XVI. Von der Finanz- zur Wirtschaftskrise

Trotz Finanzkrise ein gutes Leben: Hatten sich die Niederländer auf ihren Lorbeeren ausgeruht? 2009 schrumpfte das niederländische BIP um fast vier Prozent, weil die Exporte aufgrund der Weltwirtschaftskrise einbrachen. Die niederländische Regierung hoffte das Beste und verschlief notwendige Reformen – kritisierte zumindest Axel Gerberding, der damalige Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Handelskammer in Den Haag.[1] Die arbeitnehmerfreundlichen Gesetze zogen stetig ansteigende Lohnstückkosten nach sich: Von 2000 bis 2006 stiegen sie um 13 Prozent, dann um 23 Prozent bis 2010.[2] Mit der einbrechenden Nachfrage aus dem Süden Europas geriet die niederländische Wirtschaft langsam in Bedrängnis. Auch die Konsumfreudigkeit im ohnehin kleinen Binnenmarkt sank. Denn auch die niederländischen Bürgern legten ihr Geld plötzlich lieber auf die hohe Kante statt es auszugeben. Wie überall in Europa ließen die durch die Finanzkrise geschürten Ängste die Menschen vorsichtig bei ihren privaten Ausgaben werden. Zudem spürten die Niederländer die ersten Anzeichen, dass die Immobilienblase langsam platzte.

Die Immobilienblase platzt nach 20 Jahren

Zwischen Amsterdam und Maastricht waren die Immobilienpreisen den zwei Jahrzehnten zuvor durch die Decke geschossen. Mit freundlicher Unterstützung der Regierung: Hausbesitzer konnten ihre Hypothekenzinsen vollständig von der Steuer absetzen. Das kostete den Staat 16 Milliarden Euro jedes Jahr und regte die Bürger an, fleißig Schulden zu machen. Ausgerechnet die als sparsame Calvinisten geltenden Niederländer hatten sich so hoch verschuldet wie die Bürger keines anderen europäischen Landes – und das mit Immobilienkrediten. Wie die Amerikaner glaubten auch die Niederländer an stetig steigende Hauspreise. So kauften sie Wohnungen, Einfamilienhäuser, Villen. Im Gegensatz zu den Deutschen sind sie es gewohnt, oft schon als junge Menschen in Wohneigentum zu investieren. Lange Zeit bekamen sie die nötigen Bankkredite sehr leicht und oft fast ohne Sicherheiten: Da die Häuser stetig im Wert stiegen, war das kein Problem. Durch die Möglichkeit, die Hypothekenzinsen von der Steuer abzusetzen, war es ökonomisch sogar vernünftiger, die Kredite nur sehr, sehr langsam abzubezahlen. Nun aber fiel wie fast allen europäischen Ländern der Wert der Immobilien – wer sein Haus verkaufen wollte oder musste, konnte mit dem Erlös oft nicht einmal mehr den ursprünglichen Kredit abbezahlen.[3]

Entsprechend hielten sich die Niederländer beim Bauen plötzlich zurück. Bis 2012 sank die Zahl der Baugenehmigungen auf den niedrigsten Stand seit 1953. Das wirkte sich nicht nur auf das Baugewerbe aus, sondern zeigte Folgen für die gesamte Volkswirtschaft. Auch wer seinen Kredit noch bedienen konnte, fühlte sich ärmer in dem Wissen ein Haus abzubezahlen, das konstant an Wert verlor – und war weniger geneigt, Geld für andere Dinge auszugeben. Statt dessen wurden den Menschen ihre Schulden bewusst. Die Verschuldung der privaten Haushalte in den Niederlanden war 2010 mit 249 Prozent des Einkommens die höchste in der gesamten Eurozone. Zum Vergleich: In Großbritannien lag sie bei 149 Prozent, in Deutschland bei 90 Prozent.

Die Finanzkrise und der Krieg in Afghanistan

Und das bei den disziplinierten Holländern! Die Niederlande hatten in Brüssel – noch härter als die deutsche Regierung – rigorose Sparprogramme gefordert. Beim Sanieren des Haushalts schien sie anderen EU-Staaten voranzugehen, ohne den eigenen Sozialstaat auszuhöhlen. Wenn es um die Etat-Disziplin ging, traten die Niederlande in der EU stets kompromisslos auf. Der Schuldenmacherei wollten sie klar Paroli bieten – im Schulterschluss mit der deutschen Regierung unter Leitung von Bundeskanzlerin Merkel. Trotz der Krise stand die Regierung in Den Haag weiterhin klar zum Stabilitäts- und Wachstumsabkommen der Länder der Eurozone, der sogenannten Maastrichtnorm. Danach darf das staatliche Finanzierungsdefizit jährlich nicht mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen. Auch für Balkenende und Bos war abzusehen, dass alle 16 Länder der Eurozone das Versprechen in Zukunft nicht mehr einhalten konnten. Aber wie Deutschland traten auch die Niederlande dafür ein, die vereinbarten Kriterien weiterhin als Standard zu setzen und sie auch in Zukunft erfüllen zu wollen.

In dieser Situation scheiterte die niederländische Regierungskoalition endgültig. Das Bündnis aus CDA, PvdA und ChristenUnie zerbrach am Streit um dem Einsatz niederländischer Soldaten in Afghanistan. Die Sozialdemokraten forderten, der NATO-Anfrage nach einer Ausweitung des niederländischen Engagements in Afghanistan nicht nachzukommen. Der Hintergrund: Zu Beginn des Jahres hatte eine unabhängige Kommission ihre Untersuchungsergebnisse über die Rolle der Regierung bei dem Einsatz niederländischer Soldaten im Irak ab 2003 veröffentlicht. Danach war die gesetzliche Grundlage für den Kriegseinsatz nicht ausreichend; zudem wurde das Parlament unzureichend informiert. Die Sozialdemokraten hatten – damals als Oppositionspartei – gegen den militärischen Einsatz im Irak gestimmt. Als am 9. Februar durch die NATO-Anfrage bekannt wurde, dass niederländische Soldaten noch bis August 2011 in Afghanistan einheimische Sicherheitskräfte ausbilden sollten, kam es zum offenen Konflikt. Die PvdA forderte, an der Kabinettsentscheidung von 2007 festzuhalten, nach der 2010 alle Soldaten aus dem Afghanistaneinsatz heimkehren sollten. Nach 16-stündigen Gesprächen gab die Koalition ihr Scheitern bekannt.[4]


[1] Rahmann, Tim: Holland-Krise spitzt sich dramatisch zu, in: wirtschaftswoche.de vom 23. April 2012, Onlineversion.
[2] Rahmann, Tim: Holland hat genug vom Sparen, in: wirtschaftswoche.de vom 5. September 2012, Onlineversion.
[3] Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Niederlande: Die Immobilien-Blase platzt, in: deutsche-wirtschafts-nachrichten.de vom 31. Juli 2013, Onlineversion.
[4] Mäkelburg, Tim: Politik: Koalitionspartner PvdA verlässt die Regierung, in: NiederlandeNet vom 20. Februar 2010, Onlineversion.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt: Oktober 2014