V. Globalisierung

Der Transformationsprozess erfährt gegenwärtig im Zuge der Globalisierung eine unerhörte Tempozunahme, wobei unter Globalisierung höchst konkrete Prozesse zu verstehen sind wie etwa die Überbrückung räumlicher Distanz durch die Informationstechnologie sowie die dadurch ermöglichte rasend schnelle Internationalisierung von Kapital und Märkten. Insbesondere der Wettbewerb um das immer schneller rotierende weltweite Investitionskapital zwingt Betriebe zu ständig höherer Effizienz, Rendite und Transparanz. Wie sieht es mit der Anpassung der niederländischen und deutschen Wirtschaft an diesen unausweichlichen Prozess aus, was ist das Poldermodell in diesem Licht noch wert?

Die Sicherung und wenn möglich auch Zunahme hochwertiger Arbeitsplätze bei gleichzeitig wachsendem Wohlstand können längerfristig sinnvoll nur von steigender Arbeitsproduktivität generiert werden. Diese hängt entscheidend ab von technischen und/oder organisatorischen Verbesserungen der Produktionsprozesse. Und genau das ist der Punkt, an dem der deutschen Volkswirtschaft beziehungsweise deutschen Politikern dringend davon abzuraten ist, mit holländischen Rezepten zu liebäugeln.

Positive deutsche Entwicklungsrichtung

Gemessen am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf der Bevölkerung nimmt die (west)deutsche Arbeitsproduktivität in Europa immer noch eine Spitzenposition ein, während die Niederlande sich seit den neunziger Jahren in der Nachhut befinden. Das mag erstaunlich anmuten, ist jedoch folgerichtig: Die staatlich verordnete Lohnmäßigung und gleichzeitige Abgabensenkungen waren und sind in den Niederlanden als flankierende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zwar ein voller Erfolg, aber gleichzeitig entstehen seit Jahren zu wenig hochwertige Arbeitsplätze. Zusätzlich bereiten die zu geringe Anzahl und zu schwache Zunahme von innovierenden Exportbetrieben niederländischen Volkswirten große Sorgen. Viel einschneidender als in Deutschland spart das Land an den nationalen Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Als zwangsläufige Folge schneiden die Niederlande bei den Patentanmeldungen in der EU bedeutend schlechter ab als Deutschland. Beispielsweise lässt auch ein Vergleich der im Industriesektor eingesetzten Roboter auf bedenkliche Konsequenzen schließen. Deutschland dagegen liegt diesbezüglich auf einem beachtlichen Platz direkt hinter zwei dynamischen asiatischen Tigerländern. Nicht zufällig hat der Ökonom Alfred Kleinknecht den Niederlanden eine nach Jahren niedriger Arbeitslosigkeit – unter anderem maßgeblich über gemäßigte Löhne finanziert – entsprechend veralterte Wirtschaftsstruktur attestiert. Was passiert in Holland, wenn seine milliardenschwere eiserne Reserve Erdgas einmal versiegt?

Paradoxerweise könnte man in diesem Sinne, weil in Deutschland die maßgebliche Entwicklungsrichtung stimmt, makro-ökonomisch sogar schlussfolgern: je höher die Arbeitslosigkeit in Deutschland, desto besser. Würde nämlich, wie eine McKinsey-Studie aufzeigt, die Arbeitsproduktivität in den deutschen Industriesektoren jeweils dem zur Zeit weltweit höchst möglichen Niveau angeglichen, dann wäre noch einmal die Hälfte des heutigen Personals überflüssig. Und das wiederum würde im industriellen Bereich zu einer Arbeitslosenquote von 38 Prozent führen. In sozialer Hinsicht gewiss nicht unproblematisch, aber was ist denn prinzipiell falsch daran, wenn Betriebe 20 Prozent mehr Produktivität mit 10 Prozent weniger Arbeitseinsatz realisieren? Entspricht mehr Wohlstand bei geringerem Mitteleinsatz nicht buchstäblich wirtschaftswissenschaftlichen Zielvorgaben?

Hollands wirtschaftliche Abhängigkeit

Soviel zu dem einen fundamentalen Kritikpunkt des Poldermodells. Zum anderen darf man sich den Blick auf die wahren Abhängigkeitsverhältnisse in der deutsch-niederländischen Relation natürlich nicht vernebeln lassen. Mit einem rund 1000 Milliarden Mark höheren Bruttoinlandsprodukt als Frankreich und einem rund 1500 Milliarden Mark höheren BIP als Italien oder Großbritannien beziehungsweise einem sechsmal höheren als das niederländische, ist die Bundesrepublik Deutschland nun einmal automatisch die dominierende ökonomische Kraft innerhalb der Europäischen Union. Deutschland steht außerdem für nahezu 25 Prozent des EU-internen und externen Handelsverkehrs und exportiert pro Kopf der Bevölkerung seit 1960 zweimal soviel wie die Japaner.

Die Niederlande sind für ihr wirtschaftliches Wohlergehen von ihren Exporten weitaus abhängiger als Deutschland. 80 Prozent des für sie lebenswichtigen Güterexports setzen sie in der Europäischen Union ab, davon über die Hälfte allein auf dem deutschen Markt. Von ihren Transportanteilen am Güterverkehr über Land und auf den Schifffahrtsstraßen Europas hat fast die Hälfte Bezug auf die Bundesrepublik. Rotterdam hängt zu 60 Prozent von den Transaktionen mit und über Deutschland ab, 25 Prozent des Erdgases aus den niederländischen Vorkommen fließen in den deutschen Energieverbund, und ohne die Beiträge deutscher Touristen zur niederländischen Dienstleistungsbilanz könnte vermutlich auch die attraktive Dame mit der Käseleidenschaft, “Frau Antje”, ihre Holzschuhe einpacken. Insgesamt verdienen die Niederländer 50 bis 60 Prozent ihres Sozialprodukts dank ihrer “German Connection".

Kurzum, der an sich so verlockende Gedanke an eine neue niederländische Führungsrolle erweist sich bei näherer Betrachtung zumindest per saldo als absurd. Es bleibt wie gehabt: Ein Elefant kann sich unmöglich die Maus zum Vorbild nehmen, die in seinem Schatten fett geworden ist.


Autor: Joachim F.E. Bläsing
Erschienen: Bläsing, Joachim F.E.: Partner in Verschiedenheit - Zum Wirtschaftsverhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden. In: Rösgen, Petra (Hrsg.): Deutschland-Niederlande. heiter bis wolkig, Bonn, 2000, S. 82-93.