VI. Das Poldermodell

Das niederländische Poldermodell ist als eine Metapher für verschiedene wirtschaftspolitische Maßnahmen sowie kulturelle und institutionelle landespezifische Eigenheiten zu verstehen. „Das Poldermodell ist kein konstruiertes Modell, sondern das Ergebnis eines historischen Entwicklungsprozesses“, so der Nimwegener Ökonom Lei Delsen. Schaut man auf die Inhalte der wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die die niederländischen Regierungen und Sozialpartner seit 1983 getroffen haben, ist das Erfolgsrezept im Wesentlichen der neoklassischen Theorie entnommen: Lohnzurückhaltung, Abbau von staatlichen Ausgaben, Deregulierung und die Kopplung des Gulden an die D-Mark. In diesem Sinne ist das Poldermodell weder typisch niederländisch noch rechtfertigt es, von einem „niederländischen Wunder“ zu sprechen.

Seine Berechtigung erfährt der Begriff Poldermodell erst durch die Kombination von Politik, Institutionen und kulturellen Eigenheiten. Die stete Bereitschaft der Sozialpartner (Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften), miteinander in Verhandlungen zu treten und sich um einen erfolgsorientierten Konsens zu bemühen, sind wesentliche Elemente des Modells. Diese „Verhandlungswirtschaft“ gründet neben den Kräften des Marktes und des Staates auf einem dritten entscheidenden Koordinationsmechanismus: Konsens und Konsultation. Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbände geben zusammen die Richtung der sozialwirtschaftlichen Politik vor und schließen einen Pakt, der sich, naiv ausgedrückt, folgendermaßen formulieren lässt: Die Arbeitnehmer sind gewillt, für einen nicht zu hohen Lohn produktiv zu arbeiten und erhalten dafür Vollbeschäftigung sowie hohe qualitative Lebensqualität für jeden. Nicht zuletzt müssen sie niedrigere Sozialversicherungsbeiträge bezahlen. Die Arbeitgeber sind gewillt, Personal einzustellen und gute Arbeitskonditionen zu bieten. Die Regierung übernimmt den Part des Moderators.

„Dutch miracle“

Ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang ist daher der „Korporatismus“. Hierunter sind die regelmäßigen Kontakte zwischen den zentralen und repräsentativen Organen der Arbeiternehmer, Arbeitgeber und des Staates zu verstehen, um wichtige Themen des Arbeits- und Steuerrechts, der Beschäftigungs- und Tarifpolitik sowie der Sozialversicherungen zu besprechen. Der Korporatismus hat in der niederländischen Gesellschaft tiefe Wurzeln und ist zurückzuführen auf eine Kombination des volkstypischen „Handelsgeistes“ und der christlich-sozialen Lehre des Calvinismus. „[...] die Niederländer neigen von Natur aus dazu, eine bestimmte Einstellung eines Verhandlungspartners als Ausgangspunkt für Besprechungen und Verhandlungen zu betrachten und nicht als ein endgültiges Angebot, über das nicht mehr gesprochen werden kann. [...] Der Einfluss der christlich-sozialen Lehre unterstreicht die gesellschaftliche Verantwortung des einzelnen in der Rolle als Unternehmer und Arbeitnehmer [...]“, so der deutsche Politikwissenschaftler Frank van Empel.

Die Bereitschaft der konkurrierenden Organisationen zu erfolgsorientierten Verhandlungen ist in den Niederlanden in vielen Organen institutionalisiert. Zu nennen wäre hier die bereits erwähnte Stichting van de Arbeid, jenes zentrale Organ, in welchem die Sozialpartner und die Regierung um einen Konsens ringen, sowie der Sociaal Economische Raad (SER) , in dem nicht nur die Sozialpartner verhandeln, sondern auch Mitglieder der Nederlandsche Bank sowie Vertreter (nl. Kroonleden) des Centraal Planbureau (CPB) . Der SER hat die Aufgabe, Verständigung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern über alle Aspekte der sozioökonomischen Entwicklungen der Niederlande einschließlich des Lohnspielraums herbeizuführen. Alle Organisationen sind unmittelbar nach dem Krieg gegründet worden und zeichnen sich durch ein hohes Maß an Kontinuität aus. Diese Bereitschaft zur steten Kooperation gilt für den niederländischen Soziologen Jelle Visser als das eigentliche „Dutch miracle“ und ist wohl das wesentliche Merkmal des Poldermodells.

Ob allerdings die „Konsensgesellschaft“, wie immer wieder gerne betont wird, wirklich das wesentliche Merkmal ist, wird von einigen Autoren angezweifelt. Der Historiker Maarten van Rossem ruft ins Gedächtnis, dass schwere Konflikte zwischen Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbänden bis 1994 immer wieder vorherrschend waren. Zudem bezweifelt er, dass der Korporatismus in den Niederlanden tief verwurzelt sei. Er sagt: „Wenn dem so ist, erklärt dies alles und nichts. Als nationale Konstante wäre unser Bedürfnis nach Konsens und Kompromiss sowohl für das Goldene 17. Jahrhundert als auch für die Rezession des 19. Jahrhunderts und die tiefe Krise der frühen 1980er Jahre des 20. Jahrhunderts verantwortlich.“


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2008