XI. Auswirkungen der Krise auf die deutsch-niederländischen Wirtschaftsbeziehungen

Interview mit Axel Gerberding, Direktor der Deutsch-Niederländischen Handelskammer (DNHK) in Den Haag.

Hetzel: Herr Gerberding, die Wirtschaftskrise dauert an. Wie wirkt sie sich auf die deutsch-niederländischen Wirtschaftsbeziehungen aus?
Gerberding: Beide Länder sind durch die Krise wirtschaftlich natürlich stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Rückgang des Bruttoinlandsproduktes, welches im ersten Quartal 2009 in beiden Ländern eine Größenordnung von 5 Prozent gegenüber dem ersten Vorjahresquartal hatte, setzte sich kaum abgeschwächt im zweiten Quartal fort.

Die deutsche Industrie leidet auf dem niederländischen Markt aktuell unter einem stark rückläufigem Absatz von Investitionsgütern, vor allem Maschinen und Anlagen sowie Fahrzeugen. Die Niederlande als wichtigste europäische Logistik-Nation erleben einen bisher nie gekannten Einbruch im gesamten Transportgewerbe. Insbesondere der Hinterlandverkehr der großen Häfen – vor allem Rotterdam mit seiner Ausrichtung auf Deutschland – ist deutlich zurückgegangen.

Auf der anderen Seite gibt es kaum zwei Volkswirtschaften, die in ähnlicher Weise wirtschaftlich eng verbunden sind. Allein der Warenaustausch liegt bei einer Größenordnung von jährlich 140 Mrd. Euro. Hinzu kommen grenzüberschreitende Dienstleistungen im zweistelligen Milliardenbereich. Das bedeutet, wir sprechen über eine „Substanz“ an Verflechtung, aus der sich beständig neue Chancen der Zusammenarbeit entwickeln.

Als Deutsch-Niederländische Handelskammer, die ihr Klientel vor allem im Bereich mittelständischer Unternehmen findet, merken wir dieses täglich: Anfragen und Markterkundungen mit erheblichem innovativen Potential nehmen momentan sogar noch zu. Gerade aus der nahen Nachbarschaft ergibt sich für viele Unternehmen das Bestreben, neue grenzüberschreitende Ansätze auszuloten. Insbesondere – darauf weist zum Beispiel die Rabobank hin – ergeben sich interessante Möglichkeiten für Kooperationen und Synergien zwischen stärker produktionsorientierten deutschen und eher dienstleistungsstarken niederländischen Betrieben. Im Vordergrund stehen Distribution, Supply-Chain-Management etc.

Kurz gesagt, es gibt düstere Schatten aber durchaus erfreulich viele zukunftsreiche „Leuchttürme“.

Hetzel: Lässt sich das in Zahlen – etwa den Import-Exportzahlen – konkret darstellen?
Gerberding: Die alleinige Betrachtung der Außenhandelszahlen bildet diese skizzierten Entwicklungen zu einseitig negativ ab.

Im ersten Quartal 2009, so das niederländische Statistikamt CBS, waren die deutschen Lieferungen in die Niederlande um 15,4 Prozent, die deutschen Bezüge sogar um 18,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal rückläufig. Interessant hierbei ist jedoch, dass das Volumen der gesamten niederländischen Importe im ersten Quartal 2009 um 19,4 Prozent und das der Gesamtexporte sogar um 19,8 Prozent fiel. Auch hier zeigt sich meines Erachtens, wie eng unsere beiden Länder wirtschaftlich verzahnt sind. Das Außenhandelsvolumen mit Deutschland sinkt weniger stark als der Gesamthandel.

Das zentrale Planbüro CPB kommt hinsichtlich der niederländischen Exporte und Importe für das gesamte Jahr 2009 zu einer Prognose von -16,3 bzw. -14,0 Prozent. Das deutet auf eine gewisse Abschwächung des Abwärtstrends hin, von der auch der deutsch-niederländische Warenaustausch profitieren dürfte.

Besondere Akzente sehen wir bei pharmazeutischen Produkten, in der Nahrungsmittelwirtschaft, bei erneuerbaren Energien und dem Thema Energieeffizienz sowie bei Folgewirkungen der Konjunkturprogramme im Bereich Bauen und Infrastruktur.

Hetzel: Wie ist Ihrer Meinung nach momentan die Stimmung bei den deutschen und den niederländischen Unternehmen?
Gerberding: Die Stimmung ist uneinheitlich. Niederländische Unternehmen, die vor allem als Zulieferer mit der deutschen Automobil- und Investionsgüterindustrie verbunden sind, haben eine harte Zeit. Das gleiche gilt für die deutsche Automobilindustrie, die auf dem niederländischen Markt mit einem Nachfragerückgang um die 20 Prozent zu kämpfen hat und natürlich für den Maschinen- und Anlagenbau.

Auf der anderen Seite steht zum einen der Konsumgüterbereich, der in beiden Ländern bisher noch keine drastischen Rückschläge erlebt. Hier wirkt auch eine stark sinkende Inflationsrate segensreich, weil Nachfrage fördernd.

Wie bereits erwähnt gibt es daneben in einer Vielzahl von Sektoren und gerade aus dem Mittelstand heraus innovative Initiativen über die Grenze hinweg.

Hetzel: Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement in Deutschland und in den Niederlanden?
Gerberding: Insgesamt gut, denn zu beachten ist zunächst, dass beide Regierungen mit einer Krise dieses Umfanges noch niemals konfrontiert waren. Es handelt sich also quasi um eine Uraufführung ohne vorherige Proben.

Beide Länder sind als führende Handelsnationen dem Niedergang des Welthandels seit dem Herbst 2008 natürlich besonders stark ausgesetzt. Das hebt den politischen Handlungsbedarf hervor.

Im Krisenmanagement kommen dann aber doch die durchaus bestehenden ordnungspolitischen Grundorientierungen zum Ausdruck.

In den Niederlanden steht – mehr als in Deutschland – eine wirtschaftsliberale Grundhaltung im Vordergrund. Man setzt stark auf den traditionellen „Handelsgeist“ der Gesellschaft und erwartet von den Unternehmen Kreativität, Innovation und individuelle Problemlösungen. Entsprechend weniger voluminös fallen Konjunkturprogramme aus. Bis 2011 wird die Regierung bei einem Staatshaushalt von 180 Mrd. Euro „lediglich“ 6 Mrd. Euro zusätzlich konjunkturwirksam bereitstellen.

Deutschland setzt demgegenüber sehr viel stärker auf staatliche Interventionen. Die Neuverschuldung steigt in nie gekannte Höhen. Für 2010 wird die Neuverschuldung des Bundes bei 86 Mrd. Euro liegen.

Hetzel: Wer wird die Krise Ihrer Meinung nach besser meistern – die Deutschen oder die Niederländer?
Gerberding: Ich tippe auf die Niederländer.

Hetzel: Warum?
Gerberding: Zum einen war die wirtschaftspolitische Ausgangslage in den Niederlanden besser als in Deutschland, was die öffentliche Verschuldung, den Staatshaushalt und die sozialen Systeme betrifft.

Dann ist ein konsensuales Verhalten in schwierigen Situationen in den Niederlanden ungleich deutlicher ausgebildet als in Deutschland. Motto: „Wenn das Wasser steigt müssen alle eine Schaufel nehmen und nicht erst lange diskutieren!“

Weiterhin ist das gesamte sozioökonomische System der Niederlande stärker als in Deutschland auf Eigeninitiative und Selbstverantwortung aufgebaut, während in Deutschland der Ruf nach staatlicher Regulierung gerade in Krisenzeiten besonders laut ist (Beispiel Opel).

Schließlich herrscht in den Niederlanden mehr als in Deutschland eine Mentalität vor, sich mit Neuem positiv auseinanderzusetzen, Risiko als Chance zu begreifen und sich gegebenenfalls auch einer neuen Situation flexibel anzupassen.

Hetzel: Wie schätzen Sie die weltwirtschaftliche Lage insgesamt ein? Gibt es Licht am Ende des Tunnels?
Gerberding: Leider kann ich nicht aus der Kristallkugel lesen. Die Meldungen sind sehr widersprüchlich und ich wage keine Prognose, ob die Krise nun die Form eines „U“, eines „V“ oder einer „Badewanne“ (steil rein und dann langer Boden) hat.

War der gestiegene Autoabsatz in Folge der deutschen „Abwrackprämie“ nur ein Strohfeuer? Weist die Zunahme der Bautätigkeit in den USA auf ein nahendes Ende der Immobilienkrise? Wird die Arbeitslosigkeit in Europa der negativen Entwicklung in den USA folgen? Wie wird sich die Kreditvergabe der Banken entwickeln? Wohin geht das Konsumentenvertrauen? Ich habe keine Antwort!

Aber ich bin Optimist und hoffe zuversichtlich, dass wir ab 2010 eine zumindest leichte Erholung der Weltwirtschaft erleben werden. Schlussendlich wird sich vieles verändert haben. Wir wissen also noch nicht, wo wir aus dem Tunnel herauskommen werden. Aber ein „Lichtlein“ ist doch schon sichtbar.

Hetzel: Vielen Dank für das Gespräch.

Autor: Helmut Hetzel
Erstellt:
Juli 2009