V. Das Fortis-Drama erschütterte die Benelux-Region und ganz Europa

Überheblichkeit kommt vor dem Fall. Dieser Satz trifft wie kein anderer auf das Schicksal des Finanzinstituts Fortis zu. Fortis, einst ein kompliziertes Finanzkonglomerat mit den Hauptmärkten in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg und eines der größten Banken- und Versicherungskonzerne in Europa und der Welt, das vor der Krise noch einen Börsenwert von rund 50 Milliarden Euro hatte, hatte sich übernommen. Denn die Finanzmarktkrise wurde dem Finanzinstitut zum Verhängnis. Übernommen hat sich Fortis mit der Akquisition der niederländischen ABM AMRO-Bank, die gemeinsam mit der spanischen Bank Santander und der Royal Bank of Scotland betrieben wurde. Das Bankentrio zahlte vor Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 für die ABN AMRO sage und schreibe 71 Milliarden Euro. Rund 24 Mrd. Euro des Kaufpreises entfielen auf Fortis. Dafür sollte das Benelux-Institut alle ABN AMRO-Aktivitäten in den drei Benelux-Ländern sowie die gesamte weltweite Vermögensverwaltung und das Private Banking der ABN AMRO erhalten. Der Deal war eigentlich schon rund als die Finanzmarktkrise Anfang 2008 an den internationalen Märkten und den Börsen richtig spürbar wurde – auch für Fortis. Denn Fortis bekam dadurch Probleme, sich zu refinanzieren und das Geld – jene 24 Mrd. Euro, die für die ABM AMRO-Bank fällig waren – aufzutreiben. Nach einer hektisch durchgeführten Kapitalerhöhung fehlten Fortis Mitte 2008 rund 5 Mrd. Euro in der Kasse, um die Kaufsumme für die niederländische Großbank begleichen zu können.

Ab diesem Punkt ging es für Fortis sodann steil bergab. Am Wochenende des 3. bis 6. Oktober 2008 kam der Knock-out für Fortis. Die niederländische, die belgische und die luxemburgische Regierung verstaatlichten den Fortis-Konzern, da der zahlungsunfähig zu werden drohte.

Der Haager Finanzminister Wouter Bos schlug dabei besonders hart zu und nutzte die Chance, die sich ihm bot. Er holte sich die ABM AMRO-Bank zurück und kaufte zum Preis von 16,8 Mrd. Euro außer ihr auch noch die Fortis Bank Niederlande und die Fortis Versicherungen Niederlande von der belgischen Fortis Holding.

Neue niederländische Großbank soll entstehen

Nun soll es sein Vorgänger Gerrit Zalm richten. Der Ex-Finanzminister Zalm wurde zum neuen Chef der ABM AMRO-Bank bestellt, die sich seit Oktober 2008 zu 100 Prozent in der Hand des niederländischen Staates befindet. ABN AMRO ist jetzt also eine Staatsbank – ganz wie im real existierenden Sozialismus. Zalm hat nun die Aufgabe, die ABM AMRO-Bank mit der Fortis Bank Niederlande zu einer neuen niederländischen Großbank zu verschmelzen. Die Fortis Versicherung Niederlande soll und ist schon teilweise weiterverkauft worden.

Aber auch die Deutsche Bank hat noch ein Wörtchen in dem ganzen Deal mitzureden. Auf Druck der EU-Kommission in Brüssel hin erwarb sie von Fortis – als diese die ABN AMRO übernommen hatte – große Teile der ABM AMRO-Bank in den Niederlanden, darunter die Rotterdamer Hollandse Bank Unie. Die EU-Kommission bestand aus kartellrechtlichen Gründen seinerzeit auf diese Transaktion, die immer noch stattfinden muss.


Autor: Helmut Hetzel
Erstellt:
Juli 2009