XVII. Hintergründe: Von Wassenaar bis zum Poldermodell

Auf den Aufschwung folgte Katerstimmung. Nach Jahren und Jahrzehnten, in denen die Niederlande die Einnahmen aus ihren Erdgasfunden in immer höhere Löhne und einen immer umfassenderen Versorgungsstaat gesteckt hatten, stellte sich heraus, dass das beides nicht unbegrenzt finanzierbar ist. Zu Beginn der 80er Jahre stieg die Arbeitslosenquote auf 15 Prozent; die Wirtschaft lag darnieder; Besserung war nicht in Sicht. Weit über die Grenzen hinaus galten die Niederlande als "Europas kranker Mann".

Die Verantwortlichen für die Wirtschaft taten daraufhin etwas, was Eliten in dem versäulten Gesellschaftsmodell seit dem 19. Jahrhundert immer wieder taten: Sie setzten sich zusammen und suchten gemeinsam den bestmöglichen Kompromiss für das Staatsgebilde  und seine Bevölkerung – den berühmten niederländischen Konsens. Auf Initiative des christdemokratischen Ministerrpräsidenten Ruud Lubbers kamen im Herbst 1982 Gewerkschaften und Arbeitgeber in dem kleinen Kurort Wassenaar im Norden des Landes zusammen. Dort verständigten sie sich auf ein Abkommen, das als Grundlage des „Poldermodells“, vor allem aber auch des mindestens ebenso viel zitierten Wirtschaftswunders der 90er Jahre  gilt.

In einem eineinhalbseitigen Papier brachten Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Regierung im wesentlichen eine Formel zu Papier: Lohnmäßigung gegen Arbeitszeitverkürzung! Die Gewerkschaften akzeptierten einen Verzicht auf die bis dahin üblichen mehr als zwei Prozent Lohnsteigerung pro Jahr; im Gegenzug versprachen Arbeitgeber kürzere Arbeitszeiten und mehr Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit. Zusätzlich wurde der Gulden an die D-Mark gekoppelt und so die Inflation begrenzt.

In den folgenden Jahren gelang es der Haager Regierung zwar den Staatshaushalt zu verbessern; die Arbeitslosenzahlen sanken allerdings längst nicht so stark wie erhofft und stiegen rund um das Jahr 1990 bereits wieder an. Anfang der Neunziger sprach der immer noch im Amt befindliche Ruud Lubbers, der  im ganzen Land nicht nur als Premier, sondern auch als »Vater der Nation« geradezu verehrt wurde, erneut ein Machtwort: „Die Niederlande sind krank!“ erklärte er mit Blick auf die Erwerbstätigenzahlen in dem kleinen Land, die nur in zweiter Linie etwas mit Arbeitslosigkeit zu tun hatten:  Nahezu eine Million Niederländer waren im sozial gut abgesicherten Invalidenstand, mehrere Hunderttausende in Frührente. Nur jeder dritte der 15 Millionen Einwohner ging einer geregelten Beschäftigung nach.

Es folgten eine Reihe weiterer Abkommen, die neben dem Arbeitsmarkt auch den Sozialstaat in den Blick nahmen. 1993 nahm der sozialdemokratische Ministerpräsident Wim Kok den „neuen Kurs“ in Angriff. Erneut erklärten sich die Gewerkschaften zur Lohnzurückhaltung bereit; unter der Bedingung dass die Unternehmen gespartes Geld in Kinderbetreuung, Schulungen und neue Stellen investierten. Zusätzlich gaben die Gewerkschaften ihren Widerstand gegen die Flexibilisierung der Arbeitswelt auf. Der Staat senkte Sozialabgaben und Steuern, um den Lohnabbau aufzufangen. Die Kriterien für die Vergabe von Sozialleistungen wurden verschärft, erste Teile der Sozialversicherung privatisiert. Die Arbeitgeber stimmten erneuten Arbeitszeitverkürzungen und massiven Kampagnen für Teilzeitarbeit zu. Resultate ließen sich schnell sehen: Von 1994 bis 1998 wurden über 450.000 Arbeitsplätze geschaffen - allein 1997 waren es 213.000, darunter über ein Drittel Teilzeitstellen. Die Arbeitslosenquote sank erstmals unter die Fünf-Prozent-Marke, das Wirtschaftswachstum stieg auf fast vier Prozent.

Im Prinzip folgt das in Deutschland viel gerühmte Poldermodell, das von der simplen Formel „Kompromiss statt Konflikt“ lebt, bis heute dem immer gleichen Muster: Seit 1982 trafen Arbeitgeber und Gewerkschaften mehr als hundert Mal neue Abkommen, setzten sich Ziele, einigten sich über mal kleine, mal große Schritte. Wesentliche Bestandteile des Modells sind allerdings auch Institutionen, die den Konsens seit Jahrzehnten schon in ihrer Organisationsform verinnerlicht haben und ohne die die Niederlande kaum denkbar sind. Dazu zählen allen voran die „Stichting van de Arbeid“, in der Gewerkschafter und Arbeitgeber bereits seit 1945 zusammenkommen und der Sociaal-Economische Raad, in dem seit 1950 Vertreter der  Gewerkschaften, der Arbeitgeberverbände und der Verwaltung gemeinsam ein öffentlich-rechtliches Beratungsorgan der Regierung bilden.


Autorin: Jeanette Goddar
Erstellt: Mai 2007