II. Die wichtigsten sozioökonomischen Indikatoren

Die Wachstumszahlen für das Bruttosozialprodukt – gesamt und pro Kopf – weisen recht geringe Unterschiede zwischen beiden Ländern aus. Lediglich in den neunziger Jahren (Graphik 1; alle Graphiken befinden sich im Anhang ab Seite 164) stechen die Niederlande deutlich in positivem Sinne hervor, aber auch für die Niederlande gilt, daß damit die Wachstumszahlen der sechziger Jahre bei weitem nicht realisiert werden. Bei der Betrachtung der Pro-Kopf-Entwicklung des Bruttosozialprodukts im Vergleich zum europäischen Durchschnitt (Graphik 2) zeigt sich, daß Deutschland und die Niederlande von 1960 bis heute über dem europäischen Durchschnitt liegen. Die Position Deutschlands ist im gesamten Zeitraum – abgesehen von dem Trendeinbruch 1991 infolge der deutschen Wiedervereinigung – ziemlich konstant geblieben. Die Niederlande wuchsen hingegen in den siebziger und achtziger Jahren langsamer als der europäische Durchschnitt, zeigten aber in den neunziger Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung. Dieser war sogar so stark, daß die Niederlande in den letzten Jahren klar vor Deutschland liegen.

Auch bei einem Blick auf den Arbeitsmarkt läßt sich der Aufschwung in den Niederlanden in der letzten Periode deutlich ablesen. Zunächst verläuft die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in beiden Ländern (Graphik 3) ziemlich parallel, mit einer starken Absenkung in den fünfziger Jahren, einer geringen Arbeitslosigkeit in den sechziger Jahren und einer Zunahme ab 1973. Danach divergieren beide Länder: Die Folgen der beiden Rezessionen aus den siebziger Jahren und zu Beginn der achtziger Jahre sind in den Niederlanden viel ernster als in Deutschland. Nach 1983 sinkt jedoch die Arbeitslosenquote in den Niederlanden nahezu kontinuierlich. Gleichzeitig hält die Zunahme der Arbeitslosigkeit in Deutschland, vor allem nach der Wiedervereinigung, an. In den neunziger Jahren unterscheiden sich die Niederlande und Deutschland wieder erheblich voneinander, nun aber zum Nachteil Deutschlands. Vergleicht man die Zahlen für den Arbeitsanteil in Personen mit­einander (Graphik 4), dann zeigt sich, daß die Niederlande beinahe über den gesamten betrachteten Zeitraum hinweg erheblich niedriger als Deutschland liegen.[3] Dank einer enormen Aufholjagd nähern sich die Niederlande hier in den letzten Jahren Deutschland an.

Graphik 5 zeigt schließlich, daß die Staatsausgaben (als Prozentsatz des Bruttosozialprodukts) in beiden Ländern Anfang der siebziger Jahre rasch anstiegen, daß diese Steigerung jedoch in Deutschland ab 1975 zu einem abrupten Stillstand kam, während sie sich in den Niederlanden bis zum Beginn der achtziger Jahre unvermindert fortsetzte. Danach sta­bilisierte sich die Ausgabenquote auch dort. In den neunziger Jahren gelang es, in den Niederlanden eine substantielle Senkung zu erreichen, wodurch sich die Niederlande seit einigen Jahren unter dem deutschen Niveau befinden. Diese Senkung konnte vor allem durch geringere Ausgaben im Bereich der sozialen Sicherheit erreicht werden. Graphik 6 zeigt die Entwicklung des Finanzdefizits. Diese Defizite waren über eine lange Zeit in Deutschland erheblich kleiner als in den Niederlanden, aber auch hier haben die Niederlande in den letzten Jahren deutlich aufgeholt. So konnte Ende der neunziger Jahre sogar eine Überschußsituation realisiert werden, die jedoch mit der Rezession wieder verschwunden ist.[4]

Aus den verschiedenen Graphiken läßt sich – wie weiter oben bereits skizziert – eine Periodisierung ableiten, mit einer ersten Phase (1945–1973), in der beide Länder in sozioökonomischer Hinsicht mehr oder weniger gleichauf liegen, einer zweiten Phase (1973–1989), in der Deutschland zwar in wirtschaftlicher Hinsicht auch weniger gute Fahrt machte, in der jedoch die niederländische Wirtschaft in sehr große Probleme geriet, und mit einer dritten Phase (1989–2000), in der die niederländische Wirtschaft sich immer deutlicher konsolidierte und damit der deutschen Wirtschaft mit Blick auf fast alle Indikatoren den Rang ablief.


[3] Gerade bei diesem Indikator sind hinsichtlich der Ergebnisse je nach verwendeter Definition manchmal große Unterschiede zu verzeichnen. So werden in den Niederlanden und auch bei der OECD nur Menschen mit einer Arbeitsstelle von 12 Stunden oder mehr mitgerechnet. Daneben ist der Umfang der Teilzeitarbeit von Bedeutung. Angaben zu den Ergebnissen des Jahres 2002: EU-Arbeitspartizipation 76,3 für die Niederlande und 68,9 für Deutschland, Arbeitspartizipation nach OECD 67,2 für die Niederlande und 68,7 für Deutschland und schließlich – wiederum nach EU-Angaben – Arbeitspartizipation in Vollzeiteinheiten 59,6 für die Niederlande und 58,1 für Deutschland.
[4] Der Überschuß im Jahr 2000 wird durch die einmaligen Einkünfte infolge der Versteigerung der UMTS-Rechte verursacht.

Autor: Kees van Paridon
Erstellt: Februar 2007. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, der am 5. Februar 2003 am Zentrum für Nie­derlande-Studien gehalten wurde. Er wurde von Annegret Klinzmann, M.A. aus dem Niederländischen übersetzt.