Wirtschaftliche Position der Niederlande 1945 bis 2003


I. Einführung: Ein Wunder dauert niemals ewig

Das ‚niederländische Arbeitsmarktwunder‘ – es scheint schon wieder so lange her zu sein, daß im Ausland voller Bewunderung über die Leistungen der niederländischen Wirtschaft gesprochen wurde. Zahlreiche ausländische Delegationen, vor allem auch aus Deutschland, be­suchten die Niederlande, um mit eigenen Augen zu sehen, wie sich das niederländische Arbeitsplatzwunder vollzog und wobei es nun genau bei diesem ‚Poldermodell‘ ging. Zunächst konnten die Niederländer dieses Interesse nicht richtig einordnen, aber allmählich wurde auch ihnen klar, daß sich die niederländische Wirtschaft sehr stark entwickelte und daß besonders die Leistungen auf dem Arbeitsmarkt sich ganz klar positiv gegenüber denen vieler Nachbarländer abhoben. Die Wirtschaft wuchs kräftig, ständig kamen neue Arbeitsplätze hinzu, die Arbeitslosigkeit sank stark, und dank der deutlich steigenden Immobilienpreise und Aktienkurse wuchs die Kauflust der Niederländer noch weiter. Das Konsumenten- und Produzentenvertrauen war ausgezeichnet. Nach einiger Zeit entartete dies jedoch in Selbstüberschätzung. Nichts konnte mehr schiefgehen, so hatte es den Anschein. Aber es ging – wie uns die vergangenen Jahre lehrten – doch schief.

Zur gleichen Zeit, in den neunziger Jahren, geriet die deutsche Wirtschaft immer mehr in Probleme. Es stellte sich nicht nur heraus, daß sich der wirtschaftliche Aufschwung in den neuen Bundesländern viel schwieriger realisieren ließ, als es die anfänglichen Einschätzungen hatten vermuten lassen. Auch die Belastungen, die dies für den Staatshaushalt und die gesamte deutsche Wirtschaft mit sich brachte, erwiesen sich als viel höher als vorhergesehen. Dabei wurde immer deutlicher, daß die deutsche soziale Marktwirtschaft nicht mehr in ausreichendem Maße flexibel und sich selbst erneuernd war, um die Rahmenbedingungen für genügend Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen. So entwickelte sich die deutsche Wirtschaft, die bis dato mit ihrer Ordnung, ihren Institutionen und Leistungen für viele andere Länder ein Vorbild gewesen war, immer mehr zu einem Problemfall.

Als die Weltwirtschaft ab 2000 zu stocken begann und nach 2001 stark zurückfiel, wurden auch die Niederlande von einer harten und langanhaltenden Rezession getroffen. Das ‚holländische Wunder‘ war vorüber. Die niederländische und die deutsche Wirtschaft funktionierten in den vergangenen Jahren im europäischen Vergleich ähnlich schlecht. Das Wirt­schafts­wachs­tum ist sehr niedrig, Arbeitslosigkeit und Haushaltsdefizit steigen. Allerdings geschieht dies auf unterschiedlichen Ebenen. In Deutschland sind sowohl die Arbeitslosigkeit als auch das Haushaltsdefizit bedeutend höher. Darf daraus geschlossen werden, daß die niederländische Wirtschaft doch besser dasteht als die deutsche? Um diese Frage geht es in dem vorliegenden Aufsatz.

Es soll im folgenden ein Einblick in die Entwicklung der beiden Länder gegeben werden, in die von ihnen geführte Politik sowie in die Herausforderungen, Risiken und Chancen, mit denen die Wirtschaft beider Länder in der kommenden Zeit konfrontiert werden wird.

Die ökonomische Entwicklung der Niederlande und Deutschlands – ein Überblick[1]

Die ökonomische Entwicklung beider Länder seit 1945 läßt sich grob in drei Phasen einteilen. Die erste Phase, in der beide Länder ihre schwer angeschlagene Wirtschaft und Gesellschaft wieder in Ordnung bringen mußten, was ihnen auch vorzüglich gelang, dauerte von 1945 bis ca. 1970. In der zweiten Phase, von 1970 bis zum Beginn der neunziger Jahre, wurden beide Ökonomien von schweren Rezessionen getroffen. Dabei waren die Folgen für die Niederlande viel ernster als für Deutschland. Während die deutsche Wirtschaft in dieser Zeit den Krisen­er­scheinungen einigermaßen zu widerstehen schien, durchlebte die niederländische Wirtschaft eine recht dramatische Krise. Um die Wirtschaft wieder in Gang zu bekommen, waren einschneidende Maßnahmen notwendig. Um 1989 schien es allgemein, als stünde Deutschland wirtschaftlich bedeutend besser da. In der dritten Phase, von 1990 bis heute, zeigte sich jedoch, daß die deutsche Wirtschaft doch schwächer war, als man gedacht hatte, während die niederländische Wirtschaft eine unerwartet starke Erholung zeigte. Bevor die ökonomische Entwicklung in den verschiedenen Phasen ausführlicher beschrieben wird, soll zunächst der Verlauf einiger wichtiger sozioökonomischer Indikatoren graphisch wiedergegeben werden.[2]


[1] Übersichtsuntersuchungen zur ökonomischen Entwicklung beider Länder in der Nachkriegszeit bieten unter anderem J. Luiten van Zanden, Een klein land in de 20e eeuw. Economische geschiedenis van Nederland, Utrecht 1997; H. Giersch/K.-H. Paqué/H. Schmieding, The fading miracle. Four decades of market economy in Germany, Cambridge 1993.
[2] Die Angaben stammen von der OECD, Economic Outlook no 74, Paris 2003; Europäischen Kommission, Euro­pe­an Economy, Brüssel 2003 (Graphik 8).

Autor: Kees van Paridon
Erstellt: Februar 2007. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, der am 5. Februar 2003 am Zentrum für Nie­derlande-Studien gehalten wurde. Er wurde von Annegret Klinzmann, M.A. aus dem Niederländischen übersetzt.