VIII. Große Shell-Reorganisation: Peter Voser kommt als Reaktion auf die Krise

Noch bevor Peter Voser am 1. Juli die Führung des niederländisch-britischen Ölkonzerns Royal Dutch Shell übernahm, drückte der Schweizer Manager dem Unternehmen bereits seinen Stempel auf. Voser, der die Nachfolge des Niederländers Jeroen van der Veer an der Spitze des Ölmultis antritt und bisher Finanzvorstand war, kündigte eine drastische Reorganisation an. Sie bringt auch eine ganze Reihe von personellen Veränderungen mit sich. Unter anderem die, dass die bisherige Chefin des Sektors Gas & Power, Linda Cook zum 1. Juni aus dem Shell-Vorstand vorzeitig ausscheiden wird. Denn der Unternehmensbereich, den sie seit 1994 leitete, wird anderen Sektoren der Shell-Gruppe zugeschlagen.

Konkret sieht die große von Voser eingeleitete Neustrukturierung der Shell-Gruppe folgendes vor:
Der Unternehmensbereich Gas & Power, den Linda Cook leitete, wird mit dem anderen großen Kernbereich, der Sparte Ölförderung (Upstream) und Ölsande zusammen gelegt aber auch gleichzeitig geografisch getrennt. Es wird künftig einen Upstream-Sektor für den gesamten amerikanischen Kontinent gegeben. Alle übrigen Upstream- sowie Gas und Power-Aktivitäten in der restlichen Welt werden unter Upstream International zusammengefasst. Das amerikanische Öl- und Gasgeschäft wird künftig von dem Amerikaner Marvin Odum geleitet. Der Brite Malcom Brinded (55) ist für die internationale Öl- und Gasgewinnung (Upstream International) zuständig. Der Cambridge-Absolvent Brinded leitete seit vier Jahren die wichtigste Shell-Sparte Ölförderung und -Suche (Upstream). Er wird nun nicht mehr für die Ölförderung und Gewinnung auf dem amerikanischen Kontinent zuständig sein, wo Shell insbesondere in Kanada über riesige Ölsandvorkommen disponieren kann.

Außerdem wird ein neuer Sektor namens „Projects and Technology“ kreiert. Dieser soll alle neuen Upstream- und die Entwicklung aller neuen Downstream-Aktivitäten (Öl-, Gas-, Benzin, Service) beinhalten. Er wird künftig von dem Schweizer Matthias Bichsel geleitet. Neuer Finanzvorstand und Nachfolger von Peter Voser in der Funktion als CFO wird der Brite Simon Henry. Die Ölverarbeitung und den Transport (Downstream) leitet künftig der Amerikaner Mark Williams.

Royal Dutch Shell nicht mehr unter niederländischer Führung

Noch ein dritter Schweizer steigt in der Oberliga des Shell-Managements auf. Es ist Beat Hess, der Verwaltungsdirektor wird. Mit dem neuen Vorstandschef Peter Voser sowie den Top-Managern Matthias Bichsel und Beat Hess wird das Shell-Management künftig sehr stark von eidgenössischen Manager geprägt sein. Ein vierter Schweizer, nämlich Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann, sitzt ferner im Shell-Verwaltungsrat.

„Shell bekommt eine schweizerisch-angelsächsische Führung“, scherzt ein Shell-Manager. Denn erstmals in der mehr als 100jährigen Geschichte des Ölmultis wird nach dem 1. Juli kein Niederländer mehr im Shell-Vorstand vertreten sein. Der bisherige Shell-Vorstandsvorsitzende Jeroen van der Veer wechselt jedoch in den Verwaltungsrat.

Ziel der umfangreichen personellen und strukturellen Reform des Ölmultis Shell ist es, Kosten zu sparen und die Entscheidungsprozesse zu optimieren, „um den Öltanker wendiger zu machen“, wie es ein Shell-Manager im Gespräch mit der Schweizer Wirtschaftszeitung Finanz und Wirtschaft formuliert. „Es finden wichtige Einschnitte statt, die aber notwendig sind, um die Kosten zu senken, konkurrenzfähig zu bleiben und die Verantwortlichkeiten im Management transparenter zu machen.“

Es ist jedoch noch undeutlich, welche konkreten Effekte die große Reorganisation des Peter Voser haben wird. Das gilt sowohl für das daraus resultierende Kostensenkungspotenzial als auch für einen möglichen Stellenabbau.

Es lässt sich aber absehen, dass durch die Zusammenlegung des Upstream-Sektors mit der Sparte Gas & Power ein Teil des mittleren Managements voraussichtlich überflüssig wird. Auch am Hauptsitz des Ölmultis in Den Haag, wo rund 2.000 Menschen arbeiten, dürfte die Organisationsstruktur gestrafft und damit Personal abgebaut werden. Dort kursieren Spekulationen darüber, dass von der umfangreichen Reorganisation etwa ein Viertel der insgesamt 102.000 Mitarbeiter, die weltweit für Shell arbeiten, betroffen sein könnten. Das wird offiziell aber nicht bestätigt.

Der designierte neue Shell-Chef Voser wandte sich daher persönlich in einem Brief an alle Mitarbeiter und erklärte die seiner Meinung nach notwendigen und unvermeidlichen Eingriffe in die Konzernstrukturen. Sie seien unter anderem deshalb notwendig, weil sich der Ölpreis binnen Jahresfrist von 147 Dollar auf derzeit rund 60 Dollar je Fass von 159 Litern fast halbiert hat, die Kosten für die Ölförderung aber nicht im gleichen Maße gefallen seien. Um die Profitabilität zu verbessern und gleichzeitig das umfangreiche Investitionsprogramm mit einem Volumen von 30 Mrd. Dollar für dieses Jahr ausführen zu können, müssten die Kosten drastisch gesenkt werden.

„Voser will die Konzern-Kultur verändern, das Unternehmen schlanker und so noch gewinnbringender machen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung“, meint Alexandre Weinberg, Analyst des Effektenhauses Petercam. Er, aber auch andere Analysten, begrüßen die Neuausrichtung der Shell-Gruppe, die Voser einleitet. Sie schätzen, dass diese Kosteneinsparungen „in dreifacher Millionenhöhe bringen könnte.“


Autor: Helmut Hetzel
Erstellt:
Juli 2009