ersten Länder des Westens vereinbarten die Niederlande im Frühjahr 1947 ein Handelsabkommen mit der sowjetrussischen Besatzungsmacht, das auch nach der Blockade West-Berlins im Juli 1948 verlängert wurde.

Zwar lassen die absoluten Zahlen auf den ersten Blick auf eine in der Folgezeit günstige Entwicklung schließen. Die Niederlande gehörten rasch zu den wichtigsten westlichen Handelspartnern der DDR. Allerdings konnte auch die spätere Gründung des Niederlande-DDR-Instituts, das heute in Berlin-Mitte als Filiale der Düsseldorfer deutsch-niederländischen Handelskammer operiert, die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit der DDR für Holland kaum verhüllen. Ein- und Ausfuhren zusammen genommen schwankte der ostdeutsch-niederländische Güteraustausch in den fünfziger und sechziger Jahren zwischen 2,5 und 5 Prozent seines bundesrepublikanisch-niederländischen Pendants und ging danach sogar dramatisch zurück, nämlich auf rund 1 Prozent in den siebziger und achtziger Jahren. In gewisser Weise wurde die DDR hier Leidtragende eines geografischen Phänomens, das die deutsch-niederländischen Wirtschaftsbeziehungen bis heute entscheidend prägt: Den weitaus größten Teil ihres Handelsverkehrs mit Deutschland wickeln die Niederlande nun einmal traditionell mit Nordrhein-Westfalen ab.

Das jahrzehntelang pathologisch auf seine politische Anerkennung fixierte Regime in Ost-Berlin verfolgte vermutlich ohnehin ganz andere Ziele. Jedenfalls bot ihm der magere Güteraustausch mit Holland hochwillkommene Gelegenheit, DDR-Präsenz auf den bundesdeutschen Autobahnen zu zeigen und ostdeutsche Lastwagen zwischen Marienborn und Emmerich hin und her fahren zu lassen. Notfalls leer, und das kam regelmäßig vor.

Bedenken gegen zu oberflächliche Analogien

Kehren wir zurück zu unserer Ausgangsthese. Selbstverständlich kann die Bundesrepublik mit ihren anhaltenden Sorgen im Wirtschaftsbereich kurzfristig von den Niederlanden lernen, etwa bei der Auflockerung von verkrusteten Arbeitsstrukturen sowie der Flexibilisierung von Arbeitszeit und Entlohnungssystemen, unter anderem zugunsten einer relativ schnellen besseren Verteilung der Arbeitsmöglichkeiten im Lande. Gerade in dieser Hinsicht tapst die deutsche Wirtschaft noch unsicher in den Landschaften der Weltkonkurrenz herum. Aber es bewegt sich schon einiges. Man denke an die deutsche Automobilindustrie, die den Staub der Vergangenheit längst abgeschüttelt hat und sogar den Japanern wunderbar leichtfüßig vormacht, wie sich im digitalen Zeitalter hochwertige Qualitätsprodukte nicht nur kostengünstig herstellen, sondern auch in aller Welt absetzen lassen.

Kehren wir zurück zu unserer Ausgangsthese. Selbstverständlich kann die Bundesrepublik mit ihren anhaltenden Sorgen im Wirtschaftsbereich kurzfristig von den Niederlanden lernen, etwa bei der Auflockerung von verkrusteten Arbeitsstrukturen sowie der Flexibilisierung von Arbeitszeit und Entlohnungssystemen, unter anderem zugunsten einer relativ schnellen besseren Verteilung der Arbeitsmöglichkeiten im Lande. Gerade in dieser Hinsicht tapst die deutsche Wirtschaft noch unsicher in den Landschaften der Weltkonkurrenz herum. Aber es bewegt sich schon einiges. Man denke an die deutsche Automobilindustrie, die den Staub der Vergangenheit längst abgeschüttelt hat und sogar den Japanern wunderbar leichtfüßig vormacht, wie sich im digitalen Zeitalter hochwertige Qualitätsprodukte nicht nur kostengünstig herstellen, sondern auch in aller Welt absetzen lassen.

Was die mittel- und langfristigen Perspektiven betrifft, würde es jedoch viel zu weit gehen, die niederländischen Vorbildelemente zu einer Vorsprungthese zu verdichten, aus der Deutschland grundsätzliche Lehren ableiten könnte. Zum einen reicht das Abschneiden alter Zöpfe auf längere Sicht bei weitem nicht aus, um den essenziellen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Gerade die westeuropäischen Wirtschaftsstrukturen befinden sich seit der ersten industriellen Revolution permanent in einem Prozess tiefgreifender Wandlung: von den alten industriellen Produktionszweigen zur High-tech- und Bio-Industrie sowie zum Dienstleistungssektor mit einschneidenden Folgen für die Arbeitsmöglichkeiten. Früher nahm der Beschäftigungsgrad im Agrarsektor entsprechend ab, in unserer Zeit sind die inzwischen klassischen Industrien an der Reihe. Das heißt, wie vordem in der Landwirtschaft „verdampfen“ jetzt die traditionellen Beschäftigungsmöglichkeiten im Industriebereich und zwar mit der Gewissheit, dass der tertiäre Sektor, die Dienstleistungen, früher oder später unweigerlich folgen wird.


Autor: Joachim F.E. Bläsing
Erschienen:
Bläsing, Joachim F.E.: Partner in Verschiedenheit - Zum Wirtschaftsverhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden. In: Rösgen, Petra (Hrsg.): Deutschland-Niederlande. heiter bis wolkig, Bonn, 2000, S. 82-93.