VI. Bankenverstaatlichung: Rückblick auf den 5. Oktober 2008

Niederländischer Staat holt sich die ABM AMRO-Bank zurück und übernimmt große Teile von Fortis

Am 5. Oktober 2008 holt sich der niederländische Staat die ABM AMRO-Bank zurück. Zu einem Preis von 16,8 Mrd. Euro kauft die Haager Regierung große Teile der Benelux-Finanzgruppe Fortis, welche somit zerlegt wurde. Die Fortis-Bank Niederlande, die ABM AMRO-Bank und die Fortis Versicherungen Niederlande werden zu 100 Prozent Eigentum des niederländischen Staates. Übrig bleiben nach der Aufteilung des Fortis-Konzerns: Die Fortis Bank Luxemburg an der der Luxemburger Staat sich bereits zum Preis von 2,5 Mrd. Euro 49 Prozent der Anteile gesichert hat sowie die Fortis Bank Belgien, die Fortis Versicherungen Belgien und das Fortis Investment, in das jedoch die ABN AMRO Vermögensverwaltung bereits integriert worden ist. An diesem belgischen Fortis-Teil ist die Brüsseler Regierung zu 49 Prozent beteiligt und Sie zahlt dafür 4,7 Mrd. Euro. Der Betrag, den die Haager Regierung in der vergangenen Woche zur Rettung des Fortis-Konzerns zugeschossen hatte, nämlich 4 Mrd. Euro, wird mit dem jetzigen Kaufpreis von 16,8 Mrd. Euro verrechnet, so dass für die Haager Regierung nun per Saldo nochmals 12,8 Mrd. Euro fällig werden. Alle niederländischen Teile der Fortis-Gruppe plus die ABM AMRO-Bank, die Fortis im vergangenen Jahr zum Preis von 24 Mrd. Euro erworben hatte, werden in einen neuen großen niederländischen Finanzkonzern integriert. Ob der neue Finanzkonzern Fortis oder ABN AMRO heißen wird, ist noch offen. Wahrscheinlich ist, dass er unter ABN AMRO firmieren wird.

„Jedenfalls wird die neue niederländische Kombination Fortis/ABN AMRO zu den zehn größten Finanzinstituten in Europa gehören“, sagte der Haager Finanzminister Wouter Bos. Er hatte in den vergangenen Tagen ein unglaublich cleveres Theaterstück aufgeführt. Denn während unter strengster Geheimhaltung der neue Fortis-Deal in Brüssel zwischen den Regierungen der Niederlande, Brüssel und Luxemburgs ausgehandelt wurde, verteidigte Wouter Bos im Haager Parlament die erste inzwischen überholte Variante der Fortis-Rettung vehement. Aber er wusste während der hitzigen Parlamentsdebatten bereits, dass sie schon obsolet war. Der Grund: Obwohl die drei Benelux-Regierungen vor einer Woche gemeinsam 11,2 Mrd. Euro in die Rettung des Fortis-Konzerns gepumpt hatten, reichte das Geld nicht, um den Fortis-Konzern in seiner alten Form am Leben zu halten. „Die Kunden liefen massenhaft weg. Wir mussten erneut handeln“, begründete der damalige belgische Regierungschef Yves Leterme die Zerschlagung des Fortis-Konzerns. Dem Vernehmen nach hat auch der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), der Franzose Jean-Claude Trichet, seinerzeit energisch auf eine neuerliche Staatsintervention zur Rettung der Fortis-Gruppe gedrängt. Trichet argumentierte, Fortis sei zu groß und international zu bedeutend als dass man den Konkurs von Fortis riskieren könnte. Eine europäische Bankenpleite mit den Auswirkungen wie sie der Konkurs der Geschäftsbank Lehman Brothers in den USA hatte, dürfe es nicht geben. Der nun zerlegte Fortis-Konzern beschäftigt 85.000 Mitarbeiter in 58 Ländern der Welt. Sein Konkurs wäre ein Dominostein gewesen, der nicht nur in Europa, sondern international voraussichtlich auch andere Banken mit in die Pleite gerissen hätte. Allein bei der nun zu 100 Prozent verstaatlichten niederländischen Sparte von Fortis/ABM AMRO arbeiten 45.000 Menschen.

Unklar ist noch, ob die Deutsche Bank bei Fortis zum Zuge kommen wird. Sie hatte zum Preis von 701 Mio. Euro einen Teil der ABM AMRO-Bank von Fortis gekauft. Die niederländische Zentralbank (DNB) blockiert jedoch nach wie vor das Geschäft und hat noch immer keine Zustimmung für den Verkauf dieser ABN AMRO-Teile an die größte Bank der Bundesrepublik erteilt.


Autor: Helmut Hetzel
Erstellt:
Juli 2009