XXI. An die Arbeit! Vom Umgang mit Langzeitarbeitslosen

Zehn Jahre war John de Weer arbeitlos gewesen, als die niederländische Regierung ihn verpflichtete, sich nützlich zu machen. Ende der 90er-Jahre tauchte mit John und hunderten anderen plötzlich in den Straßenbahnen Amsterdams ein Beruf auf, der längst überholt geglaubt worden war: Der Ticketverkäufer und „Entwerter“. Was jahrelang Automaten gemacht hatten, erledigten wieder Menschen: An einem eigenen Schalter in der Bahn stempelten sie Strippenkaarten ab und verkauften Fahrkarten. Gleichzeitig kehrten in öffentlichen Gebäuden die Rezeptionisten zurück, in den Innenstädten Streifendienste von „Stadtwächtern“. In den Schulen gab es zusätzliches Personal zur Essensausgabe und zur Kinderbetreuung, in den Sportvereinen mehr Fußballtrainer als zuvor.

Melkert-Jobs und ID-Banen

John de Weer und all die anderen hatten so genannte „Melkert-Jobs“ ergattert. Auf 40.000 Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst und im Gesundheitswesen wollte Ad Melkert, der sozialdemokratische Arbeitsminister, von 1995 an Langzeitarbeitslose in Arbeit bringen. Ein Melkert-Job kostete den Staat 35.000 Mark im Jahr. Ihre Inhaber wurden – anders als die deutschen Ein-Euro-Jobber - relativ fürstlich entlohnt: Ein Melkert-Jobber erhielt brutto 120 Prozent des gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohns – gut 2.000 Mark im Monat.

Die Regierung hoffte, mit ihrer Hilfe mehrere positive Effekte zu erreichen. In den Trams zum Beispiel wurden Arbeitslose in Arbeit gebracht, aber auch das Schwarzfahren verunmöglicht. Als drittes bekamen Langzeitarbeitslose, unter ihnen viele Migranten, Jobs mit hoher Präsenz. Jeder Niederländer sollte sehen: „Verdammt noch mal, der arbeitet.“ So sollten auch Vorurteile abgebaut werden. Reibungslos verlief die Integration der Melkert-Jobber, die meist seit Jahren aus dem Arbeitsprozess raus waren, allerdings nicht: Krankmeldungen waren häufig, Arbeitsabbrüche nicht selten; auch Betrügereien gegenüber dem nicht freiwillig gewählten Arbeitgeber kamen vor.

Dessen ungeachtet hielt die Regierung lange an einem „zweiten Arbeitsmarkt“ für schwer Vermittelbare fest: Die auf die Melkert-Jobs folgenden „ID-Banen“ (In- en Doorstroombanen) folgten im Prinzip den gleichen Vorgaben. 2003 verwies das Arbeitsministerium auf die Existenz von 53.000 staatlich subventionierten Stellen. 10.000 sollten in den folgenden Jahren – wiederum mit Hilfe staatlicher Unterstützung von 17.000 Euro pro Job – zu normalen Stellen umgewandelt werden. Das gelang nicht komplett, aber nahezu.

Keine überzeugenden Effekte

Insgesamt hat sich die Hoffung, Melkert- und ID-banen könnten als Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt dienen, kaum erfüllt: 2002 bis 2004 schwankte die Zahl derer, die es im Jahr schafften, einen „richtigen“ Arbeitsplatz zu bekommen, zwischen vier und acht Prozent. In der Tendenz  blieben Menschen mit einem ID-baan jahrelang auf dem subventionierten Arbeitsplatz. Außerdem wurden in der Praxis ID-banen auch auf private Firmen ausgeweitet - und immer wieder die Vernichtung regulärer Arbeit durch sie beklagt.

Mit Inkrafttreten des neuen Sozialhilfegesetzes „Wet Werk en Bijstand" 2004 wurde die Verantwortung und damit auch das Budget für die ID-Jobs vollständig den Kommunen übergeben. Sie entscheiden nun eigenständig, wie sie Langzeitarbeitslose integrieren – und machen von der Möglichkeit, ID-Banen einzurichten, kaum Gebrauch. Stattdessen setzen die meisten in Zusammenarbeit mit privaten Arbeitsvermittlern und Bildungsträgern auf „Work First“-Programme - mit einer Mischung aus Druck, verpflichtender Arbeit, Beratung und Qualifizierung. Subventionierte Stellen existieren nun vor allem zeitlich begrenzt und mit dem klaren Ziel, den Arbeitnehmer in reguläre Arbeit zu integrieren.

Allerdings zeigt sich auch, dass die Zahl der Sozialhilfeempfänger nicht endlos sinken wird. Etwa die Hälfte der Sozialhilfebezieher gilt als nicht oder nur schwer vermittelbar. Die Haager Regierung will deswegen noch vor der Sommerpause 2007 diskutieren, ob ein neues Programm subventionierter Arbeitsplätze in Form so genannter „Teilhabe-Jobs“ geschaffen werden soll.


Autorin: Jeanette Goddar
Erstellt: Mai 2007