I. Einführung

Die niederländische Volkswirtschaft: Strukturen, Potenziale, Probleme

Die niederländische Volkswirtschaft wird gerne beschrieben als „kleine, offene Ökonomie“. Als eine Marktwirtschaft, die stark auf den internationalen Handel und Export ausgerichtet ist und trotz ihres vergleichsweise kleinen Potenzials an Arbeitskräften (8,2 Millionen) und natürlichen Rohstoffen beachtliche Ergebnisse erzielt: Die Niederlande sind ein reiches Land. 2006 betrug das Volkseinkommen pro Kopf nach Angaben des Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS) 27.943 Euro und damit liegen die Niederlande nach Luxemburg und Irland an der Spitze der europäischen Staaten.

Wirtschaftliches Zentrum

Worauf gründet dieser wirtschaftliche Erfolg, über den gerade in den 90er Jahren viel geschrieben und geredet wurde? Und auch jetzt – nach einigen Jahren der Rezession – gilt die niederländische Volkswirtschaft wieder als vorbildlich. Schauen wir auf die Strukturen der niederländischen Wirtschaft, werden einige Merkmale deutlich, die in gewisser Weise seit dem 17. Jahrhundert, dem „goldenen Jahrhundert“, typisch sind. Die Wirtschaft des 17. Jahrhunderts zeichnete sich (1.) durch einen starken Seehandel in der Ostsee und in Asien aus, durch eine (2.) innovative Landwirtschaft, die gezielt Windmühlen einsetzte, Misthandel und Gartenbau betrieb und zum ersten Mal eine Stallhaltung in der Viehzucht einführte. Das goldene Jahrhundert wurde geprägt durch ein (3.) modernes Finanz- und Bankensystem. Erinnert sei an die Amsterdamer Wechselbank und die Börse. Im Prinzip gelten diese Strukturen auch heute noch. Wie damals ist die Provinz Holland (Randstad) wirtschaftliches Zentrum und Wachstumsmotor, mit einer starken Konzentration von Menschen und Arbeitsplätzen.

Sicherlich, die Niederlande haben sich vom Agrar- und Handelsstaat zu einem modernen Industrie- und Dienstleistungsland entwickelt. Der Agrarsektor steuert nur noch 1,9 Prozent zur Entstehung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei. Aber das niederländische Wirtschaftswachstum ist immer noch stark exportabhängig, die Finanz- und Sachdienstleistungen machen ein Viertel der wirtschaftlichen Wertschöpfung aus und die Landwirtschaft besitzt immer noch eine ausgezeichnete Konkurrenzfähigkeit, mit einer hohen Arbeitsproduktivität und Innovationsleistung – etwa im Gartenbau. Nicht zuletzt ist der Umschlag von Waren im Hafen Rotterdam ein wichtiger Faktor für die niederländische Wirtschaft.

Bruttoinlandsprodukt

Das heutige Bruttoinlandsprodukt basiert im Wesentlichen auf dem Dienstleistungssektor, der in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist, und in dem viele neue Arbeitsplätze entstanden sind. Auch sind einige Teile der Industrie (vor allem die Lebensmittelindustrie) und des Handels, Transports und der Distribution von Bedeutung. „Die Niederlande profilieren sich als Distributionsland Europas“, schreiben die Ökonomen Van der Geest und van Sinderen.

Wachstum in den einzelnen Provinzen

Das wirtschaftliche Wachstum in den Niederlanden ist gleichmäßig über die zwölf Provinzen verteilt. Das Wachstum wurde 2006 getragen von einigen Branchen der Industrie, wie der Erdgasgewinnung, den Ölraffinerien, der Benzin- und Petrochemie sowie der Bauwirtschaft.

Regionalprodukte

Innerhalb der Provinzen gibt es wirtschaftliche Schwerpunkte. So ist der Gartenbau stark im Westland und rund um Venlo konzentriert, die Provinz Groningen zeichnet sich durch die Erdgasgewinnung aus und in der Randstad haben die großen Finanz- und Sachdienstleister ihren Standort. Die chemische Industrie konzentriert sich auf die Regionen Rijnmond, Südlimburg (DSM) und das südliche Zeeland. Die wirtschaftlich stärksten Regionen sind die Randstad, der „Knooppunt Arnhem-Nijmegen (KAN)“ und die Region um Eindhoven. Auffällig ist auch, dass die wirtschaftliche Struktur von wenigen Global Playern geprägt wird. Genannt seien: Philips, Shell, Unilever, DSM, AkzoNobel, Ahold, ING oder ABN-Amro.

Strukturelle Herausforderungen

Die niederländische Volkswirtschaft steht vor den gleichen strukturellen Herausforderungen wie andere westliche Wohlfahrtsstaaten: Sie sieht sich einem starken internationalen Wettbewerb ausgesetzt, dazu globalisierten Märkten, einem fortlaufend industriellen Wandel, einem zunehmenden Altern der Bevölkerung, höheren Lebenserwartungen, steigenden Kosten im Gesundheitswesen, neuen Familienstrukturen und einer Individualisierung der Lebensstile. Aber es gibt auch typisch niederländische Probleme: etwa die nach wie vor hohe Anzahl der Arbeitsunfähigen an der Erwerbsbevölkerung.

Die Bevölkerung der Niederlande wächst stetig. Die Zahl der Einwohner betrug nach Angaben des CBS 2006 16,4 Millionen. Die Zahl der Geburten sinkt zwar, bleibt aber relativ hoch. Die durchschnittliche Kinderzahl niederländischer Frauen liegt bei 1,72. Die Lebenserwartung beträgt für Männer 77,6 Jahre, für Frauen 81,9 Jahre. Tendenz: Die niederländische Gesellschaft altert. Die Anzahl der Menschen über 65 Jahre nimmt zu, betrug im Jahr 2006 2,4 Millionen.

In den vergangenen fünf Jahren wurde in den Niederlanden heftig über das Thema Zuwanderung diskutiert. Die restriktive Politik der Regierung Balkenende hat zur Folge, dass die Zahl der Immigranten vom Rekordniveau im Jahr 2001 von 133.000 auf 101.000 im Jahr 2006 zurückging. Nach wie vor ist beinahe ein Drittel der Einwohner von Amsterdam und Rotterdam Ausländer oder haben einen Migrationshintergrund. Die Anzahl der Privathaushalte wächst stärker als die Anzahl der Einwohner. Mehr als ein Drittel aller Haushalte sind Einpersonenhaushalte. Die Niederlande werden zu einem stark individualistischen Land, was große Auswirkungen auf die produzierende Wirtschaft hat – etwa die Lebensmittelindustrie, den Handel oder den Wohnungsbau.

Institutionen spielen in der niederländischen Marktwirtschaft eine wichtige Rolle. Die Tarifparteien zeichnen sich durch Kooperationsbereitschaft und eine pragmatische Haltung aus, was letztendlich auch als wichtigstes Merkmal des Poldermodells gelten muss. Die Stichting van de Arbeid und der Sociaal Economische Raad sind wichtige Verhandlungsforen für Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften.

Eine relativ große Rolle im Wirtschaftskreislauf spielt der Staat. Zum einen durch eine ausgeprägte Gesetzgebung und starken Ordnungsdrang und zum anderen durch einen üppigen Sozialstaat. 2006 betrug die Abgabenquote (Steuern und Soziallasten) 39,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Staatsschulden beliefen sich auf 52,4 Prozent des BIP.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2009