X. Dienstleistungen

Die Niederlande sind ein modernes Dienstleistungsland. Kein Sektor  ist so rasch gewachsen und in keinem anderen Sektor sind in den vergangenen 15 Jahren so viele neue Betriebe und Arbeitsplätze entstanden wie bei Banken, Versicherungen, Kanzleien, Logistik- und Transportbetrieben. Vor allem Teilzeitjobs und flexible Arbeitsplätze schossen in den 90er Jahren wie die Pilze aus dem Boden. Zwischen 1995 und 2006 sind über 820.000 Arbeitsplätze durch Sach- und Finanzdienstleistungen hinzugekommen. Das sind fast zehn Prozent aller Erwerbstätigen (8,3 Millionen).

Der Dienstleistungsbereich dominiert heute das wirtschaftliche Geschehen und trug 2006 fast 50 Prozent an der gesamten Bruttowertschöpfung bei: insgesamt 235 Milliarden Euro. Die wichtigsten Branchen sind die Banken, Versicherungen und juristische Dienstleister. Zusammengenommen betrug die Bruttowertschöpfung für diese Geschäftsbereiche 125 Milliarden Euro. Handel, Gaststätten und Reparaturbetriebe erwirtschafteten 66 Milliarden Euro.

Transport und Logistik

Wichtig für die niederländische Volkswirtschaft sind die Transport- und Logistikdienstleistungen, die 32 Mrd. Euro erwirtschafteten. In den vergangenen Jahren wuchs diese Branche zusammen mit der Telekommunikations- und Arbeitsvermittlungsbranche am stärksten. Längst sehen sich die Niederländer als „Distributeur Europas“. Und das nicht zu Unrecht. Denn in der Tat bilden die Niederlande mit dem Rotterdamer Hafen und dem Flughafen Schiphol eine wichtige Drehscheibe für den Umschlag von Waren und Gütern in Europa. Das Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS) schreibt der Logistikbranche 4,4 Prozent der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung zu. Sie umfasst damit lediglich alle Transportleistungen. Die Bruttowertschöpfung betrug im Jahr 2006 über 20 Milliarden Euro.

Aber Logistik ist noch mehr: Denn rund um den Rotterdamer Hafen und dem Amsterdamer Flughafen haben sich zahlreiche Verpackungsfirmen, Umschlagsbetriebe und Verwaltungen angesiedelt, die die Waren und Güter aus aller Welt weiterverarbeiten. Rechnet man ihre Wertschöpfung mit, so hat die Logistikbranche einen Anteil von 15 Prozent am Bruttoinlandsprodukt.

Traditionell sind die Niederlande stark im internationalen Handel. Bereits im 17. Jahrhundert war die Region um Amsterdam der größte Gütermarkt Europas. Von hier aus wurden Waren für die ganze Welt gehandelt. In gewisser Weise gilt dies heute wieder. In den beiden großen Mainports laufen die Güter aus aller Welt ein, um weiterverarbeitet, umgepackt, gehandelt und verschickt zu werden. Die Branche spricht von Value Added Logistics.

Die Wiederausfuhr von Waren ist seit 1995 in den Niederlanden um 200 Prozent gestiegen. Die wichtigsten Güter sind elektronische Geräte – Computer, Spielkonsolen etc. Das CBS schätzt, dass sie den Anstieg der Wiederausfuhr zu 45 Prozent erklären können.

Fast 73 Prozent aller Waren werden in Europa mit dem Lkw transportiert. Niederländische Unternehmen haben hier einen Anteil von fünf Prozent. Die meisten Güter werden von Rotterdam aus verladen. Der Güterumschlag im Rotterdamer Hafen wuchs zwischen 2000 und 2005 um 14,3 Prozent. Nach wie vor werden die meisten Seecontainer Europas in Rotterdam umgeschlagen.

Wachstumstreiber der Volkswirtschaft

Der Dienstleistungssektor ist der Wachstumstreiber der niederländischen Volkswirtschaft. Seit 1994 wächst das Geschäft mit den Dienstleistungen deutlich schneller als die industrielle Produktion oder die Landwirtschaft.  Im Jahr 2006 legte der Sektor um fünf Prozent zu. Möglich wurde dies durch flächendeckendes Outsourcing interner Dienste aus Unternehmen anderer Sektoren, zum Beispiel durch Callcenter. Teilweise entstanden auch neue Dienstleistungen. Vor allem die Anzahl der Einpersonenbetriebe, so genannte zzp-ers (zelfstandigen zonder personeel) stieg rasch. Insgesamt gab es 1993 356.000 Betriebe, die ihr Geld mit Dienstleistungen verdienten – zehn Jahre später waren es 443.000. Ein Zuwachs von fast 25 Prozent.

Erwerbstätige Dienstleistungen

Im Dienstleistungssektor arbeiten 6,6 Millionen Menschen, das sind zwei Drittel aller Erwerbstätigen. Vor allem in den 90er Jahren hat die Zahl der Arbeitsplätze stark zugenommen. In einzelnen Branchen wie der Arbeitsvermittlung waren in den Jahren 1995 und 1996 Wachstumsraten von 17 bis 20 Prozent zu verzeichnen. Durchschnittlich stieg in den Jahren 1990 bis 2006 die Zahl der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor um 2,3 Prozent. Das stärkste Wachstum vollzog sich in den kaufmännischen Dienstleistungen (Einzelhandel, Handel, Hotels und Restaurants, Finanzdienstleistungen, Dienstleistungen im gewerblichen Bereich, Kommunikation). Der Anteil der nicht kommerziellen Dienstleistungen (Dienstleistungen des Staates, karitative Organisationen etc.) ist ebenfalls gestiegen.

Allerdings macht das Beispiel der Arbeitsvermittlungsagenturen das Dilemma deutlich. Die meisten Arbeitsplätze sind durch Teilzeitjobs  und flexible Arbeitsplätze mit einem maximalen Arbeitsvertrag von einem Jahr entstanden. In der Branche der Finanz- und Sachdienstleistungen hat sich die Zahl der Teilzeitstellen von 1990 (413.000) bis 2006 (886.000) mehr als verdoppelt. Die Vollzeitstellen sind hingegen im gleichen Zeitraum „nur“ um ein Drittel gewachsen: von 590.000 auf 825.000.

Der Dienstleistungssektor hat vor allem Frauen auf den Arbeitsmarkt geführt. Fast die Hälfte aller erwerbstätigen Frauen sind im Gesundheitssektor, Erziehungs- und Bildungswesen, im Sozialwesen und im Einzelhandel tätig. Die Zahl der Frauen unter den Erwerbstätigen hat von 1990 bis 2006 um fast 1,2 Millionen zugenommen. Der Partizipationsgrad der Frauen ist von 15 Prozent (1970) auf 65 Prozent (2007) gestiegen. Frauen füllen vor allem Arbeitsplätze mit einer Stundenzahl von 20 bis 34 Stunden aus.

Arbeitsproduktivität

Die Vielzahl der kleinen Betriebe  und die vielen Teilzeitkräfte haben die Arbeitsproduktivität im Dienstleistungssektor gedrückt. Bei den Finanz- und Sachdienstleistungen „wuchs“ die Arbeitsproduktivität 2006 um minus 1,8 Prozent. Am produktivsten ist der Groß- und Einzelhandel (+ 5,2 Prozent) und die Transport- und Logistikbranche (+ 3,7 Prozent).

Als typische Dienstleistungsregion gilt die Randstad. Die Bruttowertschöpfung in den Provinzen Nord- und Südholland betrug 199 Milliarden Euro, das sind 48 Prozent aller Dienstleistungen. Im Westen des Landes befinden sich die Hauptniederlassungen der großen Banken und Versicherungen wie ABN-Amro, ING, Nationale Nederlanden, Arbeitsvermittler Randstad, der Telekomriese KPN, der Flughafen Amsterdam, Fluggesellschaft KLM, der Rotterdamer Hafen oder Supermarktgigant Ahold.

Im Jahr 2006 wuchs vor allem der Bankensektor mit 6 Prozent kräftig, dieses Wachstum erzielte er allerdings nicht organisch, sondern generierte dieses Ergebnis vor allem durch Zukäufe.
Im Jahr 2007 kam es auf dem niederländischen Bankensektor zu einem Fiasko. Die ABN Amro, die älteste Bank der Niederlande, wurde nach einem dramatischen Übernahmekampf von einem internationalen Bankenkonsortium übernommen. Überhaupt stand das Jahr im Zeichen von ausländischen Hedge Fonds, die sich auf die Jagd machten nach großen niederländischen Unternehmen: Ahold, ASML oder Stork wären zu nennen.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2009