IV. Betroffene Sektoren in Deutschland und den Niederlanden

Die Folgen der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 sind in den einzelnen Ländern der Welt sehr unterschiedlich. Je nachdem wie deren ökonomische Struktur beschaffen ist, werden sie vom Abwärtstrend des Wirtschaftsgeschehens völlig anders tangiert. Das gilt auch für die Niederlande und Deutschland. Während in der Industrienation Deutschland schnell nach einem Rettungsanker für die so wichtige Automobilindustrie gesucht wurde, waren in der Handels- und Dienstleistungsnation Niederlande die Krisenmanager aus Politik und Wirtschaft hauptsächlich mit der Eindämmung der Finanzkrise und deren Auswirkungen für den hoch entwickelten finanziellen Sektor der Niederlande beschäftigt. Aber auch in den Niederlanden gab es Ausnahmen von der Regel.

Als nämlich die Abwrackprämie in Deutschland einen Nachfrageschub nach Neuwagen auslöste und immer mehr Deutsche von der staatlichen Subvention Gebrauch machen wollten, zog auch die Haager Regierung nach und startete ein ähnliches Konjunkturprogramm zum Autoneukauf und der Verschrottung alter Modelle. Und das, obwohl die Niederlande im Gegensatz zu Deutschland gar keine eigene große Automobilindustrie mehr hat. Die niederländische Variante der Abwrackprämie diente wohl eher dazu, die Binnenkonjunktur zu stimulieren und den Konsumenten Mut zu machen.

Unter der aktuellen Krise litten und leiden in den Niederlanden und Deutschland auch und vor allem die Finanzinstitute wie Banken und Versicherungen. Daneben gibt es aber große branchenspezifische Unterschiede. Während in den Niederlanden der Agrarsektor und hier insbesondere auch die Blumenbranche – man denke an die weltberühmten Tulpen aus Amsterdam – hart getroffen wird, ist in Deutschland vor allem das Herzstück der deutschen Industrie, der Maschinenbau von der Krise betroffen. Noch härter als in Deutschland scheint es in den Niederlanden auch die Braubranche zu erwischen. Es gibt erste Prognosen, die davon ausgehen, dass in den Niederlanden nach der Sommerpause im Bausektor bis zu 100.000 Menschen ihren Job verlieren können. Die großen niederländischen Baukonzerne wie BAM oder Heijmans sind davon besonders betroffen. Heijmans musste im Juli eine Kapitalerhöhung durchführen, um sich refinanzieren zu können. Bei der BAM, die in Deutschland mit ihrer Tochter Wyss & Freytag vertreten ist, schmelzen die Gewinne wie Eis in der Augustsonne.

In der chemischen Industrie, wo die Niederlande mit Akzo Nobel, dem weltweit größten Hersteller für Farben und Lacke sowie dem Feinchemie- und Biotechnologiekonzern DSM, der als weltweit größter Hersteller von Vitaminen gilt, zwei Großunternehmen beherbergen, sind die Auswirkungen der Krise ebenfalls spürbar. Akzo Nobel kann wegen der Krise weniger Farben und Lacke an die deutsche Automobilindustrie liefern. DSM liefert weniger von seinen Hochleistungsmaterialien wie etwa der superstarken Kunstfaser Dyneema nach Deutschland und in die USA. Dyneema wird ebenfalls in der Automobilindustrie eingesetzt. BWM beispielsweise benutzt die DSM-Hochleistungsfaser zur Panzerung seiner Luxuslimousinen. In den USA, wo DSM seine Dyneema-Faser produziert, findet diese hauptsächlich auch Anwendung bei der Herstellung von kugelsichern Westen für Armee und Polizei.

Im Hightech-Sektor, in dem sich beispielsweise Siemens in Deutschland bisher recht gut durch die Krise manövrieren kann, werden in den Niederlanden vor allem der Elektronkonzern Philips und der Ausrüster für die Halbleiterindustrie ASML von der Krise schwer gebeutelt. Beide bauen viele Stellen ab – Philips bis zu 12.000 weltweit. ASML, das seinen Hauptsitz in Eindhoven hat und einst Teil des Philips-Konzerns war, musste rund 1.000 Stellen streichen. Doch ASML sieht schon wieder Licht am Ende des Tunnels.

Betriebe sehen Licht am Ende des Tunnels

Der weltgrößte Ausrüster für die Halbleiterindustrie verbuchte nämlichen einen wachsenden Auftragseingang im zweiten Quartal 2009. ASML, die fotolithografische Systeme für die Chipindustrie herstellt, mit denen die Halbleiter produziert werden, konnte im zurückliegenden zweiten Quartal 2009 fünfzehn neue Systeme mit einem Auftragsvolumen von 394 Mio. Euro verkaufen. Dies sind fast doppelt so viele wie im ersten Quartal 2009, was sich in den Büchern aber erst im dritten und vierten Quartal 2009 positiv niederschlagen dürfte. ASML-Finanzvorstand Peter Wennink rechnet nun sogar damit, dass die ASML, zu deren wichtigsten Kunden die großen Chiphersteller wie Intel oder Motorola gehören, Ende des Jahres aus der Verlustzone sein wird und dass ASML schon im dritten Quartal ein Umsatzvolumen von 450 Mio. Euro erreichen kann. Das hieße, dass dann die Gewinnschwelle erreicht wird und danach wieder schwarze Zahlen geschrieben werden können. ASML geht davon aus, dass sich die Bruttoumsatzrendite aufgrund der wachsenden Bestellungen im dritten Quartal auf 30 Prozent mehr als verdoppeln wird. Mit einem Marktanteil von 55 Prozent ist die ASML der unbestrittene Marktführer in der Branche.

Im zurückliegenden zweiten Quartal 2009 allerdings litt die ASML noch unter der schweren Rezession. Mit geringen Umsätzen von nur 277 Mio. Euro wurde ein Nettoverlust von 104 Mio. Euro gebucht. Doch sowohl der Umsatzrückgang wie der Verlust fielen weniger schlimm aus als am Markt erwartet. Daher reagierten die Anleger positiv auf das ASML-Zwischenergebnis. „Das Zwischenergebnis ist wesentlich besser als befürchtet und vor allem die Prognose für die zweite Jahreshälfte ist ermutigend“, stellt Rob van Hout, Analyst der Amsterdamer Effektenbank Keijser Capital fest.

Der verhalten positive Ausblick der ASML für das zweite Halbjahr ist deshalb ein Lichtblick, weil die Halbleiterindustrie als besonders zyklisch und konjunkturanfällig gilt. Wenn die Chipproduzenten nun aber wieder mehr neue Maschinen für die Halbleiterherstellung bei ASML bestellen, dann heißt dass, dass die Nachfrage nach den kleinen integrierten Schaltkreisen, die hauptsächlich in der Computer- und Telekommunikations-Industrie eingesetzt werden, wieder anzieht. Das ist ein positives Zeichen für die Konjunkturentwicklung in der Welt insgesamt. Außer ASML haben nun auch Philips und der Navigationsgerätehersteller Tom Tom wesentlich bessere Zwischenresultate für das zweite Quartal 2009 vorgelegt. Auch das deutet darauf hin, dass der Boden im Konjunkturtal erreicht ist und das Schlimmste hinter uns zu liegen scheint.



Autor: Helmut Hetzel
Erstellt:
Juli 2009