III. Vom Wirtschaftswunder zur “Holländischen Krankheit”

Ein riesiges Defizit an Konsum- und Kapitalgütern sowie harter Währung kam erschwerend hinzu. Geschulte Arbeitskräfte fehlten, die Stromversorgung war unzureichend, die Steinkohleproduktion der niederländischen Minen in Limburg stagnierte. Dies alles und das knappe Güterangebot machten zusammen mit dem überhöhten Geldnotenumlauf und wertlosen Gutscheinen in Reichsmark eine galoppierende Inflation nahezu unvermeidlich. Dennoch entwickelte sich – wiederum wie in Deutschland –, was keiner für möglich gehalten hatte: das niederländische Wirtschaftswunder.

Innerhalb weniger Jahre hatten sich die Niederlande erholt, der Wiederaufbau im engeren Sinn war etwa 1950 vollendet. Zugleich war ein tragfähiges Fundament gelegt worden für das weitere Wirtschaftswachstum in den sogenannten silbernen fünfziger Jahren, die ihrerseits den Auftakt bildeten für die unvergleichbare Wirtschaftsexpansion während der goldenen Sechziger. Die Wachstumsraten der Wirtschaft des Landes übertrafen zu jener Zeit mit durchschnittlich 5 Prozent jährlich in manchen Jahren diejenigen der Bundesrepublik und der USA. 1970 war der Versorgungsstaat in den Niederlanden verwirklicht und das nominale Einkommen pro Kopf von 1600 Gulden im Jahre 1950 auf 18.000 Gulden gestiegen. Im selben Zeitraum stiegen die Kauferlöse dauerhafter Konsumgüter wie Kühlschränke, Waschmaschinen, Tiefkühltruhen und Fernseher von 3,5 Milliarden auf 41 Milliarden Gulden an.

“Dutch disease”

Auch die Entwicklung zum Wohlfahrtsstaat verlief ähnlich in den beiden westeuropäischen Ländern. Wichtigster Faktor war ein so anhaltend starkes Wirtschaftswachstum, dass Politik und Wissenschaft in ihrem Optimismus die Konjunkturschwankungen nahezu überwunden wähnten. Folglich konnte der Staat immer mehr Wohlstand und soziale Absicherung “von der Wiege bis zum Grabe” gewährleisten, sodass er über die angestrebten Wohlfahrtsziele und wachsenden Steuereinnahmen zunehmend wirtschaftliche Prozesse beeinflusste.

Zu Bedenken kam es erst, als sich anlässlich der ersten Ölkrise 1973 Risse im Wohlstandsgebälk zeigten. Die “Dutch disease” bezeichnete eine nach außen immer noch glänzende Fassade mit einer zumindest scheinbar harten Währung, im Inneren des sozialen Paradieses jedoch einen erdrückend mächtigen Staatssektor mit der dazu gehörenden Regelwut und Abgabenlast bei gleichzeitig einseitiger Zusammenstellung der Berufsbevölkerung, nämlich zu vielen Beamten und relativ zu wenig produktiv Erwerbstätigen, und struktureller Arbeitslosigkeit. Die Folgen ließen nicht auf sich warten: Steuer- und Kapitalflucht wegen unzureichender Rendite, Abwanderung der Unternehmer, zu wenig Innovationen und daher rasch abnehmende internationale Konkurrenzfähigkeit.

Deltawunder

Man braucht nicht über allzu viel Fantasie zu verfügen, um hier zumindest einige Parallelen zur letzten Legislaturperiode Kohl sowie zur wirtschaftlichen Situation der um einen Kurswandel bemühten Regierung Schröder zu sehen. In den Niederlanden setzte sich bereits Anfang der achtziger Jahre unter dem Christdemokraten Ruud Lubbers die Erkenntnis durch, dass der Anteil des Staates am Wirtschaftsgeschehen und seine zahllosen Vorschriften drastisch zu reduzieren seien und Privatinitiative sich wieder lohnen müsse. Das ging nur im nationalen Einvernehmen der Tarifpartner und politischen Parteien über die notwendigen Maßnahmen, also mittels Konsens, der daher als das Fundament der heutigen Wirtschaftsblüte Hollands gilt. Die neue Wirtschaftspolitik ergriff wirksame Maßnahmen zur Senkung der hohen Produktionskosten durch Steuer- und Lohnmäßigung, zum Abbau des Sozialstaats oder jedenfalls seiner Auswüchse und zur Wiederherstellung des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs wo immer möglich.
Abstieg der deutschen Marktwirtschaft?

Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland hinsichtlich der genannten Aspekte noch immer nicht alles wunschgemäß läuft, ließe sich ein beachtlicher wirtschaftlicher Vorsprung der Niederlande vermuten. Weiß also die deutsche Wirtschaftspolitik nicht mehr weiter, während die Holländer auftrumpfen dürfen?

Im Oktober des Jahres 1952 würdigte die britische Wirtschaftszeitung The Economist die Leistungen der unerwartet schnell wieder aufgebauten westdeutschen Wirtschaft und lobte die solide deutsche Politik, die zu einem “Wirtschaftswunder” geführt habe. 14 Jahre später veröffentlichte dasselbe Blatt einen Artikel mit dem Titel “The German lesson”. Darin hatte sich das zunächst anerkennende Lob zu wahrer Begeisterung gesteigert. Es gab zwar kritische Anmerkungen, aber alles in allem wurde das westdeutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft als ein glanzvolles Beispiel herausgestellt, ganz im Gegensatz zum britischen Modell, das sich damals vor allem durch vielfältige konjunkturelle “ups” und “downs” und durch weitgehende Reformunwilligkeit auszeichnete.

Im Mai 1988 folgte eine Beilage zur westdeutschen Wirtschaft – betitelt “Wunderkind at forty". Unter dem Foto eines dicklichen Mannes mittleren Alters in kurzer Lederhose und auch sonst unverkennbar deutscher Nationalität, berichtete das Blatt über die reiche und zugleich lahme deutsche Wirtschaft, der es an Flexibilität mangele und an dem Willen, sich strukturell dringend notwendigen Anpassungsprozessen zu unterziehen. Im Jahr 1998 schließlich karikierte das deutsche Nachrichtenmagzin Der Spiegel die Ratlosigkeit der deutschen “Medizinermänner” Kohl, Lafontaine und Blüm angesichts der deutschen Wirtschaft. Statt an der lebensnotwendigen Steuer- und Rentenreform zu arbeiten, beschränkte sich Kanzler Kohl resignierend darauf, den Puls des “Patienten" zu messen. Bis zum rot-grünen Neuaufbruch, dem inzwischen auch schon mal der Schwung auszugehen drohte, schien dies den Stand der deutschen Wirtschaft zu symbolisieren.

Viel weiter sind wir heute in Deutschland noch immer nicht, beim Niedergang handelt es sich offensichtlich um einen langfristigen Prozess. 1992 veröffentlichte der Nationalökonom Helmut Giersch eine Studie zu vier Jahrzehnten Marktwirtschaft in Westdeutschland unter dem bezeichnenden Titel “The fading miracle”. Das deutsche Wirtschaftswunder manifestierte sich nach Giersch am eindrucksvollsten in den späten vierziger und den fünfziger Jahren, um danach – gemessen an den kontinuierlich sinkenden Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts – allmählich zu verfliegen. Und dieser Prozess – so ließe sich seine Analyse verlängern – hält bis heute an.

Autor: Joachim F.E. Bläsing
Erschienen:
Bläsing, Joachim F.E.: Partner in Verschiedenheit - Zum Wirtschaftsverhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden. In: Rösgen, Petra (Hrsg.): Deutschland-Niederlande. heiter bis wolkig, Bonn, 2000, S. 82-93.