IX. Industrie

In den vergangenen Jahren war die niederländische Industrie das Sorgenkind der Volkswirtschaft. Konkurse, Massenentlassungen, eine mäßige internationale Wettbewerbsfähigkeit, hohe Lohnstückkosten und eine stagnierende Produktion prägten das Bild. Der industrielle Sektor trug zu Beginn des Jahrhunderts kaum zum Wirtschaftswachstum der Niederlande bei. Seit 2006 scheint sich die Lage aber deutlich zu bessern. Die industrielle Produktion legte mit 2,3 Prozent zu und trug entscheidend zur Besserung der Konjunktur bei. „Es scheint, dass die Industrie den Anschluss gefunden hat“, schreibt das Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS).

Das Wachstum beruht vor allem auf der außerordentlichen Exportleistung und den Investitionen. Die Nachfrage nach Maschinen und Firmenwagen sorgte für einen Wachstumsschub beim Maschinen- und Fahrzeugbau. Im Jahr 2007 investierten die Unternehmen fast zehn Prozent mehr als 2006.

Die industrielle Produktion bildet nach den Finanz- und Sachdienstleistungen den zweitgrößten Sektor der niederländischen Volkswirtschaft – 21 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) werden von der Industrie erwirtschaftet. Hier arbeiten 17 Prozent aller Erwerbstätigen (1,4 Mio.), die 2006 eine Bruttowertschöpfung von 63,1 Milliarden Euro erzielten. Den größten Anteil daran haben die Nahrungs- und Genussmittelindustrie (11,1 Mrd. Euro), die chemische Industrie (10,1 Mrd. Euro), die Metallindustrie (7,6 Mr.d Euro) sowie die Elektroindustrie (3,5 Mrd.).

Industrielle Ansiedlungen

Schwerpunktmäßig ist die Industrie in den Provinzen Südholland und Nordbrabant angesiedelt. Zu den wichtigsten Grundstoffen zählen die Erdgasvorkommen in der Provinz Groningen. In der Provinz Limburg bildet die Chemie mit dem Konzern DSM einen Schwerpunkt. Bis in die 70er Jahren wurde hier auch Kohle gefördert.

Auffällig ist, dass neben einer großen Zahl kleiner und mittelständischer Unternehmen einige Großkonzerne die Struktur des Industriesektors bestimmen. Zu nennen sind DSM und Akzo Nobel für die Chemie, Unilever aus der Lebensmittelindustrie sowie Shell für die Erdgas- und Rohölgewinnung. Auch Elektrokonzern Philips zählt zu den großen Multinationals der niederländischen Industrie. Kennzeichnend ist für alle Großunternehmen, dass sie in den vergangenen Jahren einschneidende Reorganisationen durchgeführt haben, die einen starken Personalabbau zur Folge hatten. Der industrielle Sektor ist für die Niederlande traditionell nicht so dominierend wie in der deutschen Volkswirtschaft.

Die Zeiten der Massenentlassungen – etwa bei Philips –  Verkäufe und Konkurse scheinen erst einmal vorbei. Die Zahl der Insolvenzen ging in der Industrie von 804 im Jahr 2003 auf 503 im Jahr 2005 deutlich zurück. Der Umsatz legte 2006 um sieben Prozent kräftig zu. Die niederländischen Unternehmen verdienten vor allem an den höheren Absatzpreisen. In der Erdöl- und chemischen Industrie stiegen die Preise 2006  kräftig. Chemische Grundstoffe legten um fast 9 Prozent am Markt zu. Folglich wuchs die Chemiebranche um 5,7 Prozent. 2005 nahm die Bruttowertschöpfung noch um 1,2 Prozent ab. Auffällig waren auch die starken Preissteigerungen für Aluminium, Bronze und Kupfer, was in den Niederlanden zu einer Reihe außergewöhnlicher Diebstähle führte: Kupferrinnen wurden von Kirchen abgeschraubt und kulturell wertvolle Bronzefiguren gestohlen.

Lebensmittelindustrie

In der Lebensmittelindustrie zeichnete sich 2006 eine unterschiedliche Entwicklung ab. Einerseits erreichte das Produktionsvolumen mit einem Wachstum von 2,6 Prozent die höchste Steigerungsrate seit sechs Jahren. Andererseits nahm die Wertschöpfung von 11,3 auf 11,1 Milliarden Euro ab. Getrieben vom Einzelhandel konkurrierten die Lebensmittelkonzerne in den vergangenen Jahren stark über den Preis. Auch die hohen Preise für Energie, Kartoffeln und Weizen trübten am Ende des Jahres die Bilanz. Allein in der Gemüse verarbeitenden Industrie nahm die Wertschöpfung um 33 Prozent ab.

Bauindustrie

Hervorragende Ergebnisse erzielten hingegen die Unternehmen in der Bauindustrie. Die Produktion nahm im Jahr 2006 deutlich um fünf Prozent zu. Der Bedarf an Wohnraum ist nach wie vor hoch. Über 72.000 Häuser wurden im Jahr 2006 in den Niederlanden errichtet, was einem Wachstum von acht Prozent entspricht. Vor allem Mietwohnungen in Mehrfamilienhäusern wurden gebaut (+ 53 Prozent). Aber die Niederländer wollen auch mehr Eigentum besitzen, was sich im unverändert hohen Wachstum von Einfamilienhäuser widerspiegelt. Die Bauindustrie erwirtschaftete 2006 eine Wertschöpfung von 26,3 Milliarden Euro und wuchs zwischen 2004 und 2006 durchschnittlich um 4,8 Prozent - deutlich schneller als die Gesamtwirtschaft.

Elektroindustrie

In der Elektroindustrie zeichnet sich eine stark auseinander klaffende Entwicklung ab. Vor allem für die Produzenten von Büroartikeln (Computer etc.) war 2006 ein schlechtes Jahr. Sie produzierten weniger und konnten für ihre Produkte geringere Preise erzielen. Die Einkünfte nahmen hier um 25 Prozent ab. Auch die Hersteller von Audio-, Video- und Telekomartikeln stehen in einem starken, weltweiten Wettbewerb. Sie konnten ihre Kostensteigerungen nicht an den Konsumenten weitergeben – auch hier gingen die Einkommen um 15 Prozent zurück, obwohl die Produktion leicht gestiegen ist.

Der Fahrzeugbau hat ein Jahr mit gemischten Gefühlen hinter sich. Zwar wuchs die Branche mit 2,2 Prozent, musste aber gleichzeitig starke Rückschläge hinnehmen. So wurden in den Niederlanden 2006 gut 25 Prozent weniger Autos produziert als 2005. Nur durch die hohe Nachfrage nach Linienbussen und Lkw konnte das Wachstum generiert werden.

Arbeitsproduktivität

Trotz allem: Die niederländische Industrie hat sich nach den vergangenen Jahren wieder gut aufgestellt. Die Arbeitsproduktivität ist seit 2004 kontinuierlich gestiegen, betrug 2006 3,2 Prozent. Das Centraal Planbureau (CPB) geht davon aus, dass auch im Jahr 2008 eine Steigerung der Produktivität um 3,5 Prozent möglich ist. Die Industrieunternehmen haben in den vergangenen Jahren vor allem ihre Produktionskosten wieder in den Griff gekriegt. Die Lohnstückkosten gingen in der verarbeitenden Industrie zwischen 2004 und 2006 jährlich zurück. Für das Jahr 2008 erwartet das CPB eine moderate Steigerung um ein halbes Prozent. Die Löhne gingen im Jahr 2005 am stärksten im Fahrzeugbau (-3,5 Prozent) und in der Elektroindustrie (-3 Prozent) zurück. Für das Jahr 2006 verzeichnen alle Industriesparten moderate Lohnsteigerungen zwischen 1,9 und drei Prozent.

Dass sich die Gewinnsituation der Industrieunternehmen deutlich verbessert hat, zeigt auch die Arbeitseinkommensquote (AEQ). Die Aeq, die als Kennzahl für die Gewinnsituation der Unternehmen gilt, ging deutlich zurück und betrug 2006 72,8 Prozent. Gut zehn Jahre zuvor betrug sie noch 74,4 Prozent und stieg im Jahr 2003 auf 75,2 Prozent. Eine abnehmende Aeq impliziert steigende Gewinne.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2009