X. Einzelschicksale in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise

Eines der prominentesten Opfer der Wirtschaftskrise in den Niederlanden ist zweifellos „Mister Ferrari“ Frits Kroymans. Er war der König der Autohändler in den Niederlanden mit Niederlassungen auch in anderen europäischen Ländern, davon allein 15 in Deutschland und importierte Marken wie Cadillac, Corvette, Alfa Romeo, Hummer, Saab, Opel, Jaguar, Ferrari, Maserati, Ford, Land Rover, Aston Martin, Nissan, Volvo, Fiat, Lancia und noch einige andere mehr. Frits Kroymans betrieb 300 selbständige Autohandelshäuser in den Niederlanden und in Europa. Fast jeder kannte den flamboyanten Unternehmer in den Niederlanden.

Der 68jährige Frits Kroymans war ein Star. Jetzt ist er pleite. Genauer gesagt nicht er, sondern eine seiner beiden Holdings musste Konkurs anmelden, nämlich die, die Autos verkauft. Die andere, die Citadel Holding, die im Im- und Export von Maschinenteilen tätig ist, floriert auch in der Krise. Sie ist gesund. Aber rund 1.000 Mitarbeiter der Kroymans Auto-Holding müssen nun um ihren Arbeitsplatz fürchten. Frits Kroymans allerdings scheint seine Schäfchen im Trockenen zu haben. Denn er bestellte sich gerade einen neuen Privatjet des Typs „Cessna Citation Jet 3“. Preis: 7 Mio. Dollar. „Ich bin zwar angeschlagen aber nicht geschlagen“, sagt „Mr. Ferrari“ zum Konkurs einer seiner Firmen. Er hat auch gut reden. Sein Privatvermögen wird auf 400 Mio. Euro geschätzt.

Krise verdirbt vielen Niederländern den Appetit

Die schwere wirtschaftliche Krise scheint vielen Niederländern inzwischen auch den Appetit verdorben zu haben – oder zwingt sie aus Geldmangel dazu, ihr Ausgeh- und Essverhalten zu ändern.

Es ist Mittagszeit – Lunch-Time, wie man in den Niederlanden sagt – in einem Haager Nobelrestaurant: Ober Fred ist wie immer freundlich. Er kündigt das Drei-Gänge-Tagesmenü an. Es beginnt mit Fisch, geräucherte Makrele und/oder Aal, ein Häppchen Hering dazu. Als Hauptspeise kann der Fleischliebhaber das Filet vom Weiderind oder der Fischfreund eine gegrillte Scholle wählen. Das klassische Dessert Crème brûlée rundet das Menu ab. Preis 39 Euro pro Person, ohne Wein oder andere Getränke. À la carte kann der Gast natürlich auch speisen. Doch der fühlt sich hier, bevor er bestellen kann, erst einmal mutterseelenallein. Denn in diesem Restaurant, wo vor einem Jahr ohne Reservierung vorab sicher kein Tisch für ihn frei gewesen wäre, ist es nun gähnend leer. Nur noch ein einziger weiterer Tisch ist besetzt. Ober Fred ist ehrlich als er darauf angesprochen wird: „Ja, wir spüren die Krise. Es ist schrecklich. Die Gäste bleiben weg“, antwortet er. Dieses Haager Restaurant ist aber glücklicherweise noch offen, weil es zum abendlichen Dinner nach wie vor recht gut besucht wird. Andere aber sind schon pleite. So wie beispielsweise das renommierte Restaurant Bali im Bad- und Kurort Scheveningen, wo es einst eine der besten indonesischen Reistafeln von Den Haag gab. Die beiden Szene-Restaurants Puck und Pip, vor einem Jahr noch die kulinarischen Treffpunkte beim verwöhnten Haager Gourmet-Publikum, mussten ebenfalls schließen, ebenso wie das Grand Café Greeve gleich um die Ecke vom Puck, das vor allem von der Haager Kunstschickeria gerne besucht wurde.

Aber Den Haag ist kein Einzelfall. In Enschede schloss „Het Koetshuis Schuttersveld“ die Türen für die Gäste. Pleite. „De Beukenhorst“ in Winterwijk musste aufgeben. „Rozemarijn“ in Maastricht ist zu. In der Vermeer-Stadt Delft musste „L'Orange“ das Besteck von den Tischen holen. Geschlossen. Keine Kundschaft mehr. „Mir steht das Wasser bis zum Hals“, sagt ein Patron eines Haager Restaurants, der nicht namentlich genannt werden will. „So etwas wie derzeit habe ich noch nie erlebt.“ Es scheint, als habe die Wirtschaftskrise den Niederländern den Appetit verdorben. Statt sich ein gutes Essen zu leisten, stürmen sie jetzt lieber die Imbissbuden, wo die klassischen niederländischen Snacks wie „Bitterballen“ (frittierte Fleischbällchen), Pommes mit Mayo oder die „Frikandel“ – eine längliche Fleischrolle in Bratwurstform. Die Niederländer sparen. Und wenn sie sparen, dann scheinen sie zuerst am Essen zu sparen.

Betroffen von der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise sind in den Niederlanden inzwischen so gut wie alle Branchen. Besonders leiden darunter die Selbständigen, die Klein- und Mittelbetriebe, die Gastronomie und natürlich die Finanzbranche, während in Deutschland der Maschinenbau und die Automobilindustrie besonders hart gebeutelt wird. In den Niederlanden klagen inzwischen aber auch Notare und Makler über die immer schleppender verlaufenden Geschäfte in ihrer Branche. Die Immobilienpreise beginnen vielerorts zu sinken. Konnte man vor einem Jahr in den Niederlanden ein Haus binnen zwei, drei Monaten verkaufen, so dauert es nun durchschnittlich ein ganzes Jahr, bis man es los ist. Und das dann meist nur mit einem kräftigen Preisabschlag. „Es ist ein klarer Käufermarkt“, sagt ein Makler.

Profiteure der Krise

Es gibt aber auch Profiteure der Krise. „Krise, welche Krise?“ Das Plakat mit diesem Slogan hängt mit riesigen schwarzen Lettern beschrieben im Schaufenster eines Haager Schuh- und Schlüssel-Service-Ladens. Jan Blauw[*] ist gut gelaunt und frisch gebräunt. Er kommt gerade aus dem Urlaub zurück, den er wie immer an einer spanischen Costa verbrachte. Einen ganzen Monat hatte der Schuster und Schlüssel-Imitator sein Geschäft geschlossen, um Urlaub zu machen. „Ich schwimme in der Arbeit sagt er. Mein Geschäft brummt.“ Warum? – Die Antwort liegt auf der Hand. Die Verbraucher sparen. Anstatt sich neue Schuhe zu kaufen, bringen sie ihre alten und lädierten Exemplare anstatt sie wegzuwerfen jetzt lieber zu Schuhmacher Jan. Dort werden sie wieder aufpoliert, zu einem Preis, der zwar auch ganz schön hoch ist, aber per Saldo ist die Schuh-Reparatur immer noch billiger als der Neukauf.

So wie der Schuster Jan profitiert auch der Kfz-Meister Bert Kluwer[*] von der Krise. Auch er leistet sich gerade mit seiner sechsköpfigen Familie einen ausgedehnten Urlaub. Allerdings nicht in Spanien. Bert hat sich den Appell des niederländischen Außenhandelsministers Frank Heemskerk zu Herzen genommen. Heemskerk hatte seine Landsleute vor Beginn der Sommerferien dazu aufgerufen: „Macht Urlaub im eigenen Land!“ Bert folgt diesem Aufruf und macht in diesem Sommer nicht in Griechenland oder Italien sondern in der südwestlichen niederländischen Provinz Zeeland Urlaub. Der Kfz-Meister betreibt eine Werkstatt in Den Haag. Er hat zwar einen Lizenz- und Servicevertrag für die Reparatur von Autos einer japanischen Marke. Aber ganz so genau hält er den nicht ein. Wenn PKWs anderer Automobilmarken mit einem Schaden oder zum Kundendienst kommen, werden auch diese angenommen und repariert. Der Rubel rollt bei Bert. Denn obwohl auch die niederländische Regierung nach deutschem Vorbild eine Art Abwrackprämie eingeführt hat, um die Konjunktur anzukurbeln und den Umweltschutz zu fördern, wenn die alten Autos verschrottet werden, sind viele Niederländer mit dem Auto-Neukauf zurückhaltend. Für die Autowerkstatt gilt daher dasselbe wie für den Schuster: Die alten PKW-Modelle werden lieber noch einmal zur Reparatur gebracht, bevor man sich einen Neuwagen kauft.


[*]Namen auf Wunsch der Beteiligten von der Redaktion verändert

Autor: Helmut Hetzel
Erstellt:
Juli 2009