VI. Forschung und Entwicklung

Für Forschung und Entwicklung (F&E) geben die niederländischen Betriebe relativ wenig Geld aus. Dies ist für eine moderne Industrienation ein Problem. Hohe Löhne rechtfertigen sich nur dann, wenn die Arbeitsproduktivität hoch ist. Und eine hohe Arbeitsproduktivität ist langfristig nur gesichert, wenn auch in Zukunft die Volkswirtschaft auf dem neuesten Stand der Entwicklung ist und technischen Fortschritt hervorbringt. Im Jahr 2004 waren es 8,75 Milliarden Euro, die niederländische Betriebe, Universitäten und Wissenschaftsinstitute für F&E ausgaben: Das sind nur 1,78 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Fast resigniert kommt der Ökonom G. van der Veen in seinem Buch „Kennis en economie 2006“ zum Urteil: „Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bleiben schon seit Jahren deutlich hinter dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts.“

Ein Grund für diese Entwicklung ist, dass der industrielle Sektor in den Niederlanden relativ schwach ausgeprägt ist. Statistisch gesehen wird aber gerade im Industriesektor ein verhältnismäßig großer Aufwand für F&E betrieben. Dementsprechend sind die Ausgaben für F&E im Verhältnis zum BIP in den Niederlanden seit 1970 relativ gering. Andere Länder, etwa die Bundesrepublik, geben im internationalen Vergleich deutlich mehr Geld für F&E aus.

Strukturelles Problem

Zwischen 1970 und 1984 wurden in den Niederlanden durchschnittlich 1,2 bis 1,4 Prozent des BIP für F&E ausgegeben. Erst nach 1984 nahmen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung zu: durchschnittlich 1,6 Prozent am BIP.

Die Niederlande haben ein strukturelles Problem im Bereich Forschung und Entwicklung.  Die Ökonomen  Slabbers und Verspagen machen deutlich, dass die betrieblichen Ausgaben für F&E in einigen wenigen Wirtschaftssektoren konzentriert sind. Forschung und Entwicklung, so betonen sie, wird vor allem in der Industrie angetroffen und weniger in der Landwirtschafts- und Dienstleistungsbranche. „Innerhalb des Industriesektors scheinen die F&E-Ausgaben sich wieder stark auf  einige Sub-Sektoren (vor allem Flugzeugbau, Computer, Elektronik und Pharmazie) zu beschränken“, so Slabbers und Verspagen. Das niederländische Patentamt „Octrooicentrum“ bestätigt dies mit Zahlen: Philips steht seit Jahren unangefochten an der Spitze der Liste für Patentanfragen. 44,3 Prozent der insgesamt 2850 Patentanfragen im Jahr 2004 kommen aus dem Hause Philips. Große Unternehmen wie Unilever, Akzo Nobel, DSM oder Shell sind hier schon fast zu vernachlässigen. Prozentual gesehen schwanken ihre Anfragen beim Patentamt zwischen 1,5 bis 4,5 Prozent. In den Niederlanden wird also nur von sehr wenigen Unternehmen systematisch Forschung und Entwicklung betrieben. In Zahlen hört sich das so an: Nur fünf Prozent der niederländischen Betriebe stehen hinter drei Viertel aller F&E-Ausgaben.

Investitionen

Als relativ neue Entwicklung stellt Ökonom van der Veen fest, dass in den Niederlanden zunehmend große Dienstleistungsunternehmen ihr Geld in Forschung und Entwicklung investieren. Zwischen 1995 und 2004 habe die Zahl der Betriebe, die Geld für die Forschung ausgegeben, um 85 Prozent zugenommen. Sei übertrumpfen heute sogar die Zahl der Industriebetriebe. „Fast ein Drittel der F&E-Ausgaben geht auf das Konto der Dienstleistungsbranche“, erklärt van der Veen. Auch erkennt er eine Tendenz der Auslagerung: „Fast ein Drittel der Ausgaben für F&E gehen an ausländische Betriebe. Forschung und Entwicklung wird betrieblich ausgelagert.“ Beauftragten 1990 gerade mal 3 Prozent der Unternehmen Universitäten mit Forschungsaufgaben, waren dies 2003 schon 13 Prozent. Trotz dieser positiven Entwicklung schränkt van der Veen ein: „Das Niveau und das Wachstum der F&E-Ausgaben in den Niederlanden sind nach wie vor sehr mäßig.“

Investitionen

Es kann viele Möglichkeiten geben, eine wettbewerbsfähige Wirtschaft zu erhalten. Eine davon dürften auch die Investitionen in neue Produktionsanlagen sein. Sie geben Rückschlüsse darüber, inwiefern von Unternehmen in neues Anlagenmaterial (Maschinen, Fahrzeuge, Bauten etc.) investiert worden ist, so dass diese Anlagen zu einer Erneuerung der Ausrüstungs- und Anlagenkapazität beigetragen haben. Bruttoanlageinvestitionen lassen zwar keine Schlüsse auf die Neuerungsaktivitäten in Form von Innovationen einer Volkswirtschaft zu, dennoch können sie zur Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes beitragen. Denn innovative Maschinen, Fahrzeuge, Computer-Software etc. können von Unternehmern auch „eingekauft“ werden und bilden für deren internationale Wettbewerbsfähigkeit wertvolle Dienste.

So hat die niederländische Volkswirtschaft zwischen 1970 und 1999 durchschnittlich mehr in neue und gebrauchte Anlagen investiert, als die deutsche. Der durchschnittliche Anteil der Anlageninvestitionen am BIP lag in den Niederlanden um zwei bis vier Prozent höher als in der Bundesrepublik. Auch anno 2006 investierten die niederländischen Unternehmen kräftig in Maschinen und Computer: insgesamt 9,1 Milliarden Euro. Das sind 1,8 Prozent des BIP.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2009