II. Ausgangssituation: Niederlande und Deutschland im weltweiten Abwärtssog


Die Niederlande und Deutschland erlebten im Frühjahr 2009 die schwerste Rezession seit 1945. Der Rückgang der Wirtschaftsleistung war Anfang des Jahres wesentlich höher als befürchtet. Analysten hatten in den Niederlanden mit einem Rückgang von etwa 3 Prozent gerechnet, es sind aber bis zu 5 Prozent geworden. In Deutschland ist sogar ein Minus von 6 Prozent zu verzeichnen.

Einfluss der Rezession auf den Welthandel - Importeure:
Angaben in Mrd. US-Dollar, Quelle: WTO und fd
Land
2008
Mut. %
USA
2.166 7
Deutschland
1.206 14
China
1.133 19
Japan
762 22
Frankreich
708 14
Großbritannien
632 1
Niederlande
574 16
Italien
556 10
Belgien
470 14
Korea
435 22

In den Niederlanden haben die Verbraucher zu sparen begonnen. Sie gaben erstmals seit vier Jahren weniger aus, so dass die Konsumgüternachfrage ebenfalls rückläufig war und zwar um 2,4 Prozent. Der Export brach ein. Die Niederlande, eine Exportnation wie Deutschland, konnten 12 Prozent weniger Tulpen, Gouda-Käse oder Farben und Lacke verkaufen. Die Arbeitslosigkeit steigt rapide, obwohl der Oranjestaat mit einer Quote um 5 Prozent im ersten Halbjahr 2009 im europäischen Vergleich noch relativ gut dasteht.

Einfluss der Rezession auf den Welthandel - Exporteure:
Angaben in Mrd. US-Dollar, Quelle: WTO und fd
Land 2008 Mut. %
Deutschland 1.465 11
China 1.428 17
USA 1.301 12
Japan 782 10
Niederlande 634 15
Frankreich 609 10
Italien 540 10
Belgien 477 10
Russland 472 33
Großbritannien 458 4

Die inzwischen verstaatlichte ABM AMRO-Bank braucht neues Geld von der Haager Regierung, um überleben zu können. Geschätzt wird, dass weitere 8 bis 10 Mrd. Euro in die Staatsbank gepumpt werden müssen, nachdem der Haager Finanzminister Wouter Bos im Oktober 2008 mit dem Kauf der ABN AMRO sowie der Fortis Bank und Versicherung von der Fortis Holding bereits 16,8 Mrd. Euro ausgegeben hatte. Weitere 2,5 Mrd. Euro als Finanzhilfe für die ABM AMRO-Bank wurden inzwischen von der Haager Regierung bewilligt.

Der Allfinanzriese ING, dessen Bilanzsumme mit fast 1.400 Mrd. Euro mehr als doppelt so hoch ist wie das niederländische Bruttoinlandsprodukt (BIP), erhielt im Oktober 2008 satte 10 Mrd. Euro an staatlicher Stütze. Das ist zwar ein Vielfaches weniger als die 100 Mrd. Euro, die die Münchner Hypo Real Estate von der Berliner Regierung überwiesen bekam, aber die ING-Finanzspritze riss auch ein Loch in den niederländischen Haushalt.

Der Haager Lebensversicherer Aegon erhielt von der niederländischen Regierung 3,5 Mrd. Euro. Folge: Die Staatsschuld explodiert sowohl in den Niederlanden wie auch in Deutschland. Sie dürfte Ende des Jahres in den Niederlanden bei etwa 60 Prozent des BIP oder noch höher liegen. In der Bundesrepublik wahrscheinlich noch höher.

Wirtschaftswachstum in Deutschland und den Niederlanden im Jahr 2008:
Quelle: CBS und destatis
Quartal
Niederlande
Deutschland
1.
3,7% 2,1%
2.
3,5% 3,4%
3.
2,0% 1,4%
4.
-0,6% -1,6%

Die Niederlande waren aber vor Ausbruch der weltweiten Rezession und Finanzkrise gut aufgestellt. Jedenfalls besser als Deutschland. Die verschiedenen Regierungen unter Leitung des christdemokratischen niederländischen Ministerpräsidenten Jan Peter Balkenende, der in Den Haag seit 2002 regiert, handelten nämlich nach dem altbekannten und bewährten Motto: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Im Jahr 2007, also bevor der große Abschwung kam, war die Staatsverschuldung auf 45 Prozent des BIP gesunken und wies der Staatshaushalt im Land der Tulpen sogar einen Überschuss aus, während der deutsche Haushalt trotz der Boomjahre 2006 und 2007 und des ersten Halbjahrs in 2008 immer noch ein Finanzierungsdefizit hatte. Wie die Zahlen zeigen, machte das Haager Regierungsteam der Großen Koalition mit Ministerpräsident Jan Peter Balkenende und Wouter Bos seinen Job damit per Saldo besser als das deutsche Team von Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück-

Lehman-Pleite als Anfang vom Ende

Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 war der Wendepunkt – von jenem Zeitpunkt an ging es mit der Weltwirtschaft bergab. Die Deutsch-Niederländische Handelskammer in Den Haag schriebt in ihrem Jahresbericht 2008 dazu:

„Die wirtschaftliche Krise spitzte sich zu, als amerikanische Banken infolge überbewerteter Immobilienfinanzierungen auf ihren Krediten sitzen blieben. Die im September 2008 bekannt gemachte Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers bildete den symbolischen Startschuss für den Absturz der internationalen Wirtschaft, der alle Industrienationen im letzten Quartal des Jahres mitriss. Neben mehreren großen US-Banken mussten zunächst auch große amerikanische Versicherer wie AIG Insolvenz anmelden. Die amerikanische Regierung sprang mit Milliardenhilfen ein und übernahm die Kontrolle über die beiden größten Hypothekenbanken der USA. In Folge der Krise kam es zu Kursstürzen an den globalen Aktienmärkten. Die Krise erfasste in kürzester Zeit auch deutsche und niederländische Institute und führte zu einer erheblichen Verunsicherung der Gesamtwirtschaft. Sowohl die Bundesrepublik als auch die Niederlande, für ihr Wirtschaftswachstum in großem Maße auf den Handel angewiesen, wurden hiervon Ende 2008 empfindlich getroffen. Die Exportzahlen brachen in vorher kaum gekannter Weise ein. Dies wiederum traf vor allem Großunternehmen, die besonders international ausgerichtet sind. Die Niederlande erreichten 2008 trotz eines starken Rückgangs im letzten Quartal ein Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent (2007: 3,5 Prozent). Die deutsche Wirtschaft hat nach zwei Jahren mit kräftigem Wirtschaftswachstum im Jahr 2008 mit 1,3 Prozent nur noch moderat zugelegt (2007: 2,5 Prozent).“

Quelle: DNHK


Betroffen von der aktuellen Wirtschaftsmisere sind in den Niederlanden und in Deutschland so gut wie alle Branchen. Besonders hart gebeutelt wird neben den großen Finanzdienstleistern die Bauindustrie und in Deutschland die Autoindustrie (Opel). Aber in den Niederlanden ist auch der Hightech-Sektor, der namentlich von Philips oder dem weltgrößten Ausrüster der Halbleiterindustrie ASML repräsentiert wird, schwer betroffen. Es werden sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden tausende bis zehntausende von Arbeitsplätzen abgebaut.
Angesichts der misslichen Lage haben sich die Gewerkschaften in den Niederlanden inzwischen zur Lohnmäßigung bereiterklärt – in manchen Betrieben kommt es gar zu Lohnkürzungen. Die Gehälter der Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst wurden von der Haager Regierung eingefroren. Ähnliches gibt es in der Bundesrepublik derzeit noch nicht.

Während in Deutschland vor der Bundestagswahl im September heftig über Steuersenkungen oder Steuererhöhungen debattiert wird, hat die Haager Regierung in dieser Hinsicht bereits ein Zeichen gesetzt. Die Flugsteuer, die viele niederländische Touristen in den vergangenen Monaten auf Flughäfen in Deutschland oder Belgien ausweichen ließ, wurde am 1. Juli abgeschafft. Fliegen von den Airports in Amsterdam, Eindhoven, Rotterdam oder Maastricht/Aachen ist also wieder billiger.

Aber auch Steuererhöhungen hat die Haager Regierung in petto. Hausbesitzer aber, deren Villa mehr als eine Million Euro wert ist, müssen dafür künftig höhere Steuern bezahlen. Auch eine Abwrackprämie nach deutschem Vorbild wurde vom Kabinett unter Leitung des christdemokratischen Ministerpräsidenten Jan Peter Balkenende eingeführt, obwohl die Niederlande keine eigene große Autoindustrie mehr haben. Bei der verstaatlichten ABM AMRO-Bank mussten die Manager auf ihre Boni verzichten, wenn sie ihren Job behalten wollten.

Den Kauf von 85 neuen und teuren Kampfjets des amerikanischen Typs „Joint Strike Fighter“ (JSF) hat die Haager Regierung erst einmal auf Eis gelegt. Denn es wird inzwischen darüber gestritten, ob man die vielen Milliarden, die die 85 JSF-Jets kosten würden, nicht anderweitig – etwa im Sektor Erziehung und Bildung oder dem Gesundheitswesen – einsetzen soll. Es gibt aber auch einige Lichtblicke. Dazu gehören beispielsweise der niederländisch-schweizerische Impfstoffhersteller Crucell oder das Geologie-Unternehmen Fugro. Mitten in der Krise schaffte Crucell erstmals den Sprung in die Gewinnzone. Fugro indes sucht weltweit weiter nach Öl und anderen Bodenschätzen und hat noch immer prall gefüllte Auftragsbücher. Das zeigt: Der nächste Aufschwung wird kommen. In den Niederlanden, Deutschland und anderswo in der Welt auch.


Autor: Helmut Hetzel
Erstellt:
Juli 2009