VII. Wellinks Spinnen-Theorie

Gespräch mit dem niederländischen Zentralbankpräsidenten Nout Wellink
Die nun schon über ein Jahr andauernde internationale Finanzmarktkrise, die inzwischen auch in eine tiefe Rezession mündete, ist noch lange nicht ausgestanden – geschweige denn zu Ende. Und sie wird noch teurer. „Sie kann bis zu zwei Billionen Euro kosten.“ Das prognostizierte der Zentralbankpräsident der Niederlande Nout Wellink bereits Ende 2008. Er hatte recht. Aber es wird noch teurer.

Denn damals waren erst 500 Milliarden Euro von den Finanzinstituten abgeschrieben worden. Inzwischen sind es schon rund zwei Billionen, wie Wellink vorhersagte. Es dürften nach den aktuellen Schätzungen aber bis zu vier Billionen Euro werden, die in Folge der Finanzmarktkrise in Rauch aufgehen. Eine gigantische Geldvernichtung.

Denn diese Krise ist anders als andere Krisen. „Sie dauert länger als gedacht, und sie ist tiefer als zunächst angenommen“, sagt Nout Wellink, Präsident der Niederländischen Zentralbank (DNB) und Mitglied des Vorstandes der Europäischen Zentralbank EZB in Frankfurt am Main.

Wir werden auch diese Krise überstehen

Wellink, der am 1. Juni 1997 die Nachfolge des inzwischen verstorbenen ehemaligen DNB- und EZB-Präsidenten Wim Duisenberg an der Spitze der DNB antrat, verkneift es sich aber, eine Prognose dazu abzugeben, wie lange die Finanzkrise noch dauern werde. „Ein Ende ist jedenfalls noch nicht in Sicht. Das gilt auch für die Immobilien- und Hypothekenkrise in den USA, die alles ausgelöst hat. Die Erfahrung lehrt aber, dass solche Krisen meist zwei bis drei Jahre dauern können“, stellt der 65jährige Wellink fest. Man solle angesichts der jetzigen Krise jedoch nicht zu pessimistisch aber auch nicht zu optimistisch sein. „Wir werden aber auch diese Krise überstehen, weil sich die Finanzinstitute an die neuen Verhältnisse anpassen müssen und werden.“

Der Anpassungsprozess sei bereits in vollem Gange, meint der niederländische Notenbankchef. Mit Blick auf die Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank in Deutschland, hält Wellink weiter fest: „Das ist wohl der Auftakt zu einer neuen Konsolidierungsrunde in der europäischen Bankenlandschaft. Deutschland hat in dieser Hinsicht noch einen Nachholbedarf. Sobald sich die Finanzmarktkrise abschwächt, werden wir wohl weitere Übernahmen und Fusionen im Bankensektor sehen.“

Noch eine andere Sorge aber treibt den niederländischen Zentralbankchef um. Es ist die steigende Inflation, die sich nach dem Öffnen der Geldschleusen insbesondere in den USA in den kommenden Jahren manifestieren könnte, warnt Wellink.

„Wir müssen aber auch sehen, dass wir in einer anderen, in einer neuen Welt leben. Seit China und Indien mit ihren zusammen rund 2,3 Milliarden Einwohnern aktiv den Weltmarkt betreten haben, hat sich alles grundlegend verändert. Nichts ist mehr so, wie es einmal war.“

Dann holt Wellink, der 1975 an der renommierten Rotterdamer Erasmus-Universität über „Einkommenselastizität im niederländischen Steuersystem“ promovierte, nochmals zu einer Erklärung über das Entstehen der heutigen internationalen Finanzmarktkrise aus.

Selbstkritisch stellt er fest: „Vielleicht haben auch wir Zentralbanker versagt. Vielleicht haben wir zu spät und nicht laut genug gewarnt und zu spät eingegriffen. Große Sorge bereitet Wellink, dass die Finanzmarktkrise nun auch auf die reale Ökonomie übergegriffen hat die jetzige Weltwirtschaftskrise auslöste.

Die alten Rechenmodelle funktionieren nicht mehr

Nach Meinung des niederländischen Notenbankchefs „ist alles an den Märkten sehr komplex geworden. Durch die globalisierten Märkte, den rasanten und blitzschnellen elektronischen Datenaustausch und die immer neuen Produkte, insbesondere im Bereich der Derivate, sind die Märkte nicht mehr so überschaubar und berechenbar wie früher.“ Wellink weiter: „Früher hatten wir unsere Modelle und Modellberechnungen, die mehr oder weniger gut zukünftige Marktentwicklungen zumindest einigermaßen zutreffend prognostizieren konnten. Damit ist es jetzt aber endgültig vorbei. Wir müssen jetzt permanent ein riesiges globales Netzwerk beobachten und analysieren, ohne genau zu wissen, was gerade darin vorgeht. Es ist, als ob wir vom Schreibtisch aus auf eine Spinne mit ihrem Netzwerk starren und darauf warten müssen, in welche Richtung sie sich bewegen wird. Geht sie nach links oder geht sie nach rechts. Erst dann können wir auf die Bewegung der Spinne reagieren.“


Autor: Helmut Hetzel
Erstellt:
Juli 2009